Beauty & Banales, Schönes & Banales
Kommentare 5

Rubensfrauen für alle?

In letzter Zeit begegnen mir immer wieder Fotostrecken, die, wie BRIGITTE es beschreibt, die Schönheit üppiger Frauen feiern.  In den dazugehörigen Artikeln wird häufig auf Peter Paul Rubens & seine Gemälde verwiesen. Frauen auf den Fotos werden gemäldeartig-unwirklich inszeniert: weichgezeichnet, in verträumten Kulissen mit Accessoires wie Trauben & Ruinen. 

Ich musste ein bisschen überlegen, warum ich beim Anblick dieser Bilder nicht in Begeisterungsstürme verfalle. Schließlich werden echte Körper gezeigt & ein Gegenpol zum Schlankheitsdogma gesetzt, oder? Wenn ich genauer in mich hinein horche, gründet meine Distanz auf 2 Punkten.

Das 17. Jahrhundert ist nicht das 21ste

Wenn Rubens erwähnt wird, dann geschieht dies so, als trauere man einer besseren, längst vergangenen, Zeit hinterher. Damals, als die Frauen noch Frauen sein durften. Kleine Randnotiz: Das passiert auch gern mit 50er und 60er Jahre-Bildern. Marilyn Monroe wird dann neben heutige Schauspielerinnen gestellt. (Guckt mal, damals hatte man noch Hüften.) Diese Übertragung funktioniert aber nicht. In den 50ern und 60ern wurde ebenso ein Ideal propagiert wie heute (und Photoshop existierte noch nicht). Dass sich die beiden Ideale unterscheiden & wir ein älteres heute als passender empfinden, heißt nicht, dass in beiden Jahrzehnten nicht genau die gleiche Sache passiert ist. Nämlich, dass Frauen einem Zwang unterworfen werden, so und so aussehen zu müssen.

Was mich wieder zu Rubens bringt. Zunächst ist ja bereits die Annahme, dass Rubens das gängige Schönheitsideal seiner Zeit portraitierte, nicht ganz richtig. Ohne kunsthistorisch besonders bewandert zu sein, kann ich sagen, dass die Frauen auf Bildern von Lucas Cranach sehr viel dünner waren. Und die Venus von Botticelli hat ziemliche Bauchmuskeln. Falsch ist eigentlich auch die Annahme, dass es zu Rubens Zeit ein gängiges Ideal gab, wie es heute eines gibt. Die Bilder von Rubens oder Cranach hingen nämlich nicht in jedem Haus & wurden von Magazinen & Websites 24 Stunden am Tag weiterverbreitet. Und im TV liefen keine Beiträge zum Thema „Mit welchem Personal Trainer hat die Venus nur ihren Körper erschaffen?“ Genau um diese Verbreitungsindustrie (mit eindeutigen wirtschaftlichen Interessen) muss es aber gehen, wenn man heutige Körperbilder kritisieren will.

Die Idee, dass Schönheitsansprüche kleine, lustige Ideale sind, die sich feenartig immer wieder verwandeln, verharmlost die ganze Sache nämlich ziemlich. Körpernormen tauchen nicht einfach auf & ändern ihre Aggregatzustände nach Lust & Laune. Diese Ansprüche sind gemacht. Und hinter ihnen stehen gesellschaftliche Agenden.

Deshalb finde ich den Rubensvergleich & die Rubensinszenierung wenig passend, um Kritik an der Schönheitsindustrie loszuwerden.

Zu viel Körper ist auch keine Lösung

Je mehr ich auf die Bilder schaue, desto mehr wird mir bewusst: Ich finde die Darstellung der Frauen noch viel schlimmer als eventuelle historische Anachronismen. Das ist mir einfach alles zu viel Körper. Zu viel verträumte Augen & hilfesuchende Blicke von unten. Zu viel ständige erotische Verfügbarkeit. Zu viele Posen, bei denen ich in Werbeanzeigen mit dem gängigen dünnen Model auch den Kopf schütteln würde. Hier werden mir Frauen zu sehr auf den (nackten) Körper reduziert.

Zugegeben, es geht in den Fotostrecken um das Ausstellen des Körpers. Aber werden sich Frauen je wirklich wohl in ihrer Haut fühlen können, wenn ihre Körper – seien sie nun dick oder dünn – nur danach bewertet werden, wie anziehend sie (auf Männer) wirken? Ich bin immer für sinnlos fernsehen & lesen statt Sport, wenn einem danach ist. Für essen statt nicht essen sowieso. Aber wenn ich mir diese Bilder länger ansehe, stelle ich mir die Frage, ob sie für ein „gesünderes“ Körper- und vor allem Selbstbild hilfreich sind. Die Inszenierung von Frauen auf diesen Bildern geschieht durch die Attraktivitätslinse. Ich komme mir beim Ansehen vor, als will man mir dick für dünn verkaufen. (Schaut her, Dicke können auch sexy sein.) Das ist, wie wenn man wieder mal herausfindet, dass Männer eigentlich Frauen mit was dran lieber mögen. Eigentlich fragt man immer nur eine Frage: Wie muss eine Frau & ihr Körper aussehen, damit sie eine potentielle Partnerin sein kann?

Eigentlich absurd, aber ich glaube, das ist der Punkt. Eine bessere Schönheitsnorm kann man nur mit weniger Fokus auf den Körper hinbekommen. Sei der nun dick oder dünn.

Bild: „The Three Graces, by Peter Paul Rubens, from Prado in Google Earth“ by Peter Paul Rubens – The Prado in Google Earth: Home – 7 th level of zoom, JPEG compression quality: Photoshop 10..Licensed under Public domain via Wikimedia Commons

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

5 Kommentare

  1. Gerade Rubens hatte ich in den letzten Tagen auch immer wieder einmal im Kopf … noch so ein Mißverständnis, das gerne genutzt wird, um das eine oder andere angebliche Ideal zu propagieren.
    Leider, leider habe ich keine Quelle mehr zur Hand, da müsste ich mich durch mein Bücherregal durchwühlen, aber Rubens hat ganz und gar nicht das damalige Ideal abgebildet, sondern galt unter denen, die seine Bilder zu sehen bekamen, als Sonderling mit etwas exzentrischem Geschmack – man gehe uns doch weg mit seinen fetten Frauen, so sprach wohl der eine oder andere Kenner (ob Kenner von Bildern oder von Frauen oder überhaupt Kenner von irgendetwas, wer kann das schon sagen). Rubens hat schlicht den Typ Frau abgebildet, den er für sich attraktiv fand. Und nicht die Frau, die als Ideal gegolten habe mochte.

    Überhaupt, schaut man sich mal die Frauenbildnisse von der Antike bis heute an, so hat sich in der Grundessenz nicht viel verändert. Im Schnitt haben wir genau das, was Menschen – kleine Babies wie ausgewachsene Kerle und Frauen – auch heute instinktiv anziehend finden:
    Ein ovales Gesicht, umrahmt von langen Haaren, einen schmalen Hals, zarte Hände und Knöchel, gefällige Rundungen mit einer deutlichen Taille, zierliche Füße, große Augen, einen geschwungenen Mund unter einer nicht zu prägnanten Nase.
    Von dort gibt es immer wieder einmal eine Abweichung in Richtung rundere oder schmälere Hüfte, mehr oder weniger Busen, zu blond oder dunkelhaarig – aber diese Ausbrüche sind nie wirklich extrem gewesen.

    Und im großen und ganzen kann ich daran nichts Schlimmes finden: der Mensch, egal, wie alt oder welchen Geschlechts, erfreut sich gerne an Schönem und das entsteht in unseren Augen durch Symmetrie, einem gewissen Durchschnitt und eine glatte Oberfläche. Daran werden auch alle möglichen wohlmeinenden Debatten nichts ändern, die uns anderes andienen möchten.
    Heißt das nun, dass nur eine Handvoll Auserwählter schön sind? Nein, denn der Mensch entwickelt sich und sieht Schönheit auch dort, wo sie rein rechnerisch vielleicht nicht zu finden ist: da kommen dann Charakter und Persönlichkeit, Ausstrahlung und vielleicht ganz altmodisch Herzensgüte zum Tragen. Lässt sich nur leider schlecht malen und knipsen. Man versucht es trotzdem, ist ja auch Trend und so werden wir heute mehr denn je mit nackten Frauen überschüttet und alles sollen wir schön finden, ist ja politisch korrekt.
    Letzten Endes aber fällt das doch genauso unter sex sells und vermittelt den Eindruck, dass Frauen jedem, der sie sieht, das Recht zuzubilligen hätten, sie zu beurteilen. Das kann nicht in Ordnung sein, auch nicht unter dem Deckmantel von Kunst und Aufklärung und Meinungsbildung. Solange das Aussehen jedes einzelnen Körperteils noch ein existenzielles Problem für Frauen zu sein hat, so lange kommen wir mit wirklich Gleichberechtigung auch nicht weiter. Den Wunsch nach persönlicher Schönheitsmaximierung kann ich schon nachvollziehen – bekleidet und ohne medizinische Hilfsmittel – wie du kommst gegangen, so du wirst empfangen. Aber wenn es – verzeih – nur noch darum geht, möglichst viele Frauenformen als fuckable zu präsentieren … hallo?

    Alles ein bißchen durcheinander heute, sorr 🙂

  2. Ich freu mich immer über deine Kommentare! Das mit der Zeitgenossenreaktion auf Rubens ist echt interessant, wusste ich noch gar nicht. Lustiger weise hatte ich auch in der ersten Version „fuckability“ im Post & hab’s dann zugunsten „potentieller Partnerin“ gestrichen. Also gut, dass es noch mal eine ausgesprochen hat .-).

  3. Ups. Eigentlich keines der Worte, die ich ständig benutze, aber mir gelang es nicht, das schöner auszudrücken … aber ich ging davon aus, dass du es ändern würdest, wenn es zu Problemen hier im Blog führen würde.

    Danke fürs Lob, dann traue ich mich weiterhin, habe immer die Befürchtung, den Platz zu míßbrauchen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.