Feminismus & Weltverschwörung
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Schuldig, bis die Unschuld bewiesen ist?

„Tut mir leid, Leute. Ich bin ein bisschen spät. Musste noch meine Mistgabel suchen. Foltern wir noch ein bisschen oder teeren und federn wir gleich?“ – Diesen Kommentar las ich vor einer Weile unter einem Artikel zu Johnny Depp, dem von Amber Heard im Scheidungsverfahren häusliche Gewalt (physisch und psychisch) vorgeworfen wird.

Er geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Ich weiß nicht mehr, ob sich der Kommentar auf Johnny Depp, den vermeintlichen Täter oder Amber Heard, das mutmaßliche Opfer, bezog. Das beschreibt die letzten Tage ganz gut. Inzwischen wurde noch mehr geschrieben – über Johnny Depp, David Garrett und Ashley Youdan, Jacob Applebaum oder Gina-Lisa Lohfink. Bei Opfern scheint es verinnerlichte Ansprüche zu geben, wie ein Opfer auszusehen oder sich zu verhalten hat, um 100% glaubhaft zu sein. Wenn prominente Männer involviert sind, hört man schnell den Verweis auf die Unschuldsvermutung. Das befremdet nicht wenige. Bräuchten heute nicht eher die Opfer eine Unschuldsvermutung? Werden sie nicht genauso zu Beschuldigten, bei denen ebenso reflexhaft nach Schuld gesucht wird wie bei manchem Täter?

Mein Kopf wehrt sich trotzdem seit ein paar Tagen gegen eine klare Position.

Ich weiß um eigene Erfahrungen als Frau, um die Quote nichtangezeigter Fälle, ich denke an meine Töchter. Ist es nicht eine Verpflichtung, den Opfern vorbehaltlos beizuspringen in dieser offensichtlichen gesellschaftlichen Schieflage, in der sie immer in einer schwächeren Position sind?

Aber kann ich Position beziehen ohne vorzuverurteilen?, frage ich mich. Denn genauso sehr, wie mir an der Kritik, an der Veränderung der anachronistischen Machtverhältnisse liegt, liegt mir an Ausgewogenheit, an einer blinden Justiz. An einer, die sich der Unschuldsvermutung für die vermeintlichen Täter verpflichtet sieht. Nur weil sie auch fehlurteilt, weil sie fehlbar ist, will ich diese Stütze unserer Demokratie nicht verneinen.

Meinem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden zu entsprechen, ist nicht Aufgabe der Justiz.

Sie kann nie ein Urteil sprechen, welches für jeden Einzelnen unter uns das Passende wäre. Sie kann vermutlich nicht einmal Schuld klar zuweisen. Ist Schuld nicht auch etwas Persönliches, das man annehmen muss, um zu verstehen?

Was Gesetzte können, ist einen klaren Handlungsrahmen abzustecken. Zu sagen, bis hierher und nicht weiter. Hier steht es, das geht nicht. Deshalb muss das Sexualstrafrecht reformiert werden. Es bedarf einer Überarbeitung, die genauer spezifiziert und neue Tatbestände konkretisiert. Natürlich steht dort bisher, wie Thomas Fischer viel zitiert in der ZEIT schreibt(1) Wer eine andere Person, (Nr. 1) mit Gewalt, (Nr. 2) durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder (Nr. 3) unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist, nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird bestraft.

Das könnte reichen bei entsprechender Auslegung. Es könnte auch als Begründung dafür reichen, dass das Opfer sich nicht deutlich wehren muss. Tut es aber nicht immer. Deshalb ist es sinnvoll und notwendig, genauer zu werden. Einzelne mögliche Fälle aufzunehmen, „Nein heißt Nein“ zu spezifizieren. Der Gesetzestext ist auch Richtschnur für viele. Er macht es nicht nur den Strafbehörden, er macht es z.B. auch Polizisten leichter, Fälle zu bewerten. Die richtigen Fragen zu stellen. Die Reform ist notwendig.

Aber das hilft mir nicht bei meinem diffusen Bauchgefühl.

Es ist genug, sagen nun viele mit drastischer Deutlichkeit. Stellt euch nicht vor die Täter. Das heißt nicht selten, deren mögliche Unschuld nicht zu thematisieren. Jennifer Valenti forderte nach den Julian Assange Anschuldigungen gar eine Umkehr der Beweislast. Der Beschuldigte müsste demnach seine Unschuld beweisen und nicht das Opfer dessen Schuld. Es schien eine logische Konsequenz zu sein. Weil die Unschuldsvermutung für Täter gern zitiert wird, oft in kruden Kontexten (Er ist doch so sympathisch./ Er ist ein so toller Schauspieler.) Und der Opferschutz nicht richtig zu greifen scheint. Weil er, das muss man leider sagen, nicht Kern der Strafverfolgung ist, der es um das Staat-Täter Verhältnis geht.

Der Wunsch nach Wandel scheint verständlich. Nicht nur Valenti zitiert die Zahlen – so viel Leid, so viel ungesühnter Schmerz. Veränderung muss her. Aber eine Abschaffung oder Verneinung der Unschuldsvermutung führt eine der zentralen Errungenschaften der Aufklärung ad absurdum.

Was wollen wir eigentlich? Eine veränderte Gesellschaft, die ihr Versprechen auf Gleichheit, gleiche Chancen und gleiche Behandlung für alle erfüllt. Rechtlich können wir eine Einigung darüber erzielen, welche Verstöße wir verfolgen. Hier liegt noch ein Stück Weg vor uns bis zu einem Paragraph 177, den man in meiner Wahrnehmung gerecht nennen kann. Das Recht kann den Anspruch haben, gesellschaftlich zu wirken. Wirklichen kulturellen Wandel müssen wir selbst leisten. Das eine geht nicht ohne das andere.

Wir müssen zuhören, bevor wir bewerten. Wir müssen innehalten, bevor wir aburteilen, wer falsch berichtet, wer den Kern der Sache nicht sieht, wer auf der falschen Seite steht. Das widerstrebt unserem Impuls und dem der Medien sofort zu berichten, sofort einzuordnen. Und doch kann nur so vermieden werden, dass Wörter zu Wertungen werden (Sex-Akte, Luder-Skandal, Sex-Monster, Ekel-Vorwürfe). Dass wir beiden Parteien nicht den gleichen Raum für ihre Argumente einräumen und versuchen, objektiv abzuwägen. Wir können die Unschuldsvermutung und die Opfer ernst nehmen. Wir können Machtgefälle und diskriminierende Typisierungen aufzeigen, ohne bereits zu urteilen.

Aber unsere Annahme, richten zu müssen und sofort Stellung zu beziehen, vernebelt uns den Blick.

Wir bauen Barrikaden auf. Wir hinterfragen kritisch die Glaubwürdigkeit des Opfers und stellen uns wie selbstverständlich schützend vor den Beschuldigten oder wir wissen ganz genau, das ist das Monster, so lief das ab. Wir können kein Dazwischen mehr. Dadurch sind beide Seiten Neuem und Anderem nicht mehr zugänglich. Und doch geht es genau darum. Was wir von der Gerichtsbarkeit erwarten, können wir selbst nicht anders handhaben. Wir kennen als Öffentlichkeit nie alle Fakten. Oft kennt nicht einmal die Justiz diese. Wir müssen damit leben, dass wir nie ganz rekonstruieren können, was zwischen Menschen passiert.

Umfassende Gerechtigkeit wird uns die Justiz nie garantieren können.

Wir müssen alle gewillt sein, sie selbst mit zu schaffen, wenn uns Demokratie etwas wert ist. Die Unschuld des Beschuldigten anzunehmen muss nicht heißen, das Opfer zu dämonisieren. Das Opfer anzuerkennen heißt, sich seiner Wahrheit nicht zu verschließen, keine Schuld zu konstruieren, aber auch Fragen zu stellen, kritisch zu sein. Wenn ein Beschuldigter nicht verurteilt wird, heißt das nicht, dass die Schuld des Opfers oder die Unschuld des Täters bewiesen ist. Es diskreditiert nicht die ursprüngliche Anschuldigung.

Die Urteile, die den wirklichen Schaden anrichten, werden nicht nur bei Prominenten oft andernorts gefällt, nämlich in unserer gesellschaftlichen Diskussion. Sie lassen Opfer zurück, deren Persönlichkeit und Lebensstil zerpflückt wird, um sie unglaubhaft zu machen und die sich nie wieder erholen können von der öffentlichen Meinung. Sie lassen Täter zurück, die keine sind. Vor allem aber kreieren sie Fakten, wo oft keine existieren. Weil sie Unsicherheiten nicht aushalten können.

Wir müssen das, was wir fordern, ernst nehmen.

Das heißt auch, abwarten zu können und diese Unsicherheit auszuhalten. Zweifel zuzulassen. Gerade bei diesen Themen, die so persönlich sind, die an die Nieren gehen, die nach klaren Reaktionen schreien. Wohl wissend, dass die Wahrheitssuche vermutlich nie ganz zum Ziel führen wird. Dass das Beste, was uns manchmal passieren kann, ein ausgewogener Rechtsspruch ist, der alle Seiten gehört hat und auf Grundlage eines passenden Gesetzestextes argumentieren konnte. Dieses Urteil darf aber nicht das letzte sein in einer langen Reihe an Urteilen, die wir alle schon vorher gefällt haben.

Wenn wir es schaffen, auch Vielschichtigkeit und Widersprüche anzuerkennen, dann helfen wir all denen, die noch da draußen sind. Aber sich noch kein Gehör verschafft haben. Weil sie nicht wissen, was passiert, wenn sie heraus treten und rufen. Sie wissen am Besten, dass es kein schwarz-weiß gibt. Wenn sie sich sicher sein können, dass auch Grau in allen Schattierungen verstanden wird, sind wir ein gutes Stück vorangekommen.

Foto: flickr – Lee Summers – CC by 2.0

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4 Kommentare

  1. Miriam sagt

    Ich bin gerade erst auf deinen sehr schönen Blog gestoßen und muss trotzdem schon kurz etwas zu dem Text sagen. Ich habe auch die letzten Tage überlegt, was mich eigentlich stört an der vielen Berichterstattung. Bei BILD und Co. ist es klar, das Opfer wird nicht richtig ernst genommen, immer geht es um Sex, obwohl der Vorwurf mit Sex nichts zu tun hat. Aber auch die Artikel, der „anderen“ Seite waren irgendwie nicht ausgewogen, obwohl mein Gefühl immer das von großem Mitgefühl und Empathie war (ich habe mir auch das Video von Gina-Lisa gegeben). Aber genau darum geht es ja und das beschreibst du so schön. Mitgefühl und Empathie, Wut über die Verhältnisse ist doch noch etwas anderes als unser Rechtssystem. Oder das Verlangen nach Bestrafung. Und dieses in demokratische und zivilisierte Bahnen zu gießen hat tatsächlich lange gedauert und darf nicht einfach geopfert werden. Das ist für mich ähnlich wie bei den „Todesstrafe für den Kinderschänder“ – Rufen. Ich glaube gerade beim letzten Absatz hast du viel Wahres geschrieben. Obwohl es natürlich wahnsinnig schwer ist, ein vermeintliches Opfer zu unterstützen, was ja immer mit Glauben schenken zu tun hat, ohne den Täter gleich als Täter zu verurteilen.

  2. Viviane sagt

    Einer Deiner besten Beiträge, finde ich. Ich nehme mir regelmäßig vor: mehr Sachlichkeit. Ohne dabei die Empathie und Sensibilität zu verlieren. Behalte einen kühlen Kopf. Und ein offenes Herz.

    Das gelingt mir mal mehr, öfter leider weniger, aber Rom wurde ja auch nicht an einem Tag erbaut. Du hast dieses Spannungsfeld sehr genau beschrieben und dabei auch präzise dargestellt, was man von der Justiz erwarten kann (oder eben nicht), aber gerade auch von uns selbst.

    Es klingt so gut und ich nehme es mir fest vor, aber wie es möglich sein soll, die Unschuld einer Person und zugleich die Glaubwürdigkeit einer anderen zu vermuten, wenn sich beides widerspricht, das will mir nicht in den Kopf, so sehr ich es versuche. Wie Du schon sagst, meistens ist die Welt eben nicht schwarz oder weiß, gibt es nicht die eine objektive Wahrheit. Das macht es teilweise unerträglich, aber ist ja irgendwie auch nur Ausdruck der Komplexität des Lebens.

    Wenn man sich notgedrungen von dem Gedanken leise verabschiedet, dass es einfach keine für alle zu erreichende Gerechtigkeit gibt (großes Wort, ich weiß), dann kann und muss man sich meiner Meinung aber immerhin noch an den rechtsstaatlichen Prinzipien festkrallen. Wie Du sagst: Alles andere würde die Aufklärung ad absurdum führen.

    Dieses Festkrallen ist aus meiner Sicht die wohl notwendigste Voraussetzung für eine Staatsform, in der wir leben wollen. Und das sollten wir in dem Wissen tun, dass dies zwar nicht zu jener allumfänglichen Gerechtigkeit führen wird, aber vielleicht in ihre Nähe.

    • ❤️❤️❤️ Danke dir, für das Lob und den tollen Kommentar. Wenn man über Texte lange nachdenkt, ist das das Schönste, was passieren kann.

  3. Pingback: Fan sein..? oder: Warum mir Menschen egal sind! - Lexasleben

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