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Beim Frisör

Gestern war ich beim Frisör. Während meine Wimpernfarbe trocknete und ich mit geschlossenen Augen in die Dunkelheit horchte, hörte ich ein Gespräch mit. Bereits als ich den Laden betrat, bemerkte ich, dass es eine besondere Frau in diesem Salon gab. Die anderen Kundinnen und die Angestellten schielten immer wieder verstohlen zu ihr hinüber. Sie schauten sie so an wie viele Frauen anblicken, die ein bisschen zu auffällig gekleidet, ein bisschen zu stark geschminkt sind – mit einer Mischung aus Ver- und Bewunderung. Ich denke, die Frau war Anfang 70, aber ich bin mir unsicher. Ich kann ältere Frauen schlecht schätzen, vielleicht weil ich in den Medien tatsächlich zu wenige von ihnen zu sehen bekomme und gar nicht weiß, wie weibliches Alter eigentlich aussieht. Aber vielleicht auch nur, weil ich mich mit zu wenigen umgebe.

Die Frau war nicht allein. Neben ihr saß ihre Begleitung. „Meiner Mutter war es immer zu aufwendig, mir Zöpfe zu flechten,“ begann sie zu erzählen, während ich still in ihrem Rücken saß „ich musste ja auch früh mithelfen, wir waren ja sechs. Sie schnitt sie immer kurz und ich beneidete die anderen Mädchen so.“ „Aber danach, Mama,…“ wandte ihre Begleitung ein. „Ach,“ sagte die Frau, „dann kamt ihr und dann war ich doch schon in einem Alter, wo man keine langen Haare mehr trägt, nur bis zur Schulter oder so. Und dann dachte ich, so etwas macht man doch nicht. Das wäre doch eitel. Dabei war das immer mein allergrößter Wunsch.“ „Dein allergrößter Wunsch, Mama?“ fragte die Tochter in diesem Moment fast spöttisch zurück. „DAS war dein größter Wunsch?“ Nur kurz war die Stille, dann antwortete die ältere Frau bestimmt: „Ja, das war er.“

Ich bekam die Farbe von den Augen gewischt, die Haare gefönt und schaute beim Hinausgehen noch einmal genau hin. Auf dem Frisörtisch vor der auffälligen älteren Frau lagen massenhaft sehr lange, sehr blonde Haare. Sie bekam gerade Extensions. Inzwischen hielt ihre Tochter ihre Hand und lächelte. Ihre Mutter hatte rote Augen. Ich glaube, sie weinte immer noch ein wenig.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was ich über diese Frau denken würde, wenn sie mir jetzt auf der Straße entgegen käme – mit ihrem eng anliegenden kurzen Kleid und ihrem Full Frontal-Make Up. Mit diesen hüftlangen blonden Haaren, die mich mehr an Daniela Katzenberger erinnerten als an eine Oma. Ich hätte sie vermutlich irritiert aufgenommen, als Zeichen von Geltungssucht und Narzismus vielleicht. Dabei scheinen diese Zöpfe vielmehr Symbol einer nicht gelebten Kindheit zu sein.

In den letzten Tagen habe ich ein paar Texte gelesen, in denen es darum ging, was Frauen tun, um attraktiv zu sein und zu bleiben. Was von ihnen erwartet wird, was sie für nötig halten, was andere über sie denken, wenn sie Botox nutzen, gebleichte Haare oder falsche Wimpern tragen. Was ist zuviel und was zu wenig? Wann sind wir ganz bei uns und wann nur getrieben von fremden Erwartungen? Warum fällt es auch mir manchmal so schwer zu glauben, dass – im übertragenen Sinn und für die schöne Alliteration – Lippenstift und Literaturinteresse wunderbar zusammengehen? Vielleicht, dachte ich, ist die Antwort gar nicht so schwer: Es wird Zeit. Zeit, dass wir uns unsere eigene Schönheitsgeschichte zurückzuholen und anderen ihre gönnen. Meine geht so: Es macht Spaß, ein bisschen besser auszusehen. Es ist ein gutes Gefühl, attraktiv zu sein. Perfekt hingegen ist langweilig. Und oft sehr, sehr anstrengend. Das geht doch eigentlich ganz gut zusammen, oder?

 

Foto: flickr – Midnight Believer – CC by 2.0

#8 Heute in vier Wochen – Unbeschrieben-Podcast

Vor fast einem Jahr ging alles los – mit dem Buch und diesem Podcast. In vier Wochen wird es nun erscheinen und das ist alles immer noch ziemlich aufregend. Was in der Zeit zwischen Manuskriptabgabe und heute noch passiert ist und warum ich mit Eigenwerbung nicht ganz warm werde, erfahrt ihr in der achten Folge des Unbeschrieben-Podcast.

Viel Spaß beim Hören! Das Buch könnt ihr z.B. hier vorbestellen (Link zu Amazon). Ich freue mich über Sterne und Rezensionen auf iTunes.

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Foto: flickr – Kimberly – CC by 2.0

#7 Wieso das erste Buch zirka 30 Jahre dauert – Unbeschrieben-Podcast

Ihr habt gefragt, ich habe geantwortet und das ist sie: die Folge voller Fragen. Fragen zum Buch und zum Schreiben. Was habe ich genau an den Verlag geschickt? oder Wie stand es um die Motivation beim Schreiben? Nebenbei erfahrt ihr in dieser Folge, warum ich auch finde, dass das erste Buch um die 30 Jahre dauert und welche ziemlich männlichen Schreibtricks Stephen King auf Lager hat. Ganz am Ende gibt es dann wieder einen Text, dieses Mal in der 15-Punkte-Schreibblockade-Edition.

Viel Spaß beim Hören! Das Buch könnt ihr inzwischen z.B. hier vorbestellen,  in den Händen haltet ihr es dann im September.

Und ich freue mich wie immer über Kommentare, Sterne und Rezensionen auf iTunes oder hier unter dem Post.

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Foto: flickr – Daniel Novta – CC by 2.0

Nackig für die gute Sache

Es ist eine Weile her, dass ich an einem Text so viel herumüberlegt habe. Alles fing damit an, dass mir Kato vom Blog Innocent Glow den Link zu diesem Video schickte und mich fragte, ob ich es schon kenne. Ich kannte es noch nicht. Und mir stand ein bisschen der Mund offen. Sagen wir es so, hier sind ein paar Dinge ziemlich schief gelaufen. Das Team von Sat.1 begleitet eine Protagonistin, die sich endlich wohl in ihrem Körper fühlt, sozusagen bei der öffentlichen Verkündung dieses neuen Gefühls. Dafür stellt sie sich im Bikini und mit verbundenen Augen in eine Fußgängerzone. Auf dem Schild neben ihr steht so etwas wie: „Ich mag mich und ich mag diese falschen Ideale nicht. Wenn es dir auch so geht, male ein Herz.“

Kurze Zeit später ist sie mit Herzen übersät. Ja, man malt diese direkt auf die Frau, die da nur im Bikini mit verbundenen Augen steht. Finde nur ich das komisch? Und die Akte-Reporter nehmen gleich noch drei andere Frauen, die gerade Herzen gemalt haben, zum Unterwäscheshooting mit.

Das Ganze wird unterlegt von zu viel dramatischer Musik, als würde sich ein Torero in die Arena aufmachen. Und ganz oft wird betont, wie mutig das von dieser Frau ist. Auch das Fazit „Problemzonen bei Frauen sind eben oft nur Probleme im Kopf.“ greift erstaunlich kurz in Anbetracht unserer auch gesellschaftlich gemachten Schönheitsideale.

Ich will aber eigentlich nicht darüber schreiben, wie misslungen ich dieses Video finde. Denn die Frauen darin scheinen sich ziemlich wohl zu fühlen. Und ehrlich gesagt ist „mutig“ zur Beschreibung der Aktion in der Fußgängerzone vielleicht doch nicht das schlechteste Wort. Denn ich würde mich nicht in die Fußgängerzone stellen. Aber eben nicht wegen meines Körpers, sondern weil das Video etwas in mir auslöste, was so ziemlich jeder Artikel, Film oder Ähnliches in der letzten Zeit auslöste, an dessen Ende als dramaturgischer Höhepunkt (und Zeichen, dass Selbstliebe und Körperakzeptanz erreicht sind), das öffentliche Nackigmachen stand. Was natürlich auch den Supernebeneffekt hat, dass wir endlich vielfältigere Körper zu sehen bekommen. Wieso löst es dann bei mir Unbehagen aus? Bin ich vielleicht doch eine prüde, norddeutsche Protestantin?

Ich versuche mal, meine Gedanken in Worte zu fassen. Der Wert von Frauen wurde eben schon immer eher über ihren Körper definiert als über andere Merkmale. Und mehr und vielfältigere Körper in den Medien zu zeigen, wird eben die Tendenz, Frauen in erster Linie über ihren Körper zu bewerten, nicht ändern. Und noch mehr Frauenkörper zu zeigen wird vermutlich auch nicht dazu führen, dass Frauen sich als mehr als ihr Körper wahrnehmen. Wann immer aber Frauen zu Objekten werden, die man ausstellt, anschaut und mit Herzen bemalt, sind sie eben nur das: Objekte und Körperteile. Wenn man also will, dass Frauen für mehr als für ihren Körper gehalten werden, darf man konsequenterweise eigentlich nicht klatschen, wenn eine neue Vielfalt an Körpern auch zum Objekt wird. Und das macht es so schwer mit meinen Gedanken, denn was wir brachen sind ja unterschiedlichere Körper und viel mehr unterschiedliche Frauen in den Medien. Aber eben nicht im Bikini in der Fußgängerzone. Es kann doch nicht mit Instagram-Fotos (#bodypositivity) enden, was einmal so groß gedacht war. Weil Body Positivity eigentlich nicht bedeutet, dass man findet, dass der eigene Körper auch in Größe 44 gut aussieht, sondern, dass er gut ist, wie er ist – einfach so. (Dann wäre es übrigens auch überflüssig zu diskutieren, ob jemand nun dick schön findet oder nicht. Oder ob man sich selbst schön finden muss.) Mehr noch, der nächste, der entscheidende Schritt fehlt ganz, wenn wir nur Körpern applaudieren. Der wäre nämlich mehr Likes für Frauen auf Podien, in Vorständen, als Mütter, als Krankenschwestern, Supermarktkassiererinnen, Ingenieurinnen, Programmiererinnen, you get the idea. Mehr Likes für sie als Mensch als für alle Größen im Bikini. Ist das jetzt utopisch und weltfremd? Zu groß gedacht, zu viel gewollt? Ich weiß es nicht, aber der jetzige Fortschritt fühlt sich eben manchmal nicht mehr hundertprozentig wie Fortschritt an. Und dabei gelten meine Gedanken eigentlich weniger individuellen, „normalen“ Frauen als Männermagazinen oder Unterwäsche- und Bademodelherstellern, die sich dafür feiern lassen, dass sie ein Plus Size – Model engagiert haben (und es dann genauso inszenieren wie immer).

Foto: flickr – four12 – CC by 2.0

Sommer

Immer im Sommer schmiede ich Pläne und sprühe vor Ideen. Dabei ist der Sommer die schlechteste Zeit dafür. Denn der Sommer ist zum Eis essen und Schwimmen gehen und die Seele in der Sonne baumeln lassen gedacht. Also muss ich beinahe jeden Sommer wieder lernen, keine schlechte Laune zu bekommen. Ich bekomme schlechte Laune, weil ich eigentlich sofort alles machen möchte (aufmerksame Podcasthörerinnen wissen um meine Ungeduld). Aber wenn ich sofort alles machen würde, bleibt, das ist ganz klar, keine Zeit für Eis und baden und Seele baumeln lassen. Und dann, ich kenne das, sitzte ich schwupps wieder im Berliner Winter und kann mich gar nicht mehr darüber freuen, dass ich viele Dinge gemacht und versucht habe.

Weil manche von ihnen eben nur Versuche blieben und schon wieder im Nebel der fast vergessenen Ideen verschwunden sind, die einmal so großartig klangen und dann doch überraschend schnell ihren Zauber verloren.

In solchen Fällen sind Kinder eine ganz wunderbare Erfindung, denn sie fragen sich nicht, ob man große oder kleine Ideen gegen Eis und Ausflüge oder den Badesee tauschen sollte. Große Sommerideen haben bei ihnen nämlich eigentlich immer etwas mit Eis und Wasser und auf jeden Fall mit draußen zu tun. Und sie fordern vehement ein, dass sie bei ihren Ideen alle Unterstützung der Welt bekommen. Ganz besonders aber die ihrer Eltern. Da sind meine Kinder sehr ungeduldig bei der Umsetzung ihrer Ideen. Ich weiß gar nicht, von wem sie das haben.

Und so bemerke ich in den letzten Tagen, dass es wohl hier in nächster Zeit etwas ruhiger werden könnte. Denn es bleibt oft nicht viel mehr als zwischen Abtrocknen und Klebehände säubern ein paar Notizen ins Smartphone zu tippen. Dort werden sie wohl warten müssen, bis der graue November nach Lichtblicken verlangt. Ich übe noch, mich darüber nicht zu ärgern. Aber es funktioniert mit jedem Sommer besser, denn wenn ich auf das Eis und den Badesee und unsere Köpfe in der Sonne blicke, wird mir eines doch ziemlich klar: Kinder zu bekommen war die beste Idee von allen.

Foto: flickr – risa ikeda – CC by 2.0