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[Lesewochenende] Der Circle

Im Spätsommer kam man kaum mehr an Dave Eggers und seinem Roman Der Circle vorbei. Insofern bin ich wahrscheinlich sogar ein bisschen spät dran mit meinen Eindrücken zum Buch.

Die Handlung fand sich bereits in vielen Feuilletonbesprechungen. Mae, die Hauptfigur des Romans, hat einen Job beim Circle ergattert. Vermittelt von ihrer Collegefreundin, die mittlerweile Teil der 40-köpfigen Führungsriege des Unternehmens ist, kümmert sich Mae zunächst um Werbekunden. Der Circle ist DAS Internetunternehmen in Eggers Roman. Auf dem Campus findet sich alles, was das Herz begehrt. Immer mehr Mitarbeiter stellen sich ganz in den Dienst der Sache & leben ihr Leben nicht mehr außerhalb seines Einflussgebiets. Das Geschäftsmodell des Circle, komplett mit mysteriösem Gründer & businessorientierten Gegenparts nach dem Börsengang, ist das Sammeln von Daten. Diese Informations-Sammelwut, so die Philosophie des Circle und seiner Mitarbeiter, schafft Gutes. Ganz nach den Leitsätzen in bester Orwell-Tradition: Geheimnisse sind Lügen, Privatsphäre ist Diebstahl & Sharing is Caring, ist das oberste Ziel vollständige  Transparenz des Einzelnen im Dienst der guten Sache.

Warum das Buch auf solches Interesse stieß, ist nicht verwunderlich. Der Circle nimmt deutliche Anleihen an Weltkonzernen wie Google & Facebook. Die Frage, was Informationen & Big Data in den richtigen & falschen Händen bewirken können, ist allgegenwärtig. Ich bin hier keine Expertin. Mir begegnet das Ganze, wie den meisten anderen sicher auch, beim täglichen Medienkonsum. Auch von Dave Eggers hatte ich vorher noch nichts gelesen, aber spätestens das Interview bei Druckfrisch in der ARD hatte mich neugierig gemacht.

Das Positive zuerst: Was sich Dave Eggers ausdenkt, wie er die Welt des Circle ausmalt, ist interessant & durchaus lesenswert. Die Annehmlichkeiten, mit denen das Unternehmen die Mitarbeiter bindet, die kleinen Erfindungen, die Ideen der Start-Ups, die sich zum Kauf präsentieren. Vielleicht liegt ein großer Teil des Grusel auch schon darin, dass einem das Meiste gar nicht so vollkommen abwegig vorkommt.

Trotzdem hat mich das Buch ein bisschen enttäuscht. Vielleicht auch, weil es mit ständigen George Orwell & Aldous Huxley-Vergleichen beworben wurde. Es ist aber nicht Schöne neue Welt und auch nicht 1984. Das Thema mag ähneln, aber Figuren, Handlung & vor allem Sprache sind mehr John Grisham als Orwell. Auch John Grisham kann auf der Liege im Sommerurlaub gut unterhalten, ist aber unter Umständen ein Buch, was man im Hotelzimmer zurücklässt, weil man es nicht noch einmal lesen wird oder im Schrank haben muss.

Mein Hauptproblem, weswegen ich mit Eggers nicht richtig warm wurde, ist seine Hauptfigur Mae. Gut, sie mag erst 23 Jahre sein. Aber trotzdem war sie mir zu naiv, zu holzschnittartig, zu wenig vielschichtig. Mae hat wenig wirklich bleibende Gedanken, obwohl ihr Erschaffer so oft in ihrem Kopf ist. Der eigentlich tief moralische Konflikt des Circle (Zu glauben, für das Gute zu arbeiten, aber die Informationen & ihre Besitzer zum Produkt zu machen & damit das Böse zu schaffen.) war mir beim Lesen erstaunlich wenig präsent, weil die Hauptfigur ihn mich nicht richtig hat nachfühlen lassen. Für eine Figur, die in meiner Wahrnehmung so wenig echtes Leben in sich hat, hat Mae dann noch ziemlich viel Sex im Buch. Das trägt aber auch nicht wirklich dazu bei, sie mit Leidenschaft & Leben zu füllen, da die Episoden erstaunlich nach Altherrenfantasie klingen, obwohl Eggers ja noch gar nicht so alt ist.    

Alles in allem, würde ich eine Leseempfehlung abgeben. Schon allein, weil man sich, wenn man viel & gern liest, ja oft selbst eine Meinung über die hochgelobten Bücher bilden will. Und wer nicht mit zu großen Erwartungen heran geht, wird es sicher nicht als vertane Zeit empfinden. Mit seinem Ende holt der Roman dann auch einiges auf. Dieses ist zwar ein bisschen vorhersehbar & überrascht nicht hundertprozentig. In seiner Wucht & Konsequenz macht es die Geschichte aber wieder ein bisschen runder, so dass man nach dem Zuklappen kurz den erwarteten Schauer angesichts dieser düsteren Zukunftsversion verspürt.

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