Feminismus & Weltverschwörung
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Liebe Mütter, die Erlaubnis, nicht perfekt sein zu müssen, geben euch jetzt Pappteller.

Kennt ihr Dixie? Nein, nicht die Toiletten. Das Pappgeschirr. Ich kannte es auch nicht. Die US-Firma produziert alle Arten von Tellern & Bechern – aber nicht für Kinderparties oder das Sommerpicknick, sondern den täglichen Gebrauch. Mit großem & wachsendem Erfolg. Bereits 2008 erklärte ein Werbespot, worum es geht. Wer Pappgeschirr verwendet, kann sich den Abwasch sparen. Und hat so mehr Zeit für die Kinder. Denn, so eine Mutter im Werbespot: „Meine Kinder kommen immer zuerst.“ Mittlerweile hat Dixie eine Marke aufgebaut, die ohne schlechtes Gewissen & peinliche Blicke fest an den Familientisch gehören darf. Im Sommer startete man die „Be More Here“ – Kampagne mit dem #DarkforDinner – Hashtag. Familien, sagt Dixie, stellt Telefon, Fernseher & iPad beim Essen ab! Erzählt euch wieder Geschichten. Den Spot dazu gibt es hier.

Wer wie ich gerade noch vor dem Wochenendwäscheberg saß, kann sich ein interessiertes Nicken vielleicht ebenfalls nicht verkneifen, auch wenn das ökologische Gewissen jegliche Idee des Nachmachens verbietet. Trotzdem kommt Sympathie für die Marke in mir auf. Hier wird mir also die Erlaubnis gegeben, nicht perfekt sein zu müssen.

Die Rahmenbedingungen sind klar. Frauen sind immer besser ausgebildet & erklimmen langsam aber stetig einflussreiche Positionen in der Arbeitswelt. Wir sind die privilegierten Produkte der Generation von Frauen vor uns, die die Ideen von anderen Rollenbildern im Haus wie im Beruf erstmal in die Köpfe gebracht haben. Und trotzdem…soviel sich auch verändert haben mag, vieles ist auch gleich geblieben. Frauen, insbesondere wenn sie Mütter werden, sind nicht mehr die 1950er Hausfrau aber doch der Chief Operating Officer daheim. Halt, nicht aufhören zu lesen. Ich weiß, der Impuls ist da. Denn wir kennen das Problem, es wird in der letzten Zeit gern beleuchtet. Beleuchtet, nicht ausgeleuchtet, denn das Licht kommt nicht in alle Ecken.

Aber die Erzählung geht ungefähr so. Nachdem die Frauen & Mütter um die 30 gesehen haben, wie sich ihre eigenen Mütter an dem Versprechen vom eigenem Büro, zwei wunderbar-gut-erzogenen Kindern & der Hoheit über Sonntagsbraten & Socken aufgerieben haben, wissen sie, dass ihr Versprechen, alles haben zu können, uneingelöst bleiben wird. Ihre clevere Umgehungsstrategie, die gern geteilt & beklatscht wird. Möglichst viel zu haben klappt am Besten, wenn man nicht alles macht, sondern die Aufgaben reduziert. Weniger Ansprüche an sich selbst stellt. Blogs (auch meiner) & Feuilletons sind voll von selbstreflektiert-lustigen Texten zum selbstgewählten Scheitern am Ideal. Auch mal das Unperfekte zu feiern, das Scheitern an den eigenen Ansprüchen gepaart mit Produktempfehlungen machen vielleicht auch gerade Mütterblogs zu einem so beliebten Werbeumfeld. Tod der Supermom! Die heutige Mutter ist pragmatisch, effizient & tief in der Realität verwurzelt, wenn sie Fertigkuchen mit in die Schule bringt.

Genau hier liegt der Grund für meine fast unweigerliche Sympathie für die Pappgeschirr-Botschaft, den sie bläst in das gleiche Horn. Auch hier bekomme ich die Lizenz zu weniger Perfektionismus, oder? Nun ja, die freie Zeit nutze ich dann, um mehr Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Jennifer Senior hat in Himmel und Hölle: Das Dilemma moderner Elternschaft  Studien ausgewertet, die nach der Zeitverteilung von vollzeitarbeitenden Müttern fragen. Das Ergebnis: Im Vergleich zu den 50ern und 60ern verbringen sie im Schnitt weniger Zeit mit Haushaltstätigkeiten aber auch weniger mit Freizeitaktivitäten (und hierzu gehört auch Freunde treffen). Sie schlafen weniger. Die Zeit aber, die sie mit ihren Kindern interagieren, ist sogar angestiegen. Sie lesen mehr vor, sie basteln & spielen mehr mit ihnen als ihre Schwestern aus den vorangegangenen Jahrzehnten. Und der Abstand zu Müttern, die sich heute Vollzeit der Kindererziehung widmen, ist kaum wahrnehmbar.

Wir machen uns also frei von Ansprüchen, um anderen Ansprüchen zu genügen? Je mehr man darauf achtet, desto mehr findet man die Pappteller-Werbebotschaft. Hier, liebe Mütter, macht es euch einfacher. Muss nicht immer alles perfekt sein. So einfach geht es, Familienerlebnisse schaffen & alle am Feuer zusammenzubringen. Es mag nicht mehr um den perfekten Glanz der gespülten Gläser oder den Supersonntagsbraten gehen. Aber es geht um die klassisch-weibliche Aufgabe des Kümmerns. Die Frau sorgt für Harmonie in Haus & Familie. Das gilt für Mütter, die einer Erwerbsarbeit nachgehen ebenso wie für die, die sich entscheiden, sich ganz der Kinderbetreuung zu widmen (und hier genauso arbeiten). Beide managen und erziehen in gleichem Maße. Das machen Väter zunehmend auch. Aber Mütter managen und erziehen in ihrer Rolle als emotionaler Kern der Familie.

Die moderne Mutter hat also verstanden, dass nicht alles auf einmal geht, dass ihr Leben eine Abfolge von Zielkonflikten & Tauschgeschäften ist. Wer beim Lieferdienst bestellt, bekommt mehr Zeit für Kinder & Familie. Auch wenn es der gesunde Lieferdienst sein sollte. Möglichst viele Stunden Erwerbsarbeit bedeutet vielleicht weniger Zeit für die Familie (in der Theorie) aber auch mehr Einkommen, um Haushaltsaufgaben auszulagern oder zu delegieren. Work-Life-Balance wird in der Managementliteratur zunehmend von Work-Live-Effectiveness abgelöst. Denn Effizienz fragt nicht nach dem, was dahinter steht. Was will man in Balance halten? Welche eigenen Bedürfnisse, welche kulturellen Normen & Werte? Womit wir wieder bei den Papptellern wären. Weniger Abwasch, mehr Effizienz. Für die Kinder. Nicht freie Zeit per se, über deren Verwendung ich dann entscheide. Wobei ich nicht meckern darf. Zeit für mich wird mir von der Werbeindustrie auch zugestanden. Nicht im Haushalts- aber im Beautysegment. Da darf ich dann mehr als die Mutter sein. Sollte ich sogar, um Frau zu bleiben. Und die Erlaubnis, nicht immer perfekt sein zu müssen, gibt es hier auch. Man denke nur an die Wahre Schönheit – Kampagne, die immer auch Ware Schönheit ist. Ironie off.

Passt mir also alles  wieder nicht. Was will ich dann, ich dauerschimpfende Mutter? Ganz ehrlich, da bin ich mir manchmal selbst nicht so sicher. Aber vielleicht als Anfang mal einen Pappteller-Werbefilm, in dem Mama sich freut, dass sie jetzt mehr freie Zeit für Videospiele hat. Oder zum einfach in die Luft gucken. Wenn Videospiele und Einfach-in-die-Luft-gucken ihr Ding sind. Genau, das fände ich gut. Eine Thermomix-Werbung, in der Mama sagt: „Weil das Essen jetzt schneller geht, habe ich mehr Zeit für Nickerchen.“ Aber Moment, wer passt dann auf die Kinder auf & hält die Familie zusammen?

Foto: flickr – 1950sUnlimited – CC by 2.0

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14 Kommentare

  1. Also ich habe keine Kinder. Ich habe nicht mal einen Job. Und ich möchte diese Pappteller, weil ich keinen Bock auf Spülen hab. Eine Spülmaschine habe ich nämlich auch nicht. Ganz egoistisch bin ich dafür, dass diese Pappteller auch bei uns in Mode kommen.
    Einen Thermomix hab ich übrigens, aber den benutze ich nicht. Egal, ich muss ja auch keine Familie zusammenhalten und Kinder erziehen. Wozu also sollte ich Zeit einsparen? 😉

    Ums kurz zu machen: Mal wieder ein toller Text, dessen Fazit ich rundum unterstütze!

  2. Melanie Kirss sagt

    In deinen Texten sind immer wieder so Stellen, wo ich dann denke: ach ja, genau. Wäre wahrscheinlich nicht selbst auf den Gedanken gekommen, aber dann ist es auf einmal total logisch.

  3. Mutter sein ist heutzutage ein Spagat. Ich träume davon mehr Zeit für mich zu haben, wobei ich ehrlich gesagt das Gefühl habe: es wird einfach nicht mehr Zeit für mich, so sehr ich mich da auch anstrenge und versuche mir etwas freizuschaufeln. Also versuche ich nicht mehr, es ist ein Wunsch, mehr nicht.

    Ich bin fremdbestimmt. Die Termine meiner Tochter geben den Tag vor, in dem ich irgendwie auch einkaufen und kochen muss – neben meinem Mini-Job. Von einer Marketing-Expertin habe ich mich zur fachkundigen Nachhilfelehrerin für meine Tochter (alle Fächer außer Mathe) entwickelt, die logistisch unglaublich gut drauf ist.

    Noch ein paar Jahre, dann werde ich meiner Tochter so eine schicke Vespa kaufen und dann kommt meine Zeit – hoffe ich : )

    • Das kann ich gut nachvollziehen, ich frage mich, war das schon immer so? Habe ich einfach zu viele Ansprüche an Zeit für mich usw., die Mütter früher nicht hatten? Oder hat sich auch die Gesellschaft verändert & macht es Müttern (und Vätern) schwerer? Wenn ich dann Jennifer Senior lese, habe ich den Verdacht, es ist auch letzteres, wenn dort eben steht, dass die klassische Hausfrau viel weniger Zeit direkt mit ihren Kindern verbracht hat.

      • Julia sagt

        Die „klassische“ Hausfrau war natürlich von ihrer Rolle nur im Haus auch tief frustriert & depressiv – siehe „the problem that has no name“ im Weiblichkeitsmythos.

        • Wahrscheinlich ist an dem Punkt etwas schief gelaufen, als Frauen den gleichen Arbeitsmarkt vorfanden, der eigentlich auf Männer setzte, die Zuhause die Frau zum Rücken freihalten hatten. Und Fortschritt ist dann, wenn dem Arbeitsmarkt egal ist, ob Mann oder Frau – Hauptsache super einsetzbar & möglichst frei von anderweitigen Verpflichtungen. Richtig spannend wird es dann, wenn man überlegt, wieso eigentlich beides gleichzeitig? Schließlich werden wir immer älter & die notwendige Arbeit eigentlich auch weniger. (Gibt ja die tollen Bücher dazu, dass das Problem der nächsten Jahrzehnte aufgrund Automatisierung usw. eher sein wird, dass wir gar nicht mehr alle beschäftigen können…) Warum also die wahnsinnige Doppelbelastung in den 10 Jahren, in denen man abhängige Kinder hat? Als ob wir es uns nicht leisten könnten, hier anders zu agieren, wenn der Wille dazu da wäre.

      • Wenn ich meine Mutter höre, hat sich der Alltag schon verändert. Gerade was G8 angeht, da sind die Eltern miteingeplant, denn anders ist das Tempo nicht zu schaffen.

        Ich glaube, dass das Proklamieren seitens der Politik: Gut ausgebildete Mütter fehlen, daher musste eine Vereinbarkeit her. Arbeiten und Mutter sein, das sind für mich 2 Jobs. Und ich finde es anstregend. Diesem Ideal der zufriedenen, arbeitenden Mutter kann man kaum gerecht werden.

      • Mein Anspruch an „Zeit für mich“ besteht momentan in erster Linie darin, dass ich gerne mal wieder schlafen würde. Dieses Problem hatten unsere Omas und vielleicht noch Mütter ja tatsächlich nicht unbedingt. Damals hat man die Kinder ja einfach nachts in einem anderen Zimmer schreien lassen und hat in Ruhe geschlafen.

  4. Sehr guter Artikel!

    Gerade die Medien schaffen ein völlig unrealistisches Frauenbild, das Frauen unverständlicherweise so gerne erfüllen möchten. Super-Mum, knallharte Geschäfts- und perfekte Ehefrau – und das alles bitte mit Size Zero. Schafft man es nicht, liegt es definitiv am Zeitmanagement – so will man uns glauben machen.

    Aber Perfektionismus führt zu nichts – außer zu selbstgemachtem Stress – und hierauf lasse ich mich nicht ein.

    Ich bin also absolut Deiner Meinung – nur bei einem nicht: Ich mag einfach kein Pappgeschirr.😊

    Viele Grüße

    Rosa

  5. Ich habe eher das Gefühl, dass die moderne Mutter noch mehr alles auf einmal will als früher. Meine Mutter hatte weder einen Beruf, noch hat sie sich für Sonntagsbraten interessiert. Heute will man eine liebevolle Mutter sein, hat aber auch noch einen Beruf. Mit Baby hat man so viel Haushaltsarbeit, dass selbst dann noch viel liegen bleibt, wenn man gar nicht perfekt sein will und der Mann auch noch mithilft. Und dann muss man ja noch Frau sein und Partnerin und soziales Wesen … Und die ganzen tollen Mütter da draußen schaffen das mit links, während man selbst gar nicht mehr weiß, welcher Wochentag überhaupt ist.

    • Stimmt, ich frage mich immer, wie viel will ich das aus mir heraus und wie viel ist es Produkt der Ansprüche von außen. Wahrscheinlich wird der eigene Anspruch von außen mitbestimmt. Ich denke da immer an eine Kollegin, die mir gern empfohlen hat, dann doch einfach mal nicht Bett- und Unterwäsche zu bügeln, muss ja nicht immer alles perfekt sein. Und man selbst denkt so in sich hinein: „Darauf würde ich im Leben nicht kommen, ich wäre schon ganz zufrieden, wenn mal wieder gewaschene Wäsche auf dem Ständer hängen würde.“ 🙂

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