kleine schöne Dinge
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Kaffee

Vor kurzem musste ich einen Vorsorgebogen ausfüllen und wurde nach meinem Kaffeekonsum befragt. Am Morgen hatte ich einen Artikel gelesen, wie es damals zu Nichtraucherschutzgesetz kam und mich daran erinnert, wie selbstverständlich es in meiner Kindheit und Jugend war, überall zu rauchen. Eine meiner einprägsamsten Jugenderinnerungen ist tatsächliche eine sensorische: das Einschlafen nach der Disko umrahmt von den eigenen Haaren, die wie ein Aschenbecher rochen. Ich überlegte, ob es plausibel ist, dass Kaffeetrinken einmal die gleiche Ächtung erfährt. Was unwahrscheinlich ist, da es andere natürlich nicht wirklich gefährdet. Das beruhigt mich, denn ich bin eine sehr engagierte Kaffeetrinkerin. An manchen vielen Tagen macht er einen nicht zu vernachlässigenden Teil meines Flüssigkeitskonsums aus. Ich bin zwar in der Lage, durchaus Geschmacksunterschiede zu erkennen, aber im Grunde ist mir schlechter Filterkaffee genauso lieb wie ein Barristakunstwerk. Ich würde es als Frevel empfinden, beim Kaffee zu diskriminieren.

Nichts hat mich je wirklich vom Kaffeetrinken abgehalten. Selbst wenn ich sehr krank bin, gilt mein erster Versuch der stofflichen Aufnahme oft nicht einer zerdrückten Kartoffel oder liebevoll gedämpften Möhren. Ich versuche erstmal, ob Kaffee wieder geht. Dabei ist es nicht einmal so, als würde das Getränk bei mir noch irgendeine nennenswerte Wirkung entfalten, abgesehen davon, dass es zu mir gehört wie mein Arm oder mein Ohr. Ich kann problemlos eine Tasse trinken und mich danach ins Bett legen, um zehn Stunden zu schlafen. Auf koffeinfreien Kaffee umzusteigen würde sich trotzdem falsch anfühlen. Wie bei jeder ordentlichen Sucht bin ich außerdem der Meinung, ich könnte selbstverständlich jeder Zeit aufhören, will es nur nicht und muss es deshalb auch nicht probieren.

Manchmal denke ich darüber nach, wann ich eigentlich angefangen habe, Kaffee zu trinken. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich Kaffee mit Erwachsensein verband und die erste Tasse herbeisehnte. Aber ich mag Serien wie Gilmore Girls, in denen die Protagonistinnen viel Kaffee trinken. Auf jeden Fall ist Kaffee im Alltag ein Haltepunkt, ein Versprechen auf ein paar Minuten Ruhe, selbst wenn ein Teil der Tasse dann doch kalt wird. Und Texte könnte ich vermutlich ohne Kaffee nicht mehr schreiben. Er ist meine eigene Pomodorotaktik. Wenn ich einen guten Teil Wörter zu Papier gebracht habe, darf ich mir eine Tasse holen, um Korrektur zu lesen (links die heiße Tasse und rechts die Hand frei zum Tippen), da bin ich mein eigener pawlowscher Hund.

Schlimm ist das alles natürlich nicht, zumal Kaffee ja ähnlich wie Schokolade zu den Lebensmitteln gehört, die in kleineren Mengen auch immer mal wieder als gute Sünden durch die Gesundheitsressorts der Magazine und Onlineseiten getrieben werden. Obwohl ich mir nicht vormache, dass mein ausgedehnter Konsum sich hier noch hineinpressen ließ. Trotzdem macht es mich immer ein wenig traurig, wenn Menschen mir erzählen, dass sie keinen Kaffee mehr trinken. Nicht, weil sie Magen- oder Schlafprobleme haben, sondern weil sie das Gefühl haben, dass sie es müssten. Weil jede Sucht und ungesunde Angewohnheit eben das Potential einer kleinen Selbstoptimierung in sich trägt. Aber warum hart mit sich selbst sein ohne eine wirkliche Notwendigkeit? Die Welt ist ja schon hart genug. Manche lassen mich in diesen Gesprächen wissen, dass sie wie ich dachten und sich nun – nach dem Ende ihres Kaffeekonsums – viel besser fühlen. Das mag sein, obwohl ich skeptisch bin, ob sie sich tatsächlich aufgrund des fehlenden Koffeins besser fühlen oder weil sie sich selbst überwunden haben. Was natürlich egal ist, denn was immer glücklich macht, sollte man tun. Also bleibe ich beim Kaffee.

Disclaimer: Dass ich doch nicht so entspannt bin wie ich in meinen Texten manchmal vorgebe, zeigt die Tatsache, dass ich diesen Kaffeetext erst veröffentliche, nachdem die Ergebnisse der Vorsorgeuntersuchung da waren.

Im November schreibe ich über kleine schöne Dinge, weil ich finde, dass unser Alltag gute PR brauchen kann. Mehr dazu hier. Es ging bereits um:

Bild: flickr – freestocks – CC 1.0

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