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[Lesewochenende] Im Hause Longbourn

Auf Im Hause Longbourn habe ich mich sehr gefreut, denn Jane Austen gehört zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Stolz und Vorurteil ist ihr bekanntestes Buch. Von der Geschichte der fünf ungleichen Bennet-Schwestern, die sich im England des frühen 19. Jahrhunderts verlieben, verloben & verheiraten, haben wohl die meisten schon einmal gehört. Und auch wer Jane Austens Welt voller Wortwitz & Lesevergnügen noch nicht betreten hat, kennt meistens den Namen Mr. Darcy. In der popkulturellen Wahrnehmung ist er seit der BBC Miniserie zum Buch mit dem Schauspieler Colin Firth verknüpft. Auch Romanfigur Bridget Jones fanatisiert gern von ihm.

Jo Baker wagt sich mit Im Hause Longbourn an diesen Klassiker. Und haucht ihm eine neue Perspektive ein. Wir lernen Longbourn, den Familiensitz der Bennets, aus der Perspektive der Dienstboten kennen. Somit rücken die bekannten Figuren der Herrschaft auf die Statistenposition. Denn der Leser folgt dieses Mal den Dienstboten rund um das Wirtschafterehepaar der Hills. Dass die Geschichten unterhalb der Treppe oftmals spannender sein können, als die Handlung im Salon, hat uns bereits Downtown Abbey gelehrt. Und natürlich darf in einem Buch, dass sich an Austen anlehnt, auch die Liebe nicht fehlen. So erweitert sich das Personal zu Beginn des Buches um den Neuzugang James. Völlig verlumpt & abgemagert, soll er den Haushalt unterstützen & scheint ein Geheimnis mit nach Longbourn zu bringen. Dienstmädchen Sarah hingegen interessiert sich zunächst mehr für die schnittigen neuen Diener im neubezogenen Nachbaranwesen Netherfield Hall. Austenleser wissen, hier zieht Mr. Bingley ein, der nach einigen Wirrungen, die Bennettochter Jane ehelichen wird.

Man muss Stolz und Vorurteil nicht kennen, um Im Hause Longbourn zu mögen. Aber Austenleser finden viel Bekanntes. Jedes Kapitel wird mit einem Satz aus dem Original eingeleitet. Und natürlich ist das Leben der Dienerschaft maßgeblich von dem der Herrschaft bestimmt, so dass die Handlung des ursprünglichen Romanes immer wieder durchscheint. Steht ein Ball in Netherfield Hall an, muss sich Sarah auch im strömenden Regen auf den Weg ins Dorf machen, um Bänder für die Kleider zu besorgen.

Und hier liegt die Stärke des Buches, dass weder Austens Stil imitiert noch dem Originalplot sklavisch folgt. Es illustriert ein weit entferntes Leben, dass nur darauf ausgerichtet war, anderen zu dienen. Bei Jane Austen ist die Dienerschaft aus dem Zeitgeist heraus so allgegenwärtig wie das Mobiliar. Auch wenn einige als literarische Figuren vorkommen, mit ihren Gedanken & Gefühlen, was ihr Leben betrifft, bleiben sie unsichtbar. Jo Baker nimmt uns direkt mit – in eine Welt, in der die Hände schmerzen, wenn man am Waschtag das Menstruationsblut von 5 Mädchen aus der Unterwäsche geschrubbt hat. In der Nachttöpfe geleert werden müssen & die eigenen Wünsche wenig zählen.

In der Anlehnung an Stolz und Vorurteil schafft sie einen schönen Spagat. Wie leicht wäre es, einen Gegensatz von Gut & Böse aufzumachen. Die Bennetfamilie aber ist die, die wir von Jane Austen kennen. Wenn sie sich bedienen lassen & in einem fort läuten, wenn das richtige Sitzen der Schuhblumen auf den Tanzschuhen diskutiert werden muss, obwohl in der Küche der Brotteig zu weit aufgeht & man noch einmal von Neuem beginnen kann, wissen wir, dass all dies keine böse Absicht ist. Sondern ein Bild einer Zeit in der die Linien klar gezogen waren.

Im Hause Longbourn ist kein Roman seiner Zeit wie es Stolz und Vorurteil ist. Jane Austen schrieb über ihre eigene Wirklichkeit. Hieraus & aus ihrem unvergleichlichen Stil erwächst noch heute die Faszination ihrer Bücher. Um den Leser bei Jo Baker mitzunehmen, muss ein Dienstmädchen wie Sarah sehr viel gebildeter & reflektierter sein, als sie es vermutlich im realen 19. Jahrhundert war. So kann man der Autorin den Vorwurf machen, dass sie die Austenwelt doch nicht 100% trifft & einige eingefleischte Fans zeigen sich hier enttäuscht.

Tatsächlich ist dies kein Austenroman. Aber ein sehr gutes Buch.

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4 Kommentare

  1. Danke, dass du mir dieses Buch nochmal in Erinnerung gerufen hast. Ich wollte es mir kaufen; und so, wie du es beschreibst, klingt es absolut lesenswert.

    LG
    Ulrike

  2. Hallo Corinne,
    ich habe das Buch vor einiger Zeit auch gelesen und rezensiert. Es hat mir sehr gut gefallen. Ein heute geschriebenes Buch kann nie so authentisch sein, wie ein Roman von Jane Austen. Trotzdem fand ich es ähnlich spannend zu lesen.
    Viele Grüße
    Ann-Bettina

    • Hallo, danke für deinen Kommentar. Genau, das meinte ich auch. Deshalb hat mich die Kritik überrascht, denn du hast natürlich vollkommen Recht. Wir können auch heute gar nicht mehr beurteilen, was authentisch war & was nicht. Und man kann generell bezweifeln, dass es so etwas wie ein authentisches Portrait einer Epoche überhaupt gibt.

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