Film & Fernsehen, Schönes & Banales
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Wenn Mutti mitmacht, wird alles gut… – Honig im Kopf & der Blick in die deutsche Seele

Die zweite Blogbeichte in diesem Jahr, nach der Erkenntnis, dass ich mehr Frauenzeitschriften lese als gedacht, ist diese: Ich habe tatsächlich jede von Til Schweiger produzierte, geschriebene & als Regisseur umgesetzte Komödie seit Barfuss gesehen. Nicht immer im Kino, aber immer irgendwann. Da bin ich nicht die Einzige. Mit seinen Komödien trifft Schweiger (& Ziehsohn Schweighöfer) offensichtlich einen deutschen Nerv. Leichtfüßige Inszenierung gern mit ernstem Thema, gespielt von einer bekannten deutschen Schauspielerriege. Auf den ersten Blick scheinen sie immer ein bisschen cooler als die deutschen Filme vor ihm. Bisschen moderner, bisschen entspannter, bisschen mehr Deutschland nach der WM im eigenen Land. Sie spielen gern in Großstädten, was die Etablierung des Sidekicks mit migrantischem Hintergrund vorantrieb (lustig, aber selten Student, gern gutaussehend & von Elyas M’Barek spätestens seit Fuck ju, Göthe mit Hauptdarstellerpotential versehen). Es gibt getrennte Eltern, gescheiterte Beziehungen, sexsüchtige Exfreundinnen, Frauen als Chefinnen & die Frau ohne Modegeschmack bekommt den gut aussehenden Helden. Am Ende finden alle die Liebe & die Wärme in ihren Herzen. Das ist oft sogar sehr gute Unterhaltung.Das neueste Werk heißt Honig im Kopf. Die Handlung ist sicher jedem in den letzten Wochen schon einmal begegnet. Auch dieser Film wird ein Riesenerfolg werden. Erst in den letzten Tagen 2014 angelaufen, war er bereits unter den 50 erfolgreichsten Filmen des vergangenen Jahres. Niko (Til Schweiger) nimmt seinen Vater Amandus (großartig: Dieter Hallervorden) nach einer verwirrenden Rede am Grab seiner verstorbenen Frau & der Diagnose Alzheimer zunächst zu sich, um dann doch das Pflegeheim in Betracht zu ziehen. Die Enkeltochter will daraufhin mit dem Opa nach Venedig (Ort der damaligen Hochzeitsreise) & der Roadtrip beginnt.

Nun hat diese Familie auch eine Mutter, gespielt von Jeannette Hain. Die ist mir zuletzt als vergnügungssüchtige, durchtriebene Gattin von Ulrich Tukur in Gier im Gedächtnis geblieben. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass beide Rollen nicht so weit voneinander entfernt sind, wie man zunächst denkt. In Honig im Kopf ist die Mutter Mitarbeiterin einer Werbeagentur, trägt High Heels & tut alles, um den äußeren Schein aufrecht zu erhalten. Sprich meidet & versteckt den dementen Schwiegervater so gut es geht. Der Film startet & beide Eltern arbeiten viel (aber so richtig Spaß macht ihr der Job nicht). Beide Eltern zeichnen sich durch ziemlich routinierten Alkoholkonsum aus & die Tochter ist oft allein. Man hat ein bisschen das Gefühl, der demente Opa offenbart nur die gesamte Überforderungssituation, wenn er als einziger die Küche zu nutzen scheint & dabei in Brand setzt. Mit der Ehe steht es auch nicht zum Besten. Man betrügt sich gegenseitig bis Ehemann Schweiger die Klärung der Situation durch Verprügeln des Nebenbuhlers auf dem Sommerfest herbei führt. Eben dieses Sommerfest ist ein Kulminationspunkt. Das Verschwinden der Tochter & die anschließende Suche ist die Katharsis. Am Ende (Vorsicht Spoiler) gibt Mutti den Job auf & pflegt Opa. Dann wird sie schnell schwanger mit dem zweiten Kind (Filmsprech für sextechnisch & ehetechnisch alles wieder in Ordnung).

Dieses Frauenbild vermiest mir die Unterhaltung

 

Wir fassen zusammen: Der Sohn & Ehemann verdrückt ein paar Tränen angesichts der Diagnose. Für ihn aber ändert sich nichts. Für die Frau ändert sich alles. Aber irgendwie doch zum Guten für alle, raunt die cineastische Stimme.

Dieses Frauenbild vermiest mir die Unterhaltung. Das ist gar nicht allein Til Schweigers Schuld. Auch wenn ich mir erlaube, kurz darauf hinzuweisen, dass die Eingabe seines Namens in der Suchmaschine so wunderbare Zitate wie „Frauen wollen Arschlöcher, die sie dann umerziehen können.“ (Playboyinterview 2011) zu Tage fördert. Ich bin mit meiner Kritik auch nur eine dieser Gutmenschen & Intellektuellen. (Klassiker im Lanz-Interview: „Diese Leute, die sind dumm und naiv und haben keine Fantasie. Das sind intellektuelle Menschen – und ich verurteile jetzt nicht alle Intellektuelle, ich beachte mich selber als intellektuell…“). Ich will auch nicht in die Kerbe der Schweiger-Bashings hauen. Was mich an Honig im Kopf stört, hat nichts mit dem Film allein zu tun.

Es gibt einen Topos, der gern im modernen deutschen Film & Fernsehen ausgepackt wird. Klar sind wir ein cooles, gleichberechtigtes Land & wundern uns, wieso hier keiner mehr Kinder kriegt. Aber wenn etwas in der Familie schief läuft, kann es sein, dass es an Mutti liegt. Wenn Mutti mitmacht (& sich um ihre Familie wieder ordentlich kümmert), geht es wieder. Meist geht es den Kindern dann besser, dem (Ehe-)mann auch & damit auch der Ehe/Beziehung & Familie im Ganzen. Ich kann mich nicht erinnern einmal gesehen zu haben, dass ein Film einem Mann diese Verantwortung suggeriert (wenn auch eine Frau da ist). Apropos Männer, nur selten wird die Erkenntnis transportiert, dass Männer zwar Job & den biologischen Prozess des Vaterwerdens besser trennen können als Frauen. Job & Vatersein aber für sie genauso schwierig zu vereinbaren ist. Weil sie in der gleichen Welt & Wirtschaft arbeiten, die es den Frauen auch schwer macht. Ich habe zu wenig gesehen, dass ein echter Konflikt dargestellt wird. Dass eine Frau einen wirklich erfüllenden Job hat, wenn der Familien-/Mutterkonflikt einsetzt. Meist wird von Anfang an suggeriert, dass a) sie den Job sowieso nicht so toll findet b) der Job es nicht wert ist & sich die Frau fälschlicherweise überengagiert. Irgendwie falsche Prioritäten setzt.

Deshalb, wenn es hakt, vielleicht lieber lassen mit dem Arbeiten. Wie es einem gehen kann, wenn man es nicht tut, zeigen uns auch tagein-tagaus genug „lustige“ Darstellungen von gestressten working moms.

Die Idylle ist immer nur eine Armlänge entfernt

 

Ist das unsere deutsche Seele? Wir sehen uns gern als progressiv, aber wenn die Probleme an die Tür klopfen, ist die konservative Klärung der Situation & Wiederherstellung der Idylle nur eine Armlänge entfernt? Dann bleibt Mutti eben zu Hause. Eine Idee, das kann man nicht oft genug betonen, die für den Großteil der Bevölkerung gar nicht lebbar wäre, selbst wenn sie wollten. Weil ein Gehalt nicht reicht oder es gar keinen Partner gibt. Was mir bei Honig im Kopf zusätzlich aufstößt, ist, dass das Problem der Pflege des dementen Familienmitglieds zunächst als gemeinsames Problem inszeniert wird. Um dann durch die zurücksteckende Frau gelöst zu werden. Die in dem Prozess auch gleich von einer latent unsympathischen Figur zur ordentlichen Mutter gemacht wird. Einen Gedanken kann man auch daran verschwenden, dass der Opa nach der Entscheidung für die häusliche Pflege im Film schnell verstirbt. Die richtige Pflegearbeit, die in der Realität zu fast 100% von Frauen geleistet wird (zum großen Teil zu Hause) & die nicht nur große Belastung ist, sondern auch wirtschaftlich-soziale Notwendigkeit, weil sich unsere Gesellschaft eben auf die Frauen verlässt (und verlassen muss), spielt keine Rolle. Natürlich muss & kann eine Komödie das nicht leisten. Aber auch hier liegt ein Knackpunkt. Einfach nur mit dem Zuhause-bleiben der Frau ist es eben nicht getan. Wenn das die selbstverständliche Lösung ist, dann macht man auch hier Frauenarbeit klein & negiert Überlastungsszenarien. (Denn schließlich ist es ja die natürliche Rolle, oder?)

Das wirklich Traurige ist wahrscheinlich, dass Til Schweiger keine Sperrspitze einer konservativen Umerziehung ist. Sondern Realität abbildet. Dass sich deshalb so viele bei ihm wiederfinden. Müttern wird es schwer gemacht, so in den Arbeitsmarkt zurückzukehren, dass sie einen erfüllenden Job haben & das Zuhause bleiben nicht manchmal wie eine Verheißung klingt. Paare & Familien zerreißen sich, Alleinerziehende sowieso. Männer leiden unter zu wenig Zeit mit ihren Kindern. Da macht es keinen Unterschied, ob die Frau Hausfrau ist oder nicht. Für das zweite Kind entscheidet man sich einfacher, wenn die äußeren Belastungen weniger sind. Und die Pflege von dementen Angehörigen übernehmen Töchter & Schwiegertöchter unter größten persönlichen Opfern. Mindestens die Erwartung wird an sie herangetragen. Das kittet oft keine Familien sondern bringt sie ans Limit. Ich erwarte von romantischen Komödien keinen Sozialkommentar. Ich weiß, dass dort mit Klischees höchstens gespielt wird, um sie dann wieder in die Schublade zu packen. Aber mich verwundert die große Sympathie für solche Darstellungen, die keine Kritik an diesen Rollenbildern in sich tragen. Ich fühle mich dadurch nicht nur mäßig unterhalten. Ich muss auch schlucken, wenn am Ende des Films der Frau nicht nur sinnbildlich auf die Schulter geklopft wird. Hast du gut gemacht, Mutti. Siehste, wenn du mitmachst, wird sich alles finden.

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