Feminismus & Weltverschwörung
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Sieht so bessere Werbung aus? – Die „Pink stinks“ – Kampagne gegen Sexismus in der Werbung

Anfang der Woche bekam ich den Newsletter von Pink stinks. Im Betreff stand „Wir haben die bessere Werbung.“ Ich finde Pink stinks klasse. Die Aktion, die sie in Berlin vor dem Barbie Dreamhouse gemacht haben, war richtig gut & auch sonst kann ich nur empfehlen, mal vorbeizuschauen. Für die Kindervorleser unter euch gibt es im Shop auch ein vielversprechendes Kinderbuch: David & sein rosa Pony.

Seit einiger Zeit setzt sich Pink stinks auch gegen Sexismus in der Werbung ein. Sie haben Beispiele gesammelt & eine Petition an den Bundesjustizminister gestartet, die ihr hier unterzeichnen könnt. Jetzt geht es um noch mehr Aufmerksamkeit für das Anliegen. Die Idee: Pink stinks hat selbst mit Profis aus der Werbeindustrie neu fotografiert – und will damit das Frauenbild in der Werbung angehen. Die Motive könnt ihr hier anschauen. Sie sollen auf Postkarten gedruckt werden & in einigen Städten auch als große Plakate hängen. Für die großen Werbeflächen kann man auch spenden.

Und da bin ich am Zweifeln. Bei drei von vier der im Newsletter vorgestellten Motive finde ich das Ganze leider nicht sehr gelungen. (Die Beschreibungen unter den Motiven sind aus dem Newsletter & werden nicht auf den Postkarten & Werbeflächen erscheinen.)

Bildschirmfoto 2014-11-22 um 17.33.08Zu dem Birgit Kelle Seitenhieb kann man stehen, wie man will. (Obwohl ich glaube, dass in der flüchtigen Situation auf Postkarten der Spruch von vielen nicht zugeordnet werden kann.) Aber Aktentasche? Wenn das nicht dazugeschrieben stünde, hätte ich sie nicht erkannt. Im Fokus steht sie nicht. Und jenseits von Size Zero empfinde ich schon fast als Beleidigung. Es wäre generell ein schöner Schritt, wenn nicht jede Größe 40 als Meilenstein bejubelt wird, wenn die deutsche Durchschnittsfrau bei 1,66m Größe Kleidergröße 42/44 trägt.

 

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Ja! Genauso sehe ich auch immer aus, wenn ich blogge!!! Wo ist die Kamera? Spaß beiseite. Hiermit habe ich am Meisten Bauchschmerzen. Worauf fusst Sexismus in der Werbung auch? Auf falschen Ansprüchen an Frauen. Und jetzt schon wieder sexy & schlau? Och ne. Auch dass Dessous spitze sind, sagt man mir schon genug – jeden Tag. Dass die Frau über 40 ist, muss man auch dazuschreiben. Und die attraktiven 40jährigen haben es meiner Meinung nach auch schon in die konventionelle Werbung geschafft (wie auch viele 50jährige). Wenn man konventionell attraktiv ist – wie das Model. Ob der Mann im Hintergrund auf sie wartet, wie auf der Website beschrieben, während sie noch zu Ende arbeitet… Beim Vorüberhetzen kann man auch gut denken, gleich erfüllt sie ihre ehelichen Pflichten & vorher bestellt sie noch Sexspielzeug bei Amorelie.

Bildschirmfoto 2014-11-22 um 17.33.49Das ist das mutigste Motiv. Und trotzdem. Ellenlange Beine, hohe Schuhe, von unten fotografiert. Eine Frau ohne Kopf. (Sexistischer Werbung wirft man das gern vor, dass sie Frauen nur in Teilen darstellt & gern den Kopf weglässt.) Den eigentlichen Grund aber, warum das Motiv meiner Meinung nach schlecht funktioniert, findet man auf der Website. Die Haare wurden in langer Feinarbeit auf das Foto gephotoshoppt. Genau – es findet sich kein Model & wahrscheinlich auch kaum eine Frau mehr, die ihre behaarten Beine fotografieren lassen würde. Die Guardian-Journalistin Emer O’Toole hat mehrmals darüber geschrieben. Sie hat sich 18 Monate nicht rasiert & fordert Frauen auf, es ihr gleich zu tun, wenn sie wollen. Sie sagt aber auch: Es erfordert eine Menge Mut. Mut, den man nicht einfach so erwarten kann. Es ist ein Riesentabu. Man kann nicht einfach sagen: „Macht doch mal anders, ist nicht schlimm.“ Es ist ein Tabu, was mit diesem Motiv angegangen wird. Das ist auf der einen Seite super. Auf der anderen Seite wird es zu simpel verkauft.

Vielleicht habt ihr meine Bedenken schon erkannt. Mit der Erklärung dazu mag es noch irgendwie funktionieren. Aber selbsterklärend sind die Motive nicht. Und das ist sehr schade. Denn auf Postkarten & großen Leinwänden muss es auf den ersten Blick funktionieren. Auch bei Menschen, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt haben. Die Motive sind sehr deutlich an konventioneller Werbung orientiert. Das war die Idee der Kampagne im Sinne von: „Man kann es auch anders machen.“ Deshalb geben auch die echten Menschen hinter der Kampagne (die aus der Werbeindustrie) parallel Interviews & äußern sich. Das ist eine tolle Idee. Aber vermischen sich da nicht zu viele Dinge? Kritik an der Werbeindustrie & Kritik am Frauenbild in der Werbung ist sicher schwer zu trennen. Aber die Kritik der Werbetreibenden macht es noch mal komplizierter. Pink stinks sagt: „Wir zeigen, dass es nur kleine Brüche im gängigen Werbebild sind, die Frauen mehr Freiheit gewähren würden und dabei auch noch sehr witzig und mit tollen Farben gestaltet werden können.“ Das ist hintersinnig & komplex. Aber geht das nicht einfach unter auf Postkarten & Werbeflächen? Ich denke, dass viele vorübergehen werden, ohne die Motive als anders wahrzunehmen. Dass der Effekt verpuffen wird. Selbst bei den behaarten Beinen.

Außerdem stelle ich mir die Frage, warum nicht Think Big? Wenn es eine Petition gibt & man die Aufmerksamkeit steigern will, warum nicht mehr wollen als kleine Brüche im Werbebild? Die ebenfalls gerade gestartete Aktion zum Ende der BILD-Girls, fragt auch nicht nur, ob man ihnen nicht einfach ein bisschen mehr anziehen könnte. Meine wichtigste Kritik aber: Zu sagen, zeigt doch mal richtige Frauen in glamourisierten Posen, ist nicht der Weg. (Hat bei der BRIGITTE auch nicht geklappt.) Fordern wir doch einfach ein realistisches Frauenbild. Lasst den Glamour weg, wenn es ihn nicht gibt. Und die Brüste & die Beine überall.

Ich habe übrigens trotzdem gespendet, weil ich der Kampagne viel Aufmerksamkeit wünsche. (Ihr könnt das hier tun.) Jeder Klick & jede Aufmerksamkeit von jemandem, der bisher bei sexistischer Werbung nicht gestockt hat, ist wertvoll. Ich denke nur, man hätte mehr erreichen können.Vielleicht ging es anderen ähnlich, denn in einer Abstimmung haben die Leserinnen sich für keines der obigen Motive entschieden. sondern für dieses hier:

Bildschirmfoto 2014-11-22 um 17.35.06Fotos: pinkstinks.de

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5 Kommentare

  1. Lieben Dank für deine Spende für unsere Kampagne. Montag im Blog gehen wir auf deine Kritikpunkte ein – du bist sicher nicht allein mit deinen Anmerkungen. Gleichzeitig waren viele auch begeistert – selten hat eine Kampagne von uns so polarisiert. Mehr dazu am Montag, wir freuen uns, wenn du Zeit hast, reinzuschauen. LG und Danke, Stevie

    • Interessant und danke für den Kommentar. Freu mich auf den Blog am Montag. Ihr macht einen super Job und wir warten hier auf die Ankunft des rosa Ponys.

  2. Hallo!!
    finde Deinen Artikel mit den Komentaren zu den Fotos gut.
    Ich habe sogenannte „schöne Beine“, dunkle Haare würden in hülle und fülle an ihnen wachsen, wenn ich sie ließe.
    Wenn authentische „Frauenbeine“ benötigt werden, könnte ich züchten…
    mfg
    N.

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