Schönes & Banales
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Meine Entgoogleisierung light – Wieder auf der Suche

Wer aufmerksam mitliest, hat sicher schon bemerkt, dass ich sehr oft googleGoogle ist mein Lehrer, Coach, Reisebüro, Therapeut, Hausarzt & einmal im Jahr Steuerberater. Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mit dem Wissen verbracht, dass die Suchmaschine da ist, um meine Fragen sofort zu beantworten. Neben der Schnelligkeit, absoluten Objektivität & Vertrauenswürdigkeit dieser Quelle schlägt Google vor allem in der wissbegierigen & leicht peinlichen Zeit zwischen 12 und 18 jedes Tagebuch & jede vertraute Freundin nicht nur beim Thema Verschwiegenheit um Längen. (Meiner Meinung nach auch der Hauptgrund für den Niedergang der BRAVO. Wer würde sich für den Gang zum Kiosk entscheiden, wenn man die drängenden Fragen der Pubertät im eigenen Zimmer beantwortet & bei entsprechendem Wunsch zusätzlich visuell aufbereitet bekommt?)

Für alle mitlesenden Teenies: auch über die Teenagerzeit hinaus gibt es peinliche Fragen, die Erwachsene, in der noch fehlgeleiteteren Hoffnung, dass sie nie wieder auftauchen, in ihren Browsern versenken.

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(Das Verhältnis der deutschen Hundebesorgnis zur Kinderbesorgnis bedarf eines eigenen Posts.)

Auch die Fragen nach dem eigenen Ich hören nie auf.

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Erinnert sich noch jemand an die Zeit, in der man Bücher (oder die CD-Rom der Microsoft Encarta) bemühen musste, um Antworten zu finden? Sagen wir mal, man wurde damals von der Frage geplagt, wie lange thc nachweisbar ist. Für die Erwachsenen nehmen wir das Kokain-Szenario.

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Der Weg führte zum Zettelkatalog der örtlichen Bücherei auf der bangen Suche nach einem unverfänglichen Titel, der die lang ersehnte Antwort bieten konnte. Die freundliche Bibliothekarin hätte einen trotz des Versuchs der Vermeidung menschlicher Interaktion natürlich zum Lügen gezwungen: „Oh interessieren Sie sich für Medizin?“ Die einzige gute Nachricht wäre hier vermutlich, dass am Ende der Odyssee der Zeitraum der Nachweisbarkeit von thc definitiv überschritten wäre.

Google macht also das Leben einfacher, auch wenn man sich sicher sein kann, dass jede Peinlichkeit  von 1-250 Regierungen katalogisiert wird. Aber unsere Neugier nach Katzenbabys, US-Serien & Nacktfotos von Prominenten ist eben besser bei einem anonymen Beamten aufgehoben als bei unserem Chef & Freunden. So weit, so irgendwie nachvollziehbar.

Nun muss man zugeben, dass Google heute den Suchenden selten geradewegs zur Antwort leitet sondern oft in obskure Foren, in denen man verlässlich mit weiteren Problemen versorgt wird. Jeder, der nicht schon einmal nach Erkältungssymptomen suchte, um bei der Erkenntnis zu landen, dass man Krebs im Endstadium hat, werfe den ersten Stein. Persönlich bin ich mir auch nicht sicher, ob meine Google-befeuerte Angewohnheit die Handlung durchzulesen BEVOR ich den Film schaue, nicht der Grund sein könnte, dass niemand mehr mit mir Filme schaut.

Nicht nur deswegen, spiele ich in letzter Zeit häufiger das Gedankenexperiment eines bewussten Nichtgoogelns, also meiner Entgoogleisierung durch.

Google saugt nämlich die Rätsel aus dem Leben. Alle Informationen sind da, wenn man nur die richtigen Suchworte aneinander reiht. Die allgegenwärtige Verfügbarkeit der Antwort beraubt uns auch der Freude an der Suche. Google hat ja nichts mit Suchen zu tun sondern mit sofortigem Finden. Neugier aber birgt Potential für leichten Nervenkitzel. Und die nichttechnisierte Art der Suche nach Antworten, die oft mehr als eine Frage stellen beinhaltet & einen dazu zwingt, Ungewissheit, Peinlichkeit & Überraschungen auszuhalten, ist in sich spannend.

Selbst das Spekulieren über eine Antwort kann das eigene Jagdfieber nachhaltiger befriedigen als das Finden der Lösung. Komischer weise kommt mir dann immer eine lebhafte, stundenlange Lagefeuerdiskussion über die Farbe von Will Smith Cabrio im Video zu Miami in den Kopf. Damals, vor der Jahrtausendwende, 1997 v.Goo. (vor Google).

Der Komplettversuch einer Entgoogleisierung, einer maximalen Suchmaschinenbefreiung, hat bereits beim gedanklichen Durchspielen etwas von den Anstrengungen einer Himalayaexpedition (Microsoft Encarta CD-Rom suchen: 2 h – Festellen, dass man kein CD-Rom Laufwerk hat: 1 min – Schlange stehen für Telefonbuch: 30 min….).

Deshalb praktiziere ich seit einigen Tagen die Light-Version. Und das geht so. Frage taucht auf. Ich entscheide mich für A, B oder C.

  • (A) Ich muss es nicht sofort wissen & verschiebe die Suche – womit sich erstaunlich viele Fragen erledigen.
  • (B) Die Frage ist spannend & genauso spannend ist es, ein bisschen über das eigene Nichtwissen nachzudenken, mögliche Antworten durchzuspielen & sich auszutauschen.
  • (C) Ich sollte wirklich dringend einen Zahnarzttermin vereinbaren & spätestens nach drei möglichen ausgedachten Telefonnummern macht das Ganze keinen Spaß mehr.

B ist so gut wie ausgestorben. Die Möglichkeit, jedem sofort seine falschen Fakten unter die Nase zu reiben, hat die schöne zwischenmenschliche Interaktion über Fragen wie Wie viele Frauen hatte eigentlich Heinrich VIII.? fast vollständig zum Erliegen gebracht. Versteht mich nicht falsch, ich habe auch sehr gern recht. Manchmal versaut es aber einfach nur den eigenen Lernprozess. Und die Tatsache, dass man nach Lagerfeuerdiskussionen jahrzehntelang im Unrecht sein kann & trotzdem der Gewinner ist, weil man besser argumentiert hat.

Ihr dürft übrigens gern alle mitmachen. Entgoogleisierung light ist erstaunlich interessant.

Und wir helfen, die Überstunden beim BND zu reduzieren.

PS: Ich kenne bis heute nicht die Farbe von Will Smith Cabrio, war aber für grün. In den Kommentaren dürft ihr gern spoilern. Besonders herzlich dazu eingeladen sind alle, die je mit mir, meinem wissenden Gesichtsausdruck & hellseherischen Kommentaren Filme schauen mussten. 

PPS: Heinrich VIII. hatte sechs Frauen, bevor eure Entgoogleisierung light hier schon scheitert. 

Foto: flickr – CC by 2.0 – kygp

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9 Kommentare

  1. Ich vermisse auch die Diskussionen, bei denen nicht nach ein paar Minuten jemand sein Telefon aus der Tasche zieht und googelt. Überhaupt vermisse ich generell Zusammensein mit Freunden, bei denen niemand an sein Telefon denkt … 😀

    • Ja, das verdient einen eigenen Post. Obwohl ich selbst wahrscheinlich oft die Schlimmste von allen bin seit ich auch (als letzter Mensch in Deutschland wahrscheinlich) überall Internet habe & nicht nur im heimischen W-Lan.

  2. Ich sehe total deinen Punkt, dass sich durch die Möglichkeit der schnellen Suche Gespräche geändert haben. Ich würde aber als schuldigen eher das Smartphone ausmachen und nicht die Suchmaschine. Denn den PC hat zumindest bei mir noch nie jemand angemacht um etwas herauszufinden. Die Suche über das Smartphone ist aber so beiläufig und einfach, dass man es eben mal schnell so machen kann.
    (Wobei wir mal eine sehr hitzige Diskussion während eines Trinkspiels hatten ob Weiß oder Schwarz Farben sind. Wir haben damals den Brockhaus zur Rate ziehen müssen, weil es ja immerhin ums Trinken geht. Da versteht der geneigte Jugendliche keinen Spaß.)

    Vielleicht ändert sich auch nur die Art der Fragen. Die weltbewegende Fragen: „Würde die USS Enterprise im Kampf gegen die Andromeda gewinnen“ wird mir Google wahrscheinlich nie beantworten können. Wenn Google das allerdings mal schaffen sollte, dann sind wir alle doomed. Es wird keine soziale Interaktion mehr stattfinden, weil alle Fragen schon beantwortet sind. Dann malen wir vielleicht alle nur noch. ¯\_(ツ)_/¯

    • Stimmt, ich versuche sozusagen, mein Smartphone wieder downzugraden, indem ich die Funktion nicht nutze. Das Beste wäre dann womöglich ein Rentnertelefon mit ganz großen Tasten (und nichts anderem). Angeblich führen Ausmalbücher für Erwachsene ja gerade die Amazon-Ranglisten an. Womöglich ist also die Rettung nicht weit.

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