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[Lesewochenende] Der beste Roman des Jahres

Es gibt eine Sache, auf die ich mich jeden Sommer freue. Neben lauen Nächten, Eis & langem Urlaub. Es sind die Tage der deutschsprachigen Literatur, an deren Ende der Ingeborg Bachmann-Preis verliehen wird. Nirgends sonst kann man so hinter die Kulissen blicken, wenn ein Literaturpreis vergeben wird. Die Autoren lesen direkt vor der Jury & die Zuschauer bleiben live dabei, wenn die Texte diskutiert werden. Ebenso wie bei der Abstimmung. Man merkt schnell,  die Jury kann ein- & denselben Text komplett zerreißen & hochloben. Literatur ist eben keine Hauswand, bei der man nachmessen kann – Wasserwaage dran, alles gerade, gute Arbeit.

Das Spannende am Bachmannpreis ist, dass sichtbar wird, was sonst völlig im Dunkeln bleibt. Und nicht selten komplett unberechenbar scheint: Preisvergaben im Literaturbetrieb. Der beste Roman des Jahres von Edward St. Aubyn ist eine Satire auf genau diesen Literaturbetrieb. Der Leser begleitet Jury & Autoren bei der Vergabe des Elysia-Preises. Benannt nach einer Firmengruppe, die mit Literatur so wenig zu tun hat wie manche der Jurymitglieder, ist der fiktive Preis der renommierteste & höchstdotierte Preis, den man auf der Insel gewinnen kann.

In der Realität ist der wichtigste Literaturpreis im Vereinigten Königreich der Booker Preis. 2006 schaffte es der Autor auf die Shortlist. Um die Rache eines enttäuschten Autors handelt es sich bei Der beste Roman des Jahres aber nicht, wenn man ihm im FAZ-Interview Glauben schenkt.

In seinen Büchern rund um Patrick Melrose nahm sich St. Aubyn bisher, stark autobiografisch-geprägt, die dekadent-marode englische Oberklasse vor. Ich kenne nur Schöne Verhältnisse, was ich als ziemlich düsteres Buch voll mit menschlichen Abgründen in Erinnerung habe. Im besten Roman lässt er nun leichtfüßig eine ganz andere Figurenriege aufmarschieren. Wenn man bei der lakonischen Sprache des Romans bleiben will, könnte man sagen: Nach der Oberklasse wendet sich der Autor nun noch verrückteren Menschen zu: Schriftstellern & Literaturkritikern.

Bereits die Zusammensetzung der Jury lässt schmunzeln. Neben politisch Honorigen, einem Schauspieler & einer beliebten Journalistin wirkt die Oxford-Professorin, die tatsächlich Literatur lehrt, wie die Exotin der Runde. Natürlich haben Teile der Jury auch eigene literarische Ambitionen.

Und die „echten“ Autoren & Autorinnen stehen der Jury in Exzentrik in nichts nach. Einige Wendungen hält die Handlung bereit. Vorsicht Spoiler: Da werden Kochbücher zu literarischen Meisterwerken & ein sozialkritischer Bericht aus der Hochhaussiedlung entpuppt sich als Werk eines schottischen Aristokraten, verfasst auf dessen windigem Familiensitz.

Natürlich greift St. Aubyn tief in die Klischeekiste und überzeichnet. Eine Satire eben. Auch einen slapstickartigen Eingriff erlaubt er sich, wenn er einen rachsüchtigen Inder auftreten lässt, der – vermeintlich von der Jury übersehen – den Mord am Vorsitzenden plant.

Das ist ein anderes Buch als Schöne Verhältnisse. Und mag der Grund sein, wieso dem besten Roman teilweise mindere literarische Qualität im Vergleich zu den Vorgängern vorgeworfen wird. (Übrigens mit ähnlichen Argumenten, was gute Literatur sei, die St. Aubyn entlarvt.) Aber unterhaltsam ist es, gut geschrieben & gut konstruiert. Einer der schönen Ideen: Gemeinsam mit den Juroren liest man als Leser immer ein paar Passagen der eingereichten Werke. Deshalb gibt es hier von mir eine klare Leseempfehlung.

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