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Nieder die Natürlichkeit

Natürlich nervt. Natürlich ist ein echtes Modewort. Wir haben natürliche Schönheiten, naturbelassenes Essen oder natürliche Instinkte. Ereignisse nehmen ihren natürlichen Verlauf. Es scheint eine vielseitig einsetzbare und ziemlich schwammige Bezeichnung zu sein. Ein Wunder, dass es noch nicht in die Managementsprache eingegangen ist.

Wenn man über die Bedeutung nachdenkt, dann bezeichnet natürlich meist irgendeine Version von instinktiv, nicht-von-Menschen-geschaffen, einfach menschlich oder normal. So schafft es die Natürlichkeit und ihr Gegenpart das Unnatürliche in alle Arten von moralischen Debatten. „Das ist doch unnatürlich.“ ist ein gern genommenes „Argument“. Geschlechterrollen, Homosexualität, Stammzellenforschung, Alleinerziehende oder Kinderlosigkeit – alles wider die Natur. Dabei meinen die, die sich der Natürlichkeit bedienen nur eines: Was unnatürlich ist, ist automatisch auch unrichtig. Es ist falsch.

Wer so denkt, nimmt an, dass natürlich ein objektiver oder absoluter Begriff wäre. Etwas, worauf man sich einigen könnte. Etwas, unter dem jeder ungefähr das Gleiche versteht. Das stimmt nicht. Was einer für natürlich halten mag, hält ein zweiter für eigenartig, ein dritter für schlichtweg bizarr. Das ist erstmal in Ordnung, denn Meinungen dürfen abweichen.

Nur werden Meinungen gerade gern mit Pseudowissenschaft und Rechtschaffenheit verkleidet, um dann als objektive Richtlinie dafür verkauft zu werden, wie etwas zu sein hat. Natürlich wird gern als Synonym für gut und richtig verwendet. Dein biologisch-dynamischer Apfel ist natürlich und weißt du, was noch natürlich ist? Neid, Durchfall, Tod und Matsch. Du bist vielleicht von Natur aus ein hinterhältiger und fieser Mensch. Das ist trotzdem keine Ausrede für dich, dich nicht besser zu benehmen.

Und, wir werden uns sicher schnell einig, dass es einige unnatürliche Dinge, gibt, die gut sind. Kläranlagen zum Beispiel. Oder Anästhesie. Genau genommen gibt eine ganze Liste an unnatürlichen Dingen, die uns zu besseren Menschen machen und uns ein angenehmeres Leben ermöglichen.

Das natürlich Gute und das unnatürlich Böse wird nur benutzt, um vollkommen subjektive Meinungen als legitime Argumente zu verpacken. Dabei ist die Tatsache, ob etwas natürlich oder unnatürlich ist, nicht nur oft unbedeutend, sondern sagt auch nichts über ethische oder moralische Standards aus. Wer komplizierte Sachverhalte mit Natürlichkeit diskutiert, reduziert. Das sagt nur eines über dein Argument aus. Dass du faul bist. Und bei einem sollten wir uns einig sein: Die meisten Diskussionen haben natürlich mehr als Faulheit verdient.

Foto: flickr – Sharilyn Neidhardt – CC by 2.0

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8 Kommentare

  1. „Das ist so unnatürlich!“ – ein herrliches Totschlagargument, wenn dir nichts anderes mehr einfällt. Wird auch gerne im HInblick auf weibliche Schönheit verwendet. Wenn man etwas gegen die Dame vorbringen will, einem aber nichts besseres einfällt. Kommt gerne von Männern, die mit 220 km/h über die Autobahn brausen, blaue Pillchen einwerfen und nachts um eins mit Hong Kong skypen. Weil natürlich ist etwas, da stehen sie drauf. Einmal im Jahr, beim Managerseminar mit Bäumefällen und Feuermachen, hunderte von Metern entfernt jeder urbanen Bebauung. Und wenn sie ihrer neuen Freundin neue Brüste haben machen lassen, betonen sie gerne, dass die total natürlich aussehen …
    Bin ich vom Wege abgekommen? Natürlich!

  2. Danke mal wieder dafür! Ich kann deine Gedanken total nachvollziehen und finde mich da total wieder. Leider bin ich diesem „Homosexualität ist nicht natürlich“-Argument schon viel zu häufig begegnet. Demnächst werde ich an deinen Text und Michous großartigen Kommentar denken 😉

    • Solchen Leuten solltest du einfach mit dem Hyper-Natrürlich-Argument kommen: Homosexuelle als Luxusgut der Natur – die Natur sieht, wie fantastisch alles läuft und dass für noch mehr überbordende Nachkommenschaft kein Grund vorhanden ist und gönnt sich den Luxus, manche von der Pflicht zu befreuen, um einfach nur gut zu sein 😀 Noch ein paar Fakten und Zahlen draufgeklatscht und dann soll das Gegenüber erst mal eine Replik finden 😀

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