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Mein problematisches Beziehungsmuster mit dem Internet

Ich habe mittlerweile so häufig die Twitter-App gelöscht & wieder drauf gespielt (zur Selbstdisziplinierung, ihr wisst schon), dass sie eine kleine beleidigte Seele entwickelt hat & ganz schön rumzickt. Auf der ZEIT lese ich diese Woche: Warum Eltern den Kampf gegen Smartphone und Internet so schwer gewinnen können. Eltern mit Kindern zwischen 8 und 14 Jahren spüren „Kontrollverlust, Machtlosigkeit und Überforderung“. Meine Eltern wissen, wovon der Text spricht. Auch wenn sie mich nicht mehr 24 Stunden um sich haben, jetzt, wo ich doch schon über 30 bin. „Was macht es mit Familien, wenn Urlaubsorte danach ausgesucht werden, ob sie W-LAN besitzen, weil die Kinder sonst nicht mitfahren?“ fragt der Text weiter. Ja, hier, schuldig. Mittlerweile eines meiner wichtigsten Auswahlkriterien.

Da ich aber nun schon erwachsen bin, ist es bei mir natürlich kein Erziehungsproblem mehr. Das Internet und ich haben, wie es sich unter ordentlichen Mittdreißigern gehört, eher ein problematisches Beziehungsmuster. Wie bei jedem guten Beziehungsproblem baut es sich langsam aber stetig in verschiedenen Phasen auf.

Flitterwochen

17347044861_98c644b472_zEin Adrenalinhoch stellt sich ein, jedes Mal wenn mein Lieblingsbrowser sich öffnet, ein neuer Kommentar erscheint oder eine Nummer im blauen Kreis. Ich bin verliebt, es soll nie wieder aufhören. Der erste Griff der Vergewisserung am Morgen gilt nicht dem Menschen neben mir im Bett sondern dem Smartphone gefolgt von 20.000 Interaktionen während des Tages. Ich habe vergessen, die  Minuten – ach, Stunden – zu zählen. Jeder Moment ist besonders. Niemand hat mich je so geliebt wie das Internet. Ich möchte es fest an mich drücken & nie wieder los lassen.

Schlingern

16317518744_7f29e0ab68_zIrgendwie ist das Gefühl nicht mehr das Gleiche. Das Liebesauto mit dem Just Married-Schild ist aus der Spur gekommen, es schlingert. Die Blechdosen sind schon vor langem abgefallen, die an die Antenne geknotete Spitze ist grau geworden. Die roten & blauen Zahlen, die Links, die Bildergalerien beginnen zu nerven. Ich fange an, die kleinen Fehler am Anderen zu suchen. Mir ist nichts mehr gut genug. Das Internet bemerkt meine beginnende Frustration und zieht sich zurück. Die Webseiten laden immer langsamer. Schneller, Internet, schneller. Enttäuschend.

Trennung

Ich habe es beendet. Das Internet ist weg. Egal, wie oft ich die Seite neu lade, es ist vorbei. Dieses Mal endgültig.

Herzschmerz

2814576677_ce66f8678a_zDie letzten 24 Stunden waren die härtesten meines Lebens. Die freie Zeit nervt. Das Leben ist im Internet. Ohne mich. Ich schreibe kleine Nachrichten, dass es zurück kommen soll. Ich kann mich ändern. Ich schreibe längere Nachrichten. Ich weiß nicht, wie ich sie übermitteln soll, ich habe schließlich kein Internet mehr. Normalerweise würde ich das Problem googeln… Tränen steigen mir in die Augen.

Ablenkung

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Vielleicht was mit Tieren? An der frischen Luft?

In einem traurigen, pathetischen Versuch mir selbst & dem Internet etwas vorzumachen, überlege ich, mir ein anderes Hobby zu suchen. Ich bin das Rebound-Mädchen. Das Internet ist zu klug, um sich davon beeindrucken zu lassen. Es ignoriert mich. Es hat im Gegensatz zu mir auch Milliarden anderer Rebounds. Es kommt nicht reumütig zurückgekrochen. Ich fühle mich schwach.

Wieder ein Paar

11476067045_6068160546_z-2Nach intensiver Selbstbeobachtung & langem erneutem In-mich-gehen (ok, ca. 30 Minuten) war ich nun einen Tag und 30 Minuten ohne Internet. Es wird Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich will es zurück. Ich werde es nie wieder gehen lassen. Wie konnte ich es nur jemals langweilig oder zeitraubend finden? Ich liebe dich Internet, ich habe dich so vermisst. Auf einem Smartphone reiten wir händchenhaltend in das blaue Licht des Laptopbildschirms. „Internet?“ „Ja, Corinne?“ „Möchtest du mich….auf ewig, dieses Mal für immer?“

Flitterwochen

siehe oben – zurück auf Los

Foto: flickr – Simson Petrol – CC by 2.0

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7 Kommentare

  1. Melanie Kirss sagt

    Gerade auf deinen Blog gestoßen, werde in den nächsten Tagen ein bisschen lesen. Bin passive Konsumentin aber das mit der Internetsucht kenne ich auch.

  2. Pingback: Kamera läuft! 3…2…1 und keine Action – Was fasziniert an Slow TV? | makellosmag

  3. Pingback: Wie man keinen Roman schreibt – #NaNoWriMo – Rückschau | makellosmag

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