Leben & Lesen
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Vermiss mich, vergleiche mich, verbessere mich

Es ist schon eine Weile her, dass nach einen Update ungefragt die Health App auf dem Apfelgerät erschien. Seitdem sind mir Fitnessarmbänder, elektronische Essenstagebücher, Schrittzähler & Schlaftracker begegnet. Es gibt sie als Hardware oder als App für 1,29 €. Als Werkzeuge zur Selbstvermessung. Und es gibt offensichtlich erstaunlich viele, die Spaß an der eigenen Effizienz haben.

Was die Hilfsmittel versprechen, ist eine ziemlich lückenlose Aufzeichnung des Alltagslebens – oder bestimmter Aspekte davon. Quantified Self heißt die Bewegung. Mich selbst quantifizieren, mit Kennzahlen ausstatten, das kennen wir aus unserem durchökonomisierten Arbeits- und auch oft genug sonstigem Leben. Auf das Bauchgefühl wird nur noch selten vertraut. Warum auch? Wenn sich doch scheinbar alles objektiv messen & im zweiten Schritt gar verbessern lässt. Ich selbst habe es noch nicht ausprobiert, aber mich überrascht angesichts dieser Versprechungen die Banalität der Erkenntnisse, die Menschen mit mir teilen, die diese Werkzeuge nutzen. Irgendwie kommen immer die Klassiker ans Licht: zu viel Koffein & zu wenig Schlaf, zu wenige Schritte, zu wenig bewegt, zu selten draußen gewesen.

Vielleicht sind die Beweggründe auch ganz andere. Nicht selten arbeiten die kleinen Hilfsmittel mit Methoden wie in der Grundschule, als noch über Fleißkrönchen & Bienchen gelobt wurde. Blinkende Sinnbilder für die eigene Effizienz. Ein bisschen wie Computerspiele. Gamification ohne schlechtes Gewissen. Man tut sich ja auch noch etwas Gutes. Was irgendwie flöten geht, ist das Vertrauen in sich selbst. Weiß ich nicht selbst, was meinem Körper gut tut? Wissen wir nicht eigentlich alle – trotz des 100.000 Ernährungsratgebers auf den Bestsellerlisten – worum es eigentlich ginge? Da verstören mich Sätze wie: „Eigentlich fühle ich mich ganz ausgeruht, aber der Schlaftracker sagt…“ Scheinbar belastbare Daten & Fakten machen es vielleicht einfacher, darauf zu vertrauen als auf das eigene diffuse Gefühl. Dabei sind die Messung häufig ziemlich ungenau, die Technik noch gar nicht richtig ausgereift. Nicht zuletzt orientieren sie sich an vermeintlichen Standards & Vergleichswerten, deren Herkunft nicht immer auszumachen ist. Ein bisschen wie beim BMI stellt sich die Frage, wie passend es ist, für alle Menschen festzulegen, dass 10.000 Schritte am Tag von einem aktiven Lebenswandel künden. Wer legt das fest? Vielleicht war es nur eine schöne runde Zahl?

Nicht selten wird auch auf den guten alten Wettbewerbsgedanken gesetzt. Durch Hochladen kann man seine Daten mit denen anderer Nutzer vergleichen, mit Fremden & mit Freunden. So, wie mir in Fitnessstudios erklärt wurde, ich solle mich doch mit einer Freundin anmelden, um die soziale Kontrolle zu stärken (und doppelten Umsatz für die Kette zu bringen), muss das als Motivation nicht zwangsläufig schlecht sein. Aber führt so ein Tracken inklusive permanenter Vergleichsmöglichkeit nicht auch zu einem permanenten schlechten Gewissen? Und wie gesundheitsförderlich ist das dann noch? Die Werte sind nie optimal, eine Steigerung & Verbesserung immer noch möglich & nötig – schon allein das Geschäftsmodell verlangt danach, dass App oder Stirnband nicht irgendwann sagt: „Alles supi, schalte mich ruhig aus.“

Man muss schon einigermaßen gefestigt sein, um sich von diesen Bewertungen frei zu machen. Es erfordert Selbstbewusstsein zu entscheiden, was mich interessiert & was nicht. Obwohl viel mehr möglich wäre, man immer noch mehr messen kann. Die Bereitschaft, eigene Mängel zu akzeptieren, muss man hierüber erst einmal retten.

In den schwärzesten Farben ist es ein ständiges In-Beziehung-setzten zu Sollwerten, zu vermeintlichen Normen, zu anderen Menschen. Was objektive Selbstbestimmung verspricht, kalkuliert die Fremdbestimmung mit ein. Und die Angst im Wettbewerb zu unterliegen, die sich längst nicht nur auf Fitnessspielereien beschränkt. Nicht zuletzt bleibt immer die Frage, für wen will man eigentlich optimal optimiert sein? Für den perfekten Partner, den perfekten Job, das Versprechen vom fitten, gesunden & glücklichen Leben?

Alles, was aufgezeichnet & gespeichert wird, ist auch kontrollierbar. Über die Verwendung der Daten ist nicht alles klar & sich nicht jeder darüber im Klaren. In den USA verteilen Unternehmen Schrittzähler an Mitarbeiter, Versicherungsunternehmen überlegen mögliche Koppelungen mit Prämien. Das Bereitstellen der eigenen Daten wäre dann natürlich freiwillig. Aber eine Freiwilligkeit, die belohnt wird. Teresa Bücker schrieb kürzlich auf Edition F über eine mögliche Bezuschussung der Apple Watch durch eine Krankenkasse. Ob nun Marketinggag oder düstere Zukunftsprognose, ihre Überlegungen zu unserem Blick auf Gesundheit sind lesenswert.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass bei meinen Beobachtungsobjekten die Selbstvermessungshilfsmittel sehr häufig nach einigen Wochen wieder in der Ecke liegen. Die Apps setzen erstaunlich schnell Staub an. Ihr letztes Aufbäumen sind die traurig aufpoppenden Mitteilungen, die noch einen letzten Rest Aufmerksamkeit zu erhaschen versuchen. Und doch kenne ich keinen 14jährigen, der jubelnd nach einem Schlaftracker oder Schrittzähler schreit. Das Ganze hat etwas mit dem Alter zu tun. Mit dem Versprechen jung bleiben zu können & fit & es irgendwie selbst in der Hand zu haben, ob einen der Herzinfarkt oder Rückenschaden ereilt. Und der Frage, ob das Maßstäbe sind, die wir eventuell alle gar nicht wollen. Auch wenn wir uns ihnen gern so vorbehaltlos unterwerfen. Dass das Alter kommt & mit ihm Einschränkungen & durchaus auch Krankheiten, wie der Herbst auf den Sommer folgt, lese ich ziemlich selten.

Foto: flickr – Peter Parkes – CC by 2.0

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4 Kommentare

  1. Katharina Sulde sagt

    Bin durch Zufall auf deinen Blog gestoßen & gerade wild am Durchklicken. Wollte nur kurz sagen, dass es viel Spaß macht zu lesen, auch wenn oder gerade weil die Themen wirklich breit gestreut sind. Spannender Text, hat man was zum Nachdenken über das Wochenende. 🙂

  2. Julia sagt

    Bei den Applegeräten bekommt man die Health App ja auch noch zwangsverordnet & kann sie nicht einmal richtig löschen, oder ich kann es nihct.

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