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90er-Jahre-Understatement

Diese Woche starb die Queen, die ich eigentlich nur mit Diana verbinde und Michael Gorbatschow ist tot, mit dem ich eigentlich wenig verbinde – außer, dass er etwas mit den Ereignissen zu tun hat, die die Erwachsenenwelt meiner Kindheit so endgültig veränderten.

Fast scheint es, als wollte das Universum uns sagen, dass die 90er vorbei sind, auch wenn sie gerade überall wiederkehren. Meine Tochter fischte aus der Auslage einer großen Modekette ein “Spice Girls”-T-Shirt und ich begegne den aufgezwirbelten Schneckendutts, die mich an die Modestrecken der Bravo erinnern.

(Wer nochmal in Erinnerungen schwelgen will: Hier findet man ein paar Glanzlichter der Foto-Love-Story Zeit mit meinem persönlichen Favoriten “Im Bann des Teufels” inklusive Inliner-fahrender-Clique, Voodoo-Teufelsanbetern, creepy Stiefbruder und ganz viel Love.)

Ob die Queen die 90er Jahre mochte, weiß ich nicht. Mit 96 hatte sie ja viele Möglichkeiten, auch eine andere Dekade zu ihrem Lieblingsjahrzehnt zu machen. Wen sie aber mochte – neben Corgis und Prinz Philip, I assume – war Gary Barlow, seines Zeichens selbst Teil eines 90er-Jahre-Phänomens namens Take That. Der erzählte vor ein paar Wochen in einem Interview, dass zum Casting der Band nur sechs Personen erschienen. Fünf bekamen bekanntlich einen Platz in der Band. Der sechste, so Gary, schied nur wegen zu viel Körperbehaarung aus (das Wort Bodyshaming gab es noch nicht in den 90ern).

Irgendwie dachte ich sofort an diese Anekdote, die ich kein Stück glaube. Clevere PR vielleicht, denn sie ist immerhin so eingängig, dass ich mich an sie erinnere. Aber da ist noch mehr. Schließlich ist hier jemand einer der größten Popstars eines vergangenen Jahrzehnts und muss es eigentlich niemandem mehr recht machen. Trotzdem verlegt er sich auf eine “Ach, alles nur Zufall”-Geschichte. Eine, die ich selbst schon oft erzählt habe, weil man es als unsympathisch empfindet, von all dem Blut, Schweiß und Tränen zu berichten, die den Weg zu einem Ziel säumten. Vielleicht mochte die Queen genau das an Gary Barlow, das Understatement, seinen Arbeitsethos. An anderer Stelle des Interviews blickt er zurück auf sein erschöpftes, schwitzendes Selbst in einer Lagerhalle beim Tanztrainig. Gary betrachtet Bilder vom frisch ausgestiegenen Robbie Williams, der mit George Michael auf Ibiza feiert und denkt, schulterzuckend und schicksalsergeben: “Nun ja, die Show muss weitergehen.”

Ich bin mir nicht sicher, was ich möchte. Auf der einen Seite will ich Menschen ermuntern, keine Understatementgeschichten mehr zu erzählen, weil andere sich dann fragen, warum das Glück nicht auf sie scheint. Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass wir mit unseren ganzen Rufen nach Hustler-und-Fail-Stories (die immer nur Hinfall-und-Wiederaufsteh-Anekdoten sind und nie Liegenbleib-Geschichten) verlässlich die Falschen motivieren. Die nämlich, die sich selbst sowieso schon großartig finden und nur als zu gern noch einmal davon berichten, wie sie gegen Löwen gekämpften, obwohl es Ameisen waren.

Außerdem bemerke ich an mir selbst in den letzten Tagen ein zunehmendes Bedürfnis nach Glitzer und Zuckerguss. Ich möchte keine ungeschönten Geschichten mehr, keine Realität auf Instagram. Ich gucke mir hübsche Kleider von der Fashionweek an und unterhalte mich mit meiner Stammkassiererin im Supermarkt über den schönen Sonnenaufgang am Morgen statt über den stetig steigenden Betrag auf dem Kassenzettel wie in den Wochen zuvor (und merke, wie auch sie entspannt, als klar wird, dass wir heute keine Probleme wälzen). Aus dem Ärger und der Unsicherheit der letzten Wochen ist bei vielen meiner Interaktionen ein wissendes Nicken geworden, ein Gary-Barlow-Schulterzucken mit “Muss ja irgendwie”-Einstellung. Und auch hier weiß ich nicht, wie ich es finden soll. Ist es traurige Resignation, Vorbote einer kommenden unumkehrbaren Erschöpfung oder verständlicher Selbstschutz zum Kräfte-sammeln-für-den-Winter? Was sagt ihr, wie geht es euch?

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Foto: flickr – Morgane M – CC by 2.0

2 Kommentare

  1. Hallo Corinne,

    Vielen Dank für den Beitrag, ein wirklich spannendes Thema. Hier ein paar Gedanken dazu: Ich finde das der Tod der Queen einen wirklich erschüttert hat. Wobei der Tod einer Frau in diesem Alter sonst nicht erschüttert, ist es hier anders. Sie hat eine lange Zeit regiert und sie war immer da. Ich glaube so viele Menschen beschäftigen sich sehr mit ihrem Tod, weil wieder die Vergänglichkeit im Raum steht.

    Beste Grüße
    Graffitiartist

    • Das stimmt, es wirkt wie das Ende einer Ära und einer Zeit, die irgendwie einfacher schien. Lieben Gruß!

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