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Rauchzeichen

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Rauchen ist mit das Dümmste, was man tun kann. Es verursacht Krebs und andere schrecklichen Krankheiten, die heute vorn auf den Packungen ausgestellt sind. Außerdem stinkt es und ist – ein nicht zu verleugnendes Argument angesichts des Geldes, das jeden Monat mehr und mehr durch die Finger rinnt – teuer.
Trotzdem sind Zigaretten überall. Um mich herum wird wieder geraucht – und das mit einer ziemlichen Selbstverständlichkeit. Zusammen mit den Levis sind auch die Kippen wieder da und ich fühle mich zurückversetzt in die Schulzeit, als die Coolen vor dem Tor standen und qualmten. Wann kam das Memo, was habe ich verpasst?

Dabei bin ich Profi, was das Ganze angeht. Väter meiner Freundinnen rauchten im Auto bei geschlossenem Fenster, ich kenne noch Zeiten als alle Kneipen Raucherkneipen waren und Samstagnächte, in denen man umhüllt von seinen eigenen eingeräucherten Haaren quasi in einem Aschenbecher schlief.

Und während ich diese Oma-erzählt-vom-Krieg-Aufzählung tippe, wird mir der Grund meiner Irritation schon klar. Denn wer um nicht herum raucht, sind nicht die anderen in meinem Alter, sondern Menschen um die 20. Mit 40 scheint mich nun also zum ersten Mal der Boomervirus zu befallen. Wie schon vor zwanzig Jahren sind es die heißen, jungen Leute, die das Rauchen am Leben erhalten und wieder cool machen. Und ich stehe innerlich am Schultor und rufe peinlich heraus: Hey, junge Menschen, ich war auch mal cool! Interessiert halt nur keinen, auch das ist der Lauf der Zeit. Wenig hilfreich ist bei der ganzen Sache auch, dass im Streaming die fantastisch-aussehenden, coolen Frauen um die 50 auch wieder rauchen. Sylvie, die französische Chefin von Emily in Paris, Carrie Bradshaw – immer noch – und auch Neu-Charakter Seema in Sex and The City. Von der Popkultur fühle ich mich eigentlich am meisten betrogen. Da hat man mich in den 90ern mit Supermodels und Kate Moss gefüttert, um mich dann auf grüne Säfte und Gwyneth Paltrow und Zen und Gesundheitsbewusstsein und Zuckerfrei umzuerziehen und jetzt ist Rauchen wieder da? Na, vielen Dank. Den 20jährigen bin ich im Grunde gar nicht böse. Die haben laut Statistiken gerade während der Pandemie wieder vermehrt mit dem Rauchen angefangen. Was zunächst verwundert. In einer Zeit, in der die Sorgen um die eigene Gesundheit so gegenwärtig sind, greift man zur Zigarette. Auf der anderen Seite ist vermutlich genau das der Grund. Kaum etwas lässt einem die Dinge so egal werden wie die nahende Apokalypse – und nahende Apokalypse haben wir ja eigentlich täglich seit 2020. Im Grunde ist die Zigarette ein Gegenentwurf zum Chaos. Und obwohl ich den Geruch immer noch als richtig störend empfinde und sehr genervt bin, wenn in der Außengastronomie jemand neben mir raucht, muss ich doch eines zugeben: Nirgendwo findet man eine so schöne, sofortige Gemeinschaft von Fremden wie in der Rauchecke. Deshalb hätte ich diese Woche auch fast reflexartig in einem Berliner Backsteinhinterhof zugegriffen. Aber nur fast, denn in einem Punkt bleibe ich Oma. (Das Schöne am Älterwerden ist ja auch, dass man besser weiß, was man nicht will.) Und zwei Dinge lasse ich mir nie wieder von keinem Trend der Welt andrehen: Glimmstengel und Unterwäsche, die – um die wunderbare Caitlin Moran zu zitieren – sich nicht seesternartig an meinem gesamten Po andockt.

In diesem Sinne, genießt euren Sonntag – mit oder ohne Rauchzeichen.

Foto: flickr – maxwelld – CC BY-NC 2.0

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