Feminismus & Weltverschwörung
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Was kann man am dressierten Mann zu meckern haben, fragt das ZEITmagazin…

Im ZeitMagazin widmet sich Jens Jessen in dieser Woche Heiner Lauterbach. Unter der Überschrift Über den dressierten Mann blickt er auf dessen Ehefrau Viktoria, die selbst freimütig in einer Talkshow verkündete „den Heiner dahin erzogen zu haben“. Mit dahin meint sie Sportlichkeit, ein gesund-gottgefälliges Leben halt. Der Ehemann selbst, bei dem Bekenntnis anwesend, fügte noch hinzu, sogar sein Kleiderschrank sei von der Chefin abgenommen.

Nun fragt Herr Jessen:

Und nun zu euch, liebe Feministinnen: Was ist eigentlich gegen das Institut der Ehe einzuwenden, wenn sogar erklärte Machos wie Lauerbach ihre Frau als Chefin bezeichnen und sich von ihr bis in kleinste Details der Lebensführung hineinregieren lassen? Wahrscheinlich doch nur, dass selbst in diesem Fall der in segensreiche Unmündigkeit gezwungene Mann die öffentliche Figur bleibt, während Mutti im Hintergrund die Strippen zieht?

Ich antworte mal. Obwohl ich natürlich weiß, das ist alles mit einem Augenzwinkern geschrieben. Wie immer.

Zunächst hat Herr Jessen natürlich Recht mit seiner Ahnung, dass es auch ganz nett wäre, nicht nur im Hintergrund die Strippen zu ziehen. Das hat er uns erwischt. Die Ehe (die, nur am Rande, die Feministinnen nicht zerstören wollen – manche wollen sogar noch mehr Ehe – für alle) hat damit übrigens wenig zu tun. Unser geheimes Fernziel ist auch nicht die Läuterung aller Machos. Wir machen uns lieber Gedanken über die Ansichten, die manche so von Männern & Frauen haben. Schauen wir uns doch mal ihre an.

Bei der Lektüre des Textes fiel mir etwas ein. Im 19. Jahrhundert fing man an, so Ideen in die Anstandsliteratur zu schreiben. Damals war man sich noch einig, was die weiblichen Zieleigenschaften betraf: sanft, bescheiden, keusch & häuslich (im besten Fall auch verheiratet). Die Welt war noch nicht so kompliziert wie heute.

Solche Adjektive waren natürlich sehr abstrakt.

Deshalb schmückte man das Ganze praktisch aus. Sollte sich die Frau doch um andere kümmern. Das kann sie gut mit ihrer Sensibilität & Empfindsamkeit. Im besten Fall hatte sie einen Ehemann. Der ging hinaus in die gefährliche, kapitalistische Welt. Und brauchte sowieso Erbauung & Auftanken & Kopf frei von Details wie seiner Kleidung. Segensreiche Unmündigkeit könnte man das nennen.

Diese sicherzustellen war wichtig, sagte man. Ungemein wichtig. Gesellschaftlich hoch bedeutend. Das kann kein anderer. Das kann nur die Frau. So schrieb man das rein. In die Anstandsliteratur. Praktisch war das. Denn so ein Kümmern um Mann & Familie & deren geistige, moralische & körperliche Gesundheit war eine Vollzeittätigkeit – 60 Stunden plus, mindestens. Da blieb keine Zeit, um sich Gedanken über – sagen wir mal – das Frauenwahlrecht zu machen.

Die Männer, wenn sie in ihren Rauchersalons über das Weltgeschehen philosophierten,

kamen damals auch manchmal auf ihre Gattinnen. Dann nahmen sie das Whiskeyglas in die gleiche Hand wie die Zigarre, damit sie sich mit der freien auf die Schulter klopfen konnte & sagten: „Jaja, die Chefin kümmert sich bei mir auch um ALLES. Ich bin auch so ein dressierter Mann.“ Und lachten sie kehlig.

Jetzt kann man sich fragen, was die Geschichte soll. Ist ja schließlich fast 200 Jahre her. Eben.

Nicht nur deshalb hätte ich jetzt gern ein bisschen mehr als Anerkennung für eine gelungene Dressur. Weil ich clever genug bin, um zu wissen, dass der Applaus nichts wert ist. Ich will nicht für das Glück des Mannes verantwortlich sein, nicht für seine seelische Unversehrtheit & nicht für seine körperliche Gesundheit. Das kann ich nicht besser. Das liegt nicht in meiner Natur. Ein bisschen wie bei der Kindererziehung. Ich habe auch größere Ziele als die Ehe & die Anpassung des erworbenen Mannes an meine Weltsicht.

Die Männer, die ich kenne, wollen das übrigens auch nicht. Weil keiner gern dressiert wird, ja. Aber mehr noch, weil sie ihre Partnerin nicht verar**** wollen, wenn sie so tun, als wäre ein sortierter Kleiderschrank, das blitzende Bad oder der Schweinebraten am Sonntag ihre größte Errungenschaft.

Es läuft viel schief mit dieser, unserer Generation. Es ist schwierig, ich weiß.

Sie schütteln da sicher oft den Kopf. Wir murren über Vereinbarkeit & lassen uns scheiden & tun uns schwer mit mehr als 1,3 Kindern. Aber dieses Spiel spielen wir nicht mehr. Und das ist gut so.

Bild – flickr – Classic Film CC by 2.0

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3 Kommentare

  1. Ein ZEIT-Leser sagt

    Erinnert sich jemand, als Herr Lauterbach samt aktueller Gattin bei „Wetten Dass?“ war, um Werbung für „ihr“ Buch zu machen? Ein sagenhafter Moment des Fremdschämens – und der Moment, ab dem evident war, dass die Zeit von „Wetten Dass“ endgültig abgelaufen ist.

    Ich möchte hier keine Wetten auf die ZEIT von Herrn Jessen eingehen. Aber wenn man nun lesen muss, dass Herr Jessen die Lauterbachs und deren Werbekonzept, das sie sich so schön zurechtgelegt haben und nun in TV-Spots und anderswo vermarkten, in die ZEIT einführt und dann diese Peinlichkeit auch noch derart unreflektiert an den Feminismus richtet, muss man sich schon ernsthaft Sorgen machen.

  2. als ich den artikel sah, also die überschrift, schaute ich zunächst auf den autor… und sparte mir dann das ewig gleiche von jessen. wenn es wenigstens lustig wäre, aber auch das ist es nicht.

    mfg
    mh

    • Bei Promimeldungen kann ich schlecht drüber blättern. 🙂 Mir ging es aber beim Schreiben des Posts ähnlich. Wollte noch weitere Ausfälle von ihm einbinden, klickte mich durchs Archiv & hatte keine Lust was auch nur anzulesen.

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