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Scheitern Sie ruhig, aber machen Sie’s bitte richtig

Scheitern ist schick. Fehler machen hat Konjunktur. Vergessen ist der MBA. Einmal richtig Schiffbruch erleiden, taugt auch als Perle im optimierten Lebenslauf. Auf Fuck up Nights kann man von der eigenen Schlappe erzählen. Ein Luxus, den bisher nur Drogenberatungen (Hier geht es um weit weniger glamouröse Abstürze.) oder Psychologen (Teuer & im schlimmsten Fall bekommt man noch ernsthaft Hilfe & nicht nur die Bühne fürs Ego.) boten. Bei der Fuck Up Night also „stellen sich in Berlin ein paar Unternehmer auf eine Bühne und sagen, was sonst keiner sagen mag: „Ich bin gescheitert““.

Dabei gehört vom Scheitern zu erzählen für moderne Wirtschaftslenker doch zum guten Ton. Da reihen sie sich auf: die mit Sport (Marathonlaufen oder Rennrad fahren) überwundenen Burn Outs, die gescheiteren Start Ups & verlorenen Posten.  Zusammen mit der Klage, dass wir in Deutschland keine Kultur des Scheiterns haben. Wie in den USA. Wo einem ja auch keiner den Erfolg neidet.

Während der Soziologe Richard Sennett Scheitern 1998 noch als DAS moderne Tabu beschrieb, hat man heute nur einfach einen Weg beschritten, der nicht funktioniert hat. Wieder aufstehen, sich zurecht schütteln & weitermachen – das ist die Devise.

Ist das nicht gut? Weil man früher das Scheitern negierte & sich durch das Aussprechen neue Chancen ergeben.

Nun, wer vom Scheitern erzählt, tut dies retrospektiv. Jetzt, im Rückblick, so geht das Narrativ, ist alles viel besser. Am Ende des richtigen Scheiterns steht nämlich die Verbesserung. Man mag tief gefallen sein. Aber nach überwunderer Krise kehrte man nicht nur zum Status Quo zurück. Man ist sogar noch viel besser dran. Die Unwägbarkeiten des Lebens scheinen planbar. Und bin ich nicht noch dynamischer & risikofreudiger, wenn ich keine Angst vorm Scheitern habe?

Die wichtigste Zauberzutat ist der Sinn. Wenn das Scheitern einen Sinn hat, dann ist sowieso alles nur halb so schlimm. Beim Blick auf Geschichten vom Scheitern offenbart sich auch: Selbst wer vom persönlichen Scheitern berichtet, scheitert eigentlich gern am Beruf. Da hat man beispielsweise die Familie nicht zusammenhalten können, weil der eigene Aufstieg wichtiger war. Wieso gern im Beruf gescheitert wird, leuchtet ein. Das richtige Scheitern passt sich schön ein in das Mantra der Selbstaufgabe, des Durchbeissens & unbändigen Willens.

Denn, wer gescheitert ist, der hat auch vorher richtig rangeklotzt & Visionen gehabt. Und selbst im Scheitern bleibt man der Effektivität & Effizienz verschrieben. Denn es liegt nur am Individuum, das Scheitern als Chance zu erkennen & als Mittel zur Selbstoptimierung anzunehmen. Scheitern als Strategie & Methode. Nur ein kurzer Kontrollverlust.

Scheitern taugt aber nicht wirklich als Erfolgsmodell. Die eine Wahrheit, so wird suggeriert, wird endlich ausgesprochen: alle scheitern. Wenn es nur nicht die halbe Wahrheit wäre. Jeder, der schon einmal wirklich gescheitert ist, weiß warum. Scheitern geht tief & greift an, es ist kein kurzer Schmerz des Kontrollverlustes. Scheitern ist niederschmetternd, die Erfahrung ist existenziell. Es ist nicht weniger schmerzhaft, wenn man weiß, wie man es richtig macht. Vielleicht kann man es auch gar nicht richtig machen. Weil man nicht mal den Status Quo erreicht, länger braucht (Scheiterzeit ist auch irgendwie Trauerzeit) & nicht nach kurzer Irritation einen neuen Plan aus dem Arm zaubert.

Mit dem richtigen Scheitern verbaut man sich vielleicht auch die eigentliche Chance. Die möglichst schnelle Rückkehr zum Erfolg & dem eigenen Narrativ des glücklich-Gescheiterten ist oft nur eine Rückkehr auf die alten Pfade, zum leicht modifizierten Plan A. Der eigene Weg, das wirkliche Reflektieren, braucht gern etwas länger.

Foto: flickr – Dr. TinDC – CC by 2.0

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3 Kommentare

  1. Ein sehr schöner Blogartikel zum Nachdenken!

    Scheitern ist für mich etwas Menschliches – jeder Mensch macht Fehler und wird immer wieder auf Hindernisse im Leben stoßen. Es kommt im Wesentlichen darauf an, wie man mit diesen Schwierigkeiten umgeht: Versucht man, seine Vorgehensweise zu optimieren oder schlägt man einen ganz anderen Weg ein? Lässt man sich davon runterziehen und demotivieren, oder will man sich selbst weiterbilden und verbessern? Scheitern an und für sich ist für mich sympathisch, weil es jedem einmal so geht. Über Erfolg und Nichterfolg, entscheidet dann der Umgang mit dem Misserfolg.

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