Feminismus & Weltverschwörung, Leben & Lesen
Schreibe einen Kommentar

Von mir aus können sie das verbieten – Warum ich keine weibliche Ejakulation in Pornofilmen brauche

 

Die gute Nachricht vorneweg. Auch in Großbritannien dürfen Frauen noch Orgasmen haben. Man war sich da beim Surfen in den letzten Stunden nicht mehr so sicher. Denn schlechte Nachrichten kamen über den Ärmelkanal herüber. Großbritannien zensiert Internet-Pornofilme. Die Verbotsliste umfasst zum Beispiel Auspeitschen & Popo versohlen, was ich ja fast für britisches Kulturgut der Upper Class hielt. Die Empörung entzündete sich aber am Verbot (oder vielmehr Zensur) der Darstellung weiblicher Ejakulation. Die Huffington Post spricht von einem „sexistischen Pornogesetz“, Edition F fragt „Kann man weibliche Lust verbieten?“. Selbst die BILD, sonst eher nicht so vorne weg in Frauenfragen, wundert sich:  „Die männliche Ejakulation, die die Pornodarstellerinnen oft unterwürfig bis herabwürdigend erleben müssen, darf weiterhin gezeigt.“ Hört, hört.

Ja, der Mann-Frau Vergleich drängt sich auf. Auch auf Twitter beklagt man sich über Sexismus & mangelnde Gleichstellung. Ich schüttle trotzdem ungläubig den Kopf. Ich würde es verstehen, wenn sich die Empörung dagegen richtet, dass überhaupt zensiert wird. Dass sich Großbritannien hier 2013 vermeintlich mit chinesischer Technik helfen ließ, könnte man beispielsweise bedenklich finden. Die Kritik richtet sich aber gegen den Fakt, dass weibliche Ejakulation mit auf der Verbotsliste steht. Die gehört runter, weil es ein moralisches Urteil ist, welches  tief in der patriarchalischen Grundordnung wurzelt. (Oder die männliche Ejakulation gehört gleich mit verboten.)

Ja, weibliche Sexualität wird tendenziell als weniger wichtig wahrgenommen & immer noch mehr normiert & stigmatisiert als die männliche. Weibliche Ejakulation wäre dafür sogar ein gutes Beispiel. Es gibt viel zu wenig wirkliches Wissen & Forschung. Die Zahlen dazu, wie viele Frauen, dass -äh- machen, variieren stark. Auch über die Häufigkeit weiß man wenig – ein paar Mal im Leben, bei jedem Orgasmus? Es mag auch immer noch ein Tabuthema sein, für das sich Frauen schämen.

Wenn man in die Vorgeschichte der jetzigen Zensur einsteigt, scheint ebenfalls alles zu passen. Großbritannien weitet jetzt ein Verbot aus, das es für Porno-DVDs bereits gab. Eine Kennzeichnung mit R18 gibt es für Filme diesen Inhalts bereits seit 2001. Jetzt gilt es auch für Internetpornografie. 2001 gab es interessanterweise eine ähnliche Diskussion. Damals wurde von der Zensurbehörde allerdings argumentiert, weibliche Ejakulation würde es im realen Leben gar nicht geben. Deshalb das Verbot. Dagegen wehrte sich eine feministische Initiative. Absolut nachvollziehbar, zeigt sich doch hier tatsächlich gruselige Unkenntnis. Und an Pornos  ja oder nein entzündet sich sowieso gern die feministische Seele. Ähnlich wie bei der Prostitution geht es um die Kernfrage: Gibt es in diesen Zusammenhängen überhaupt weibliche Selbstbestimmung? Gern kann man auch die moralischen Untertöne solcher Urteile in Frage stellen.

Aber darum scheint es diesmal vordergründig eben nicht zu gehen. Was ich überhaupt nicht verstehe, ist die schnell gezogene Parallele zum Verbieten weiblicher Lust & der Automatismus „Männer dürfen doch auch“. Wir halten mal fest. Es geht hier um Pornos. Um ein Medium, das weibliche Lust sowieso sehr, nun ja, frei interpretiert. Ich wage mal die steile These, dass den meisten Frauen im realen Leben bei Mainstreampornopraktiken nur ein müdes Lächeln entweichen würde & nicht das anhaltende ohrenbetäubende Lustgeschrei, was uns der Porno vorgaukelt. Erwarten wir von diesem Medium eine adäquate Darstellung weiblicher Lust? Überhaupt eine Aussage zu Sex aus Frauensicht? Jeder darf natürlich gern bei der feministischen Weltrevolution mitmachen, aber der Mainstreamporno, diese klischeebeladene Männerfantasie, hat noch eine Menge andere Baustellen.

Das was wir sehen wirkt auf die Art, wie wir Dinge wahrnehmen. Ich bin die erste, die hier kritisch die Hand hebt, siehe meine Posts zu Frauenzeitschriften.  Aber die Darstellung weiblicher Ejakulation im Porno ist einfach eines der dümmsten Klischees. Weinen wir dem jetzt hinterher? Im wirklichen Leben ejakulieren ca. 10-50% der Frauen (wie gesagt, die Zahlen variieren). In Pornos tun es fast 100%. Dazu kommt, die weibliche Ejakulation wird hier gern noch gefakt & ist wenig lustbetont:

While porn frames squirting as a „reward“ for the male partner’s pleasuring ability — supposedly depicting a woman who has been pleasured to the point of losing control of herself — the reality it’s actually the opposite,…

Der fontänenhafte Ausbruch im Porno kommt einfach besser. Der sieht auch soviel mehr nach männlichem Orgasmus aus. Mal so als Gedankenanstoß.

Deshalb möchte ich keine Aufklärung von der Pornoindustrie über weibliche Orgasmen. Nicht in diesem Medium. Überall anders gern. Weil hier jemand eine Deutungshoheit bekommt, dem ich sie nicht zugestehen will. Ich möchte über die beiden Begriffe Porno & weibliche Sexualität in einem Zusammenhang, in dem man sich an die Seite dieser Industrie stellt, gar nicht diskutieren. Ich brauche auch kein Verbot für Männer & Frauen.

Deshalb können sie das gern zensieren & verbieten. Die pubertierenden Jungs, die dann nicht mehr erwarten, dass das Bett als Zeichen ihrer Liebeskünste geflutet wird, werden es uns danken. (Wie die Mädchen, die denken, mit ihnen stimmt etwas nicht, wenn es nicht passiert.) Und dann erklären wir ihnen noch, dass ein Blow Job kein notwendiger Bestandteil des Vorspiels ist.

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.