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Mein Vater ist ein kluger Mann

„Mein Vater ist ein kluger Mann“ flüstere ich. Die Ärztin tritt von einem Fuß auf den anderen. Sie hat keine Zeit. Sie will uns hier nur kurz etwas erklären. Mehr dann irgendwann, nach dem Wochenende, ja irgendetwas in den Aufnahmen, nein, kann man alles nicht sagen, erstmal abwarten und beobachten.

Wir haben fast den ganzen Tag mit Warten verbracht, hier, vor dieser Tür der Notaufnahme. Dort möchte man nicht sitzen. Nie, nicht nur, weil der Rücken schmerzt und jedes Erheben für einen Kaffee oder zur Toilette bedeuten kann, dass man verpasst, endlich aufgerufen zu werden.

Sie merke auch eigentlich gar nicht viel, sagt die Ärztin noch, er rede ja ganz normal. Da flüstere ich es, genau da und schüttele unmerklich den Kopf: „Mein Vater ist ein kluger Mann.“ Wir merken es ganz deutlich. Er ist nicht er selbst. Ich möchte dort schon lauter werden, ganz laut, möchte schreien, dass das der Mann ist, der mir Integralrechnung beigebracht hat, der so viel weiß, der in einem Alter, in dem andere keine Lust mehr auf irgendetwas Neues haben so gut Englisch gelernt hat, dass er alle Verhandlungen führen konnte. Mein Vater ist ein kluger Mann. Ich werde es noch oft merken in diesen Wochen, diesen Monaten nun schon. Es gibt einen Punkt, an dem die anderen sich ihre Bilder machen. Kurz nach dem Wochenende, an dem nichts passierte, an dem der Virus sich ausbreitete, kurz vor der Nacht, in der wir weinend  im dunklen Krankenhausflur standen, weil irgendwann doch alle begannen zu rennen, kurz vor dem Moment, an dem er in etwas glitt, was ich den Kindern später als „Opa schläft jetzt sehr lange wie Dornröschen.“ erklären würde, kurz davor meinte eine Krankenschwester, mein Vater wäre so unruhig, er wäre sicher so ein Typ. Mein Vater ist der Typ, der hunderte Teile zu einer Dampfmaschine zusammenbaut, der mit unendlicher Geduld alle Geräte reparieren kann. Er ist unsere Ruhe. Die, die jetzt so schmerzlich fehlt.

Stattdessen leben wir nun durch die langen Tage. Lernen wirklich, was Warten bedeutet, was Sorge mit einem macht, wann man nicht mehr weinen kann und wann das Hoffen einen fast verlässt. Das Denken ist dafür immer da. Es schleicht sich ein in die Tage und die unruhigen Nächte. Es begleitet jedes Arztgespräch, jedes Telefonat, bloß keine Frage vergessen, bloß diese Frage nicht stellen, vielleicht will man die Antwort nicht wissen. Wir werden Experten für jedes Gerät, jede Digitalanzeige, jede Kurve in dem piependen Zimmer. Später für Krankenkassen und Anträge und Bürokratie. Und für ein Leben, das uns langsam klar macht, dass sich alles verändern wird, bereits verändert hat. Mit der Zeit wird der Satz wieder lauter, ich sage ihn jetzt oft. Ich sage nicht: „Mein Vater ist ein kluger Mann.“ Ich sage andere Dinge, was er gearbeitet hat, was er mir beigebracht hat, wieso er so unendlich fehlt, wieso er verdammt nochmal dableiben muss.

Ich kann die Worte „alter, weißer Mann“ nicht mehr hören. Ich weiß, dass sie eigentlich nichts mit meiner Situation zu tun haben, oder vielleicht alles. Mein Vater ist genau das, ein alter, weißer Mann. Einer, der mir die Welt erklärt hat. Der eine Firma geleitet hat. Er ist ein kluger Mann. Der zuhörte, wenn ich ihm erklärte, warum er den Enkelinnen nicht unbedingt nur Handpuppenmärchen von Prinzessinnen, die ihre Prinzen finden, vorspielen sollte. Der vielleicht hier liegt, weil er immer zuviel von dem gemacht hat, was man von Männern erwartet: erfolgreich sein, Geld verdienen, versorgen, Stärke zeigen. Und irgendwie wollte er genau jetzt wieder damit weitermachen, den Job hinter sich lassen, für die Enkel und uns da sein.

Dieser Text ist schon so lange in mir. Zuerst war ich nicht in der Lage ihn zu schreiben. Dann habe ich ihn nicht geschrieben, weil ich ihn nur schreiben wollte, wenn er ein gutes Ende hat. Ein gutes Ende wäre nur eine Zeitmaschine. Alles andere, die Realität, auch die hoffnungsvolle, die, die in weiter Ferne liegt, wenn viele gute Wünsche in Erfüllung gegangen sind, ist düster. Ich merke es an den Gesichtern der Menschen, wenn ich ihnen vom bestmöglichen Ausgang erzähle. „Wie ein Toaster, in den man Wasser gekippt hat.“ sagt ein Arzt einmal zu uns.

Und doch ist dort immer wieder einmal Licht. Man ist fast erschreckt mit wie wenig Licht man zufrieden sein kann. Seit ein paar Tagen darf ich meinem Vater manchmal in die Augen sehen, wenn er sie mit großer Mühe öffnet. Ich hatte beinahe vergessen, was er für blaue Augen hat. Sonst sind dort nur die gleichen Schläuche und Geräte. Auf alles andere, auf mehr als einen Wimpernschlag müssen wir warten, wieder warten, wieder Geduld haben. Mein Vater erkennt mich nicht. Ich weiß nicht, ob er Angst hat, ob er es weiß, dass er mein Papa ist, ein liebevoller, ein geliebter Mann. Ich hoffe es sehr. Vielleicht sollte ich mehr darauf vertrauen. Schließlich ist er ein kluger Mann.

Foto: flickr – Lorenzo Maddalena – CC by 2.0

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17 Kommentare

  1. Fühl dich ganz fest gedrückt, liebe Corinne! Ich wünsche dir und deiner Familie ganz viel Kraft, und deinem Vater ein kleines Wunder <3

  2. Er ist ein kluger Mann und er hat eine kluge Tochter.
    Trotzdem tut es weh. Ich kenne es. Ich war da auch.
    Alles Liebe – Carina.

  3. Nancy sagt

    Ich denke ganz oft an euch und schicke Kraft. Ich weiß, wie es sich anfühlt, auch wenn das kein Trost ist. Aber es stimmt, es ist erstaunlich, mit wie wenig Licht es gehen kann. Und auch, wenn sich das jetzt nicht so anfüllt, es wird wieder mehr Licht geben. Ganz bestimmt.

  4. Funny Val sagt

    Was für ein Trost so geliebt zu sein. Er hat so ein Glück und mit ihm. Wie schön, dass Du durch ihn, die werden konntest, die Du bist. Ich hoffe auf ein Gutes. Alles liebe für Euch!

  5. Ich wünsche euch ganz ganz viel Kraft – der Text geht unter die Haut und ich glaube, so etwas kann niemand wirklich nachvollziehen, der nie in dieser Situation war. Ich bin überzeugt, dass Dein Vater die Liebe spürt, die ihr ihm entgegenbringt – selbst wenn er Dich zur Zeit gerade nicht erkennt. Ich hoffe ganz fest, dass die Geschichte ein positives Ende hat.
    Liebe Grüsse
    Ariana

    • Liebe Ariana, das hoffen wir auch. Ja, es gibt Tage, da denke ich auch fest daran und manchmal fällt es schwerer. Umso schöner, dass so viele Fremde für uns das Wünschen übernehmen, wenn es kurz schwer wird.

  6. Oh Corinne,
    ich hätte deinem Vater, deiner Familie und dir gewünscht, dass ihr nicht so eine schwere Zeit durchmachen müsst. Meine Familie und ich haben wahrscheinlich etwas ähnliches durchgemacht – ich kenne ja nicht alle Umstände und maße mir da keine Vergleiche an. Aber ich habe zumindest mitbekommen wie kräftezehrend alle diese Meinungen sind, die auf einen einprasseln, wenn jemand ernsthaft krank wird und Entscheidungen von denen man nicht gedacht hätte, dass man die so bald treffen muss. Ich wünsche euch viel Kraft und ein happy end – nicht aufhören zu hoffen!
    Liebe Grüße,
    Steffi

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