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Meinung hat ein Geschlecht – ein Ergänzungsgedanke zu Edition F

Edition F ist ein schönes Projekt und ich empfehle allen vorbeizuschauen. Nachdem ich seit einiger Zeit das Debut Magazine in UK verfolge (Etwas anders gelagert, die Zielgruppe sind Frauen, die den beruflichen Einstieg in Fashion und Medien planen oder gerade vollziehen. Geht nun von Online in den Print.), hatte ich mich sehr auf den Launch gefreut. Und wurde erstmal nicht enttäuscht. Eben weil es an einem Ort fehlt, an dem (Business-)themen aus Frauenperspektive aber eben nicht nur mit der Genderkeule besprochen werden. Auch auf die Gefahr hin, dass ich genau diese jetzt raushole, hier meine Gedanken zu einem Text von letzter Woche, der mir immer noch im Kopf ist. Constanze Buchheim schrieb ein Plädoyer für eine fundierte Meinung  und spricht mir damit aus der Seele.
Eine Meinung haben ist wichtig. Und sich zu trauen, diese Meinung zu äußern erst recht. Erst im April machte The Atlantic mit dem Confidence Gap auf. Die Autorinnen waren schon lange darüber erstaunt, wie unsicher auch hocherfolgreiche Frauen sind, wenn es um ihre Leistung und Kompetenz geht. Und machten sich an die Recherche um ein nicht wirklich verblüffendes Ergebnis zu Tage zu fördern: Männer sind selbstbewusster und trauen sich mehr zu. Ob biologisch oder erziehungstechnisch bedingt ist wieder DIE große Frage. Auf jeden Fall erleichtert es den Aufstieg, denn da zählt Selbstbewusstsein mindestens genauso viel wie Kompetenz. Solche Aussagen werden gern umgemünzt auf „Frauen müssen sich mehr trauen. Immer forsch nach vorn. Präsenz zeigen wie die Männer.“

Mir geht es hier ähnlich wie Buchheim. Man sollte Frauen stark machen, ihre Meinung zu äußern. Aber es sollte eine echte solide Meinung sein. Für die man sich Zeit genommen hat, sie zu entwickeln. Um sie dann auch stark zu vertreten.

Ich bin seit fast 10 Jahren bei einem internationalen Finanzunternehmen. (Bei sechs Chefwechseln fand sich darunter eine Frau, aber ist ein neues Thema. ) Was ich oft sehe und wie ich selbst war: Viele Berufseinsteigerinnen agieren – feministisch-gleichberechtigt ausgebildet – genau so: Hier komme ich, hier ist meine Meinung! Ich muss auch etwas sagen und nicht hinter den Männern zurückfallen! BAM!

Das ist nicht verwunderlich. Viele kommen auch nicht mit dieser Meinung im Unternehmen an sondern entwickeln sie, wenn sie die Männer auf ihrer Stufe sehen. Denn die machen es oft genauso – und das gelegentlich bis ins hohe Alter. Insbesondere junge Frauen aber werden dann oft als süße kleine Heißspornin abgetan. Und mit zunehmendem Alter als anstrengend.

Wieso? Weil Meinung ein Geschlecht hat. Wenn eine Frau etwas sagt, sagt sie es immer ALS Frau und ist damit leider oft singulär. Als Frau mit starker Meinung sowieso. Sprich, so schwierig, blöd und beklagenswert das ist. Diese Realität sollte man anerkennen. Männern wird z.B. in Meetings eher zugestanden nach dem Prinzip „Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von mir.“ zu agieren. Sie dürfen sich auch eher rhetorische Ausrutscher erlauben oder mal heiße Luft erzählen.

Männer horchen aber automatisch auf, weil DIE Frau etwas sagt. Und ein paar werden auch reflexartig angriffslustig, wenn gute Argumente von Frauen kommen. Oder spielen Abfragespiele. (Besonders gern die Spezies männlicher Vorstand, der selbst unvorbereitet in jede Sitzung kommt, auch wenn es klischeehaft klingt.) Das heißt – und deshalb finde ich den Text von Constanze Buchheim so wichtig – eine weibliche Meinung sollte fundiert und gut recherchiert sein. Männern wird polternde Dominanz zugestanden, Frauen eher nicht. Unfair? Traurig? Klar. Und natürlich besteht die Gefahr dass, wenn man dies offen artikuliert, Frauen unnötig verunsichert werden. Denn es gibt auch Stimmen, die sagen, Frauen müssten gerade ihre in Schule und Studium erlernte Strategie immer super vorbereitet zu seun, im Job ablegen.  Man wird auch nicht immer 100% top vorbereitet meinungsstark sein können. Gerade wenn die Aufgaben mehr werden, muss man den Mut zur Lücke lernen. Aber das ist ein anderes Themen, denn zunächst geht es um Ehrlichkeit finde ich. Und deshalb sollte man gerade Einsteigerinnen nicht nur sagen: „Trau dich was.“ sondern auch „Stell dich drauf ein, dass du härter arbeiten musst. Bilde dir eine Meinung, sei vorbereitet. Und dann trau dich was.“ Ansonsten kratzt man nur weiterhin an der gläsernen Decke. Hierzu ist eine 2013er Studie von Ernest & Young interessant, die vier Faktoren ausmacht, die Frauen behindern: Alter (und hieraus wahrgenommene Qualifikation), Mutterschaft, Erfahrung und weibliche Vorbilder. Es ist eine später schwierig zu umschiffende Klippe als „ jung und ein bisschen grün“ abgestempelt worden zu sein. Das wirkt sich dann auch auf das Finden von Mentoren aus, die die eigene Qualifikation vorantreiben. Denn um wirklich etwas zu verändern fehlen mehr netzwerkende Frauen an der Spitze, die andere nachziehen. Aber an die Spitze muss man eben erstmal kommen. Und deshalb ist es vorteilhaft, wenn man die Regeln des Spiels kennt, auch wenn es ein ungerechtes Spiel ist, in dem oft die anderen die Regeln machen.

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