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Witzig, dabei hatte ich das Eichhörnchen gar nicht nach seiner Meinung gefragt

Sagen wir mal, du spielst Klavier. Du spielst schon ziemlich lange. Gerade versuchst du dich an einem schwierigen Stück. Dann hörst du das Klopfen. Du hebst verwundert den Kopf und siehst das Eichhörnchen am Fenster. Das Eichhörnchen schaut kritisch auf seine kleinen behaarten Finger und sagt: „Weißt du, eigentlich ist das a-Moll und deine Fingerhaltung ist auch ganz schlecht.“ Denkst du: „Hey, dieses Eichhörnchen könnte recht haben?“ Nein. Du denkst: „Warum blafft dieses Eichhörnchen mich von der Seite an? Habe ich um seine Meinung gebeten?“

So geht es mir mit ungebetenen Ratschlägen. Das Tolle ist: auch wenn man nachher herausfindet, dass dieses Eichhörnchen der Frédéric Chopin der Eichhörnchenwelt war (Und das einzige sprechende seiner Art!) sollte das völlig egal sein. Es hat sich breitgemacht und ungefragt kritisiert. Es ist ein Macker-Eichhörnchen.

In einer Turnhalle begegnete mir dieser Tage eines dieser Eichhörnchen. Ich begleitete eine Freundin, die Beachvolleyball spielt. Sie spielt seit 10 Jahren und ist wirklich gut. In der Halle waren mehrere Felder, gemischte Teams. Als meine Freundin sich aufwärmte, erklärte ihr ein unbekanntes Eichhörnchen vom Team gegenüber, dass sie die Übung falsch machte (Verletzungsgefahr und so). Flirtversuch vielleicht. Weiter ging’s. Es gab Tipps für den Aufschlag, Tipps für die Haltung,  es wurde kommentiert und kritisiert. Als die Freundin dem Eichhörnchen sagte, dass er – äh, es – sich unhöflich verhalte und aufhören sollte, war sie zickig, schwierig oder hatte ihre Tage. Sowas in der Art.

Nach dem Spiel plumpste sie neben mir auf die Bank und verdrehte die Augen: „Ich hatte vergessen, dass Mannschaftssport mit Männern Flirt sein muss…oder ständige Trainingsstunde.“ Ich schaute ein wenig irritiert. Da ich nie gut genug in Mannschaftsport war, blieben mir solche Erfahrungen verwehrt. „Weißt du, das passiert mir seit ich klein bin. Ich habe aufgehört, Fußball zu spielen, als ich zu gut wurde und die Jungs den Ball nicht mehr zu mir spielten und nur noch rumkrittelten. Ich habe aufgehört, Basketball zu spielen, als ich zu gut wurde und nicht mehr den Ball bekam. Seit irgendwo in der Ferne meine Brüste ihr Erscheinen ankündigten, kann ich nur noch lustig-süß-belangloses Teammaskottchen werden oder muss mich damit abfinden, ständig 20 Trainer um mich zu haben. Deshalb mache ich echt ungern zwanglos Teamsport.“

Sie stockte und überlegte. „Meinst du, ich war zu unhöflich zu dem?“

Ich mag mich nicht gut auskennen mit Sport oder Männern, aber ich sage es mal so: Liebe sportelnde Frauen, wahrscheinlich werdet ihr irgendwann einmal ein Eichhörnchen treffen. Oder mehrere. Ihr denkt: „War keine große Sache, was er gesagt hat. Er wollte bestimmt nur nett sein, vermutlich hat er recht.“ – Nein, Eichhörnchen tun nett und süß. Im Grunde sind sie aber stinkende, kleine Fellbündel, die gerne größer wären. Was sie sagen ist: „Ich bin besser als du.“ (nicht selten ohne Beweis oder realistische Einschätzung des eigenen Könnens) oder „Ich habe mehr Ahnung als du.“ (siehe oben, ohne Beweis…). Am Lautesten sagen sie „Hör auf mich.“ (Ohne gefragt zu haben, ob es dich interessiert.) Dein Spiel dürfen gern die bewerten, denen du den Dialog anbietest. Trainer, Mitspieler, wer auch immer. Auch wenn du Anfängerin bist.

Und für alle jetzt sehr verunsicherten Männer, die nicht wissen, wie sie es machen sollen. Weil es ja immer sehr kompliziert ist mit den Frauen. Macht es wie der große Philosoph Vanilla Ice: Stop, collaborate and listen.

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Gebt keine ungefragten Ratschläge, fühlt euch nicht besser. Kurz nachfragen, anbieten, „Nein, danke.“ akzeptieren. Dass du ein besserer Spieler als die Frau bist, weiß sie vermutlich sogar. Entweder ist es ihr egal oder sie wird dich nach Tipps fragen, wenn sie welche will.

„Aber die Frauen, die nerven mich auch oft…“ schließt die Freundin. „Wenn du was drüber schreibst, schreib das auch.“ Also Frauen, die in gemischten Teams spielen: strengt euch an, schwitzt, habt Spaß, nehmt es ernst. Dann haben wir vielleicht bald das Eichhörnchen-Problem im Griff.

Foto: flickr – heather – CC by 2.0

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5 Kommentare

  1. Melanie sagt

    Im Bezug auf Sport kenne ich das auch nicht, eher im Job mit den ungebetenen Ratschlägen. Ich bin da immer wieder überrascht wie selbstbewusst, teilweise enthemmt Männer ihren Senf und ihre Meinung abgeben. Da trauen sich Bachelorstudenten gestandenen Projektmanagerinnen die Welt zu erklären, im ersten Meeting, in den ersten Minuten. Die Studentinnen brauchen dafür oft Wochen. Obwohl es auch da mittlerweile eine unangenehme Spezies gibt, die versucht nachzueifern und das Ganze mit Zickenkrieg würzt. (Also einfach drauf auf jede andere Frau.) Aber alles in allem muss ich immer an Sheryl Sandberg denken: Take your seat at the table.

  2. Wiebke sagt

    Ich weiß nicht, ob ich Eichhörnchen je wieder mit den gleichen Augen sehen kann. 🙂

  3. In Tanzkursen gibt es auch viele Eichhörnchen, sogar weibliche. Ich sage dann immer: vielen Dank, aber mein Lehrer steht da vorne!

    • Wiebke sagt

      Ich hatte auch mal einen Tanzkurs, da war das auch alles sehr körperbetont. Wie eine schmierige Filmszene, wenn jemand dir beim Tennis zeigen will, wie man den Schläger hält und sich leider ganz nah hinter dich stellen muss…

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