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Wie nett ist zu nett?

Eine erfolgreiche Frau als nett zu bezeichnen erscheint oft als Gegensatz in der allgemeinen Wahrnehmung. Wie bewerten wir vermeintlich weibliche Eigenschaften im Berufsleben und gibt es ein „zu nett“, wenn es um beruflichen Erfolg geht?

Seit einiger Zeit kann Barbie ihrem imposanten Lebenslauf eine weitere Karrierestation hinzufügen. Als Unternehmensgründerin und Businessfrau gibt es sie komplett mit Smartphone, Tablet und eigenem LinkedIn Profil zur Pflege der Geschäftskontakte. Vieldiskutiert wurden die emanzipatorischen Untertöne. Interessant ist: Nimmt man ihr die Businesskennzeichen weg, sieht sie mit pinkfarbenem Etuikleid und High Heels aus wie der Prototyp der Puppe. Eine Umfrage unter Spitzenfrauen in der Wirtschaft in Großbritannien ergab übrigens, dass nur 20 Prozent High Heels im Büro tragen und pink maximal als Farbakzent Eingang in den Businesskleiderschrank findet.

Da zeigt die Puppe, wie unsicher wir sind, wenn wir uns ein Bild von erfolgreichen Frauen machen. Während Frau in den 80er Jahren mit übergroßen Anzügen mit Schulterpolstern für die maskuline Silhouette die Berufswelt bevölkerte, ist das Bild heute weniger klar. Und die Optik nur ein Faktor. Unsicher werden wir auch wenn es um Eigenschaften geht. Vermeintlich weibliche Charakterzüge wie Konfliktscheue werden gern als Hindernisse auf dem Weg nach oben wahrgenommen. In ihrem ersten Evaluationsgespräch ließ Mark Zuckerberg Facebook-Managerin und Autorin Sheryl Sandberg wissen, dass insbesondere ihr Wunsch, von allen gemocht zu werden, sie hemmen würde. Jill Abramson verlor hingegen im Frühjahr ihren Posten als Chefredakteurin der New York Times, weil sie sich angeblich zu herrisch und herablassend gegenüber Kollegen verhielt – und zu machtbewusst war.

Als sympathisch und nett aber gleichzeitig als kompetent wahrgenommen zu werden – für Frauen eine Hürde. Sheryl Sandbergs Fazit, eine der beiden Eigenschaften gewinnt in der Fremd- und Eigenwahrnehmung meist die Oberhand. Wird Kompetenz als maßgeblicher Faktor wahrgenommen, werden Frauen als nicht sehr umgänglich beschrieben. Sind sie nette Kolleginnen, spricht man wiederum nicht vordergründig über ihre Kompetenz. Geht man davon aus, dass wir alle im Berufsleben eine Rolle annehmen, eine Persönlichkeit wählen und ein Selbstbild zu zeichnen versuchen (im Englischen treffend mit business persona beschrieben) dann stehen Frauen hier vor einer Wahl, die Männer so nicht treffen müssen.

Und dennoch, ist es nicht ein Klischee, dass erfolgreiche Frauen taff und machtorientiert wie Männer sein müssen, um gehört zu werden und es nach oben zu schaffen? Gehören nicht vielmehr alle, die sich heute dieser alten Idee der Macht verschreiben auch zur alten Welt? Im Berufsleben begegnen mir Frauen wie Männer, die über einen männlich-autoritären Führungsstil, wie er oft noch von einer älteren, überwiegend aus Männern bestehenden Managergeneration praktiziert wird, schmunzeln oder die Nase rümpfen. Diese alte Art der Führung und Interaktion scheint eher Zeichen von Rückwärtsgewandtheit als ein Rezept für zukünftigen Erfolg. Liest man Businesszeitschrifen und Coachingratgeber, so scheint sich die Balance in der Arbeitswelt in Richtung weiblicher Attribute zu verschieben: Zusammenarbeit, Teamgeist und Kommunikation sind die Stichworte für Organisationen, die modern und aufgeschlossen sein wollen. Wenn also das Bild der taffen Businessfrau, die sich an vermeintlich männlichen Führungsstilen orientiert, antiquiert ist, wieso empfinden viele Frauen, eine Betonung ihrer Kollegialität oder Hilfsbereitschaft als latente Schmälerung ihrer Kompetenz? Wieso kann man sich nicht freuen, wenn man als nette Kollegin beschrieben wird, ohne im Hinterkopf den Verdacht zu haben nicht ernst genommen zu werden?

Weil die Selbstwahrnehmung etwas mit Selbstbewusstsein zu tun hat. Sei es nun aufgrund der Tatsache, dass erfolgreiche Frauen in vielen Branchen in der Unterzahl sind, im Job ein bisschen besser als ein Mann sein müssen, anders erzogen wurden oder Hürden auf dem Weg zum Erfolg begegnen, die sich Männern nicht stellen (z.B die Kinderfrage in den Jahren, in denen die Karriere Fahrt aufnimmt): Frauen sind oft weniger selbstbewusst, was ihre eigene Leistung betrifft. Während weibliche Eigenschaften also als Schlüsselqualifikationen in der neuen Berufswelt wahrgenommen werden, machen sich die beruflich erfolgreichen Frauen Sorgen, dass ihnen genau diese negativ ausgelegt werden. Ein Paradox, das viel mit gesellschaftlichen Strukturen zu tun hat. Internalisierte Ideen vom Frausein machen es schwerer, eigene Wünsche mit dem gleichen Nachdruck zu verfolgen, wie es das andere Geschlecht tut. Mögen die Mädchen die Jungen in Kindergarten, Schule und Studium überholt haben, nach den ersten Jahren im Beruf gehen nicht nur die Gehälter auseinander. Frauen werden immer noch eher dazu erzogen links und rechts zu schauen, den anderen nicht zu vergessen und sich im Zweifel hinten anzustellen. Und auch so bewertet. Wenn sie sich anders verhalten, ist dies oft mit negativen Stigmata verbunden, siehe Jill Abramson. Insofern hat Sheryl Sandberg recht. Eine ehrgeizige Frau ist leider immer noch mit anderen unterschwelligen Bedeutungen belegt als ein ehrgeiziger Mann.

Nett, umgänglich und kollegial, kommunikativ und ein Teamplayer sein, sind also vielleicht gar keine eindeutig weiblichen Eigenschaften. Aber die Angst, dass aufgrund dieser die eigene Kompetenz geringer bewertet wird könnte es sein. Und die Tatsache, dass Ambitionen von Frauen negativer bewertet werden als weibliche Empathie. Um das zu ändern braucht es nicht nur Frauen, die Frauen helfen, ein neues Selbstbewusstsein zu kultivieren. Sondern Männer und Frauen, die die Debatte über geschlechtsneutrale Werte in der Arbeitswelt führen.

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