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Das Versprechen

Wie geht es der Ehe heute? Vieles, was über sie gesagt wird, stellt sie in Frage. Ist ihre Zeit gekommen, ist sie ein Dinosaurier, gescheitert an den Veränderungen, weil sie zu unbeweglich war? Hat Tinder sie auf dem Gewissen? Ihre Prognose scheint negativ, die Lebenserwartung verkürzt. Manche sagen, wir könnten sie zum Sterben zurücklassen, als Zeichen einer überkommenen Zeit, ohne dass uns etwas fehlen würde. Die Menschen mögen heiraten, aber es macht sie nicht zufrieden. Die Bedeutungslosigkeit der Ehe für unser Lebensglück wird schließlich eindrucksvoll durch die Scheidungsraten unterstrichen. Zwar sinken diese in den letzten Jahren wieder, aber noch immer wird jede dritte Ehe geschieden. Die Lebenszeichen des Bündnisses werden schwächer. Gibt es Hoffnung für die Patientin?

Hochzeiten waren eine Zeit lang die Souvenirs meiner Sommer (gut, bis auf den letzten). Ich stand vor viel zu großen brandenburgischen Landhäusern und nahm auf gemieteten Klappstühlen Platz, die auf mit Rosenblättern bestreuten Wegen warteten. Ich klatschte in Alltagskleidung an einem Mittwochvormittag vorm Standesamt, um danach schnell eine Pizza essen zu gehen.

Ich mag das kollektive Gefühl der Leichtigkeit, das bei Hochzeiten in der Luft liegt. Obwohl wir alle doch eigentlich Zyniker sind, darf die Zukunft einen Tag lang Kitsch sein, vollgesogen mit Sentimentalem, Träumen und Wünschen. Es ist ein seltsamer Gleichklang zweier Pole, der mir immer wieder auf Hochzeiten begegnet. In Zeiten von Social Media werden diese im Schnitt immer teurer und ausladender, das bestätigen Studien. Das eigene Glück wird nicht nur mit den geladenen Gästen geteilt, sondern auf allen Kanälen, Hauptsache Hashtag. Eine eindrucksvolle Hochzeit als gutes Zeichen für das Gelingen der Ehe. Zumindest kein schlechtes, denn man nimmt es in Kauf, im Anschluss mit einem leeren Konto gemeinsam weiter zu leben.

Ich verstehe das: Sollen sie alle wissen, dass man glücklich ist: weil die Ehe eben nicht mehr selbstverständlich ist, weil über ihrem Gelingen ein mitgedachtes Fragezeichen steht. Weil es vielen wie eine große Naivität scheint, sich fest an jemand zu binden und einander „für immer“ zu schwören. So gibt es auf Hochzeiten neben den Romantikern und den Übertreibern auch immer die Coolen – und die zynischen Mahner. Gern sind diese selbst bereits verheiratet und wissen zwinkernd, dass „auf Hochzeiten nur so viel getrunken wird, weil die verheirateten Paare die Wahrheit kennen“. Ich habe Taubenzüchter erlebt, die in Momenten der größten Rührung der Gäste alle wissen ließen, dass Turteltauben ein Leben lang monogam sind, was ihnen nicht schwer fällt, weil sie nur drei Jahre leben. Unter einer wunderschön geschmückten Trauerweide traf ich eine Therapeutin, die über ein Glas Sekt auf meine Frage nach dem Rezept für eine glückliche Ehe antwortete: „Einfach nicht scheiden lassen.“

Wenn die Hochzeit der Sommer ist, dann scheint die Ehe der beginnende Herbst zu sein. Man genießt die warmen Tage ohne an die kalten zu denken und wenn es doch langsam kühler wird, beginnt unweigerlich die sommerliche Sehnsucht. Man friert an den nackten Unterarmen und in den Schuhen, die vor ein paar Wochen noch gut genug waren. Langsam erkennt man, dass man den Sommer wohl nicht zurückholen kann. Nicht mit dünnen Jacken und nicht mit Wasserseis, das in der beginnenden Kühle bereits ganz anders schmeckt.

Und sie haben ja auch alle ein wenig recht mit ihren Zynismus. Eine Hochzeit ist eben nicht das Happy End einer Liebesgeschichte, sondern erst ihr Anfang. Der Beginn von etwas Neuem, das man von nun an in Dekaden denkt und von dem mir ein altes Ehepaar erzählte, dass über die Zeit gerechnet ein bis zwei dieser Zehnjahresabstände „wirklich hart sein können.“ Damals lachte ich, aber kurz vor Ende meiner ersten Dekade bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, dass sie scherzen wollten.

Vielleicht, so überlege ich im Rückblick auf meine Hochzeitsgastbiografie, nehmen wir die Ehe in ihrer Instagram-Zuckerguss-Inszenierung auf Hochzeiten und dem schon mitgedachten Scheitern gleichzeitig zu sehr auf die leichte Schulter und zu ernst. Beziehungen sind immer ein Abenteuer, Reisen mit ungewissem Ausgang. Das Schöne an der Ehe ist doch, dass man sich mit einem anderen Menschen auf ein gemeinsames Ziel geeinigt hat. Vielleicht kann die Ehe am Ende sogar ein Märchen sein, schrieb die Autorin Ann Patchett einmal. Nur eben keines von Disney, sondern eines der Originale der Gebrüder Grimm. Eines ohne immerwährenden Zuckerguss, ein „für immer und ewig“ mit Ecken und Kanten.

Wir reden viel darüber, ob und wie man heiratet, aber wenig darüber, wie man verheiratet bleibt. Schaut man zurück, wird die Ehe ihr Imageproblem nicht los, seit sie untrennbar mit der Liebe verbunden ist. Es gibt heute viele Erzählungen, wie wir unser Leben führen sollen. Beruflich erfolgreich sein, kulturell interessiert, möglichst noch ein paar wohlerzogene Kinder in die Welt setzen und daneben nicht vergessen, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten (gesunde Ernährung, Sport und Selbstfürsorge via Netflix). In diese Reihe gehört auch das Finden der Liebe. Möglichst ewig, möglichst erfüllend, soll sie in der Ehe Stabilität bieten und trotzdem nie langweilig werden: das Grundparadox der modernen Liebesbeziehung.

Es ist kein leichtes Modell, das wir uns da geschaffen haben. Leidenschaft und Sicherheit nebeneinander, als Gradmesser der Zufriedenheit steht über allem die Liebe. Hieß es früher „bis dass der Tod euch scheidet“ ist es nun der vermeintliche Tod der Liebe, der Ehen beendet. Aber wie stellen wir diesen fest? Ist die Liebe schon irreparabel angeschlagen, wenn das Cholesterin zu hoch ist? Wie schwach muss der Atemrhythmus werden, um ein Alarmzeichen zu sein? Geben wir manchmal zu früh auf, weil das zeitweilige Kümmern um eine Kranke nicht zum Konzept einer perfekten Beziehung passt?

Die heutige Untrennbarkeit der Ehe von der Liebe ist eigentlich eine gute Nachricht, eine hoffnungsvolle. Wir heiraten meistens aus Liebe, nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, aus Statusdenken oder aufgrund erdrückender gesellschaftlicher Erwartungen. Durch die Bedingung der Liebe bietet sich die Gelegenheit, Partnerinnen und Partner zu finden, mit denen wir tatsächliche eine gute Chance auf Glück haben. Wahrscheinlich macht genau das unsere Ehen am Ende gesünder als jemals zuvor. Aber eben auch komplizierter. Weil wir in der Ehe nicht nur finanzielle und soziale Stabilität suchen, sondern Erfüllung auf allen Ebenen. Weil wir glauben, dass sie uns glücklich machen wird und unsere Partner*innen auch ein wenig zu besseren Menschen. Unsere Ansprüche an Beziehungen sind hoch, unsere Ansprüche an die Ehe erst recht. Die Ehe muss nicht von der Liebe entkoppelt werden, sondern von diesen Erwartungen. Nicht nur Alltag und Routinen sind Beziehungskiller, sondern das Streben nach dem Unerreichbaren. Die Ehe kann uns immer noch viel geben, wenn wir sie von übersteigerten Ansprüchen und ihrem Ruf als Auslaufmodell befreien.

Wir ändern unsere Art, wie wir Beziehungen sehen und sie leben, indem wir uns Geschichten über sie erzählen, alte wie neue. Die Geschichte, dass uns die Ehe zwangsläufig beschränkt, der Abgesang auf sie als lebenslange monogame Paarbeziehung zweier Menschen, die weder natürlich noch machbar ist, muss nicht die einzige neue Erzählung sein. Denn wann immer wir auf die Ehe blicken, erzählen wir auch etwas über all unsere Beziehungen. Wir berichten über die Art, wie wir miteinander umgehen, über unsere Suche nach Zufriedenheit und Glück im „ich“ und im „wir“. Wenn man sich selbst gefunden hat, so glauben wir, funktionieren auch unsere Beziehungen wie von Zauberhand. Was aber, wenn wir bei der Suche nach und Optimierung des Selbst, unsere Fähigkeit zum „wir“ nicht gesteigert, sondern geschmälert haben? Beziehungen verlangen immer auch nach Selbstaufgabe. Und das Bewusstsein, dass nicht immer alles möglich ist. Sexuelles Begehren und romantische Gefühle neben dem gemeinsamen Spülmaschinenkauf, dem Aufwischen von Kindererbrochenem und dem Wunsch nach emotionaler Geborgenheit – alles gleichermaßen erfüllend, jeden Tag unseres Lebens. Eine Utopie.

Sicher, die Ehe als Institution ist vorbelastet, wie übrigens die meisten, die sie heute eingehen. Gerade für Frauen war sie jahrhundertelang ein Ort der Kontrolle ihrer Körper und Lebensentwürfe, vermutlich hat man sie sogar genau zu diesem Zweck erfunden. Auch in das Problem mit der Erhaltung der Liebe sind insbesondere Frauen verstrickt, weil ihnen seit jeher eine besondere Rolle bei der Pflege von Beziehungen zugewiesen wurde. Es ist verständlich, dass sich das Gefühl breitmacht, man könnte sich besonders effektiv von alten Rollenbildern befreien, wenn man sich nicht mehr in dieser Form der Beziehung denkt. Trotzdem ist die Ehe kein Relikt. Wir sind anpassungsfähig, Traditionen können in anderen Zeiten neuen Sinn bekommen. Können wir nicht neue Regeln schaffen, die unserer Suche nach Nähe und unseren gesteigerten Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Abgrenzung entgegenkommen? Wie viel kann die arme Ehe für das Ehegattensplitting, für alte Rollenbilder, die an ihr kleben oder hohe Scheidungsraten? Ihr Versprechen ist eigentlich nur eine Idee davon wie wir mit den Menschen, die uns am nächsten stehen, umgehen wollen. Partnerschaften können auffangen, wärmen, einen Grund bereiten – für ein gutes Leben. Ist es rational, mehr darauf zu vertrauen, dass uns die Mechanismen der Arbeitswelt immer auffangen werden, auf deren Markt wir uns täglich neu anbieten müssen, als der Mensch neben uns, so fehlbar er uns auch manchmal scheinen mag?

Manche Ehen werden trotzdem immer außergewöhnliche Fehlschläge bleiben, zu tragisch und traurig, um sie weiterzuführen. Aber vielleicht ist für alle anderen das Geheimnis einer bleibenden Ehe, dass man sie lange genug führt, um zu sehen, wie die Dinge sich verändern. Vom Guten zum Schlechten und dann wieder zum Guten. Wir alle haben das Bedürfnis nach einem Platz, an den wir gehören. Vielleicht braucht es für die wahre Freiheit immer einen zweiten Menschen. Ich möchte glauben, dass wir auch in einer alten Form neu lieben können. Menschen, die sich nicht auf die Ehe einlassen, verpassen ihre niederschmetternden Krisen und ihre glücksgetränkten Höhepunkte. Wenn man am Tag nach der Hochzeit aufwacht, auch wenn alles wie immer scheint, weil man bereits ein Leben miteinander teilt, nicht den Namen und unter Umständen nicht einmal die Steuerklasse gewechselt hat, hat sich trotzdem etwas verändert. Denn von jetzt an, jeden weiteren Tag des Lebens, wird man versuchen, sich an ein Versprechen zu halten.

4 Kommentare

  1. Jana sagt

    „Ist es rational, mehr darauf zu vertrauen, dass uns die Mechanismen der Arbeitswelt immer auffangen werden, auf deren Markt wir uns täglich neu anbieten müssen, als der Mensch neben uns, so fehlbar er uns auch manchmal scheinen mag?“ Oh ja!

  2. Hanne sagt

    Liebe Corinne, du bist wieder da! In den letzten Monaten habe ich viel darüber nachgedacht, ob mein Bedürfnis nach einer Ehe „richtig“ ist. Danke, danke für diesen Text. Er hat er mich ins Herz getroffen.

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