Promis & Diäten, Schönes & Banales
Kommentare 18

„Leiden Sie auch an Skinny Fat?“

Vor einigen Tagen fragte mich das Internet „Leiden Sie auch an Skinny Fat?“ .Nun leide ich an vielem, dem immer noch nicht fest eingezogenen Sommer oder der Tatsache, dass die 3. Staffel House of Cards erstmal an Sky verkauft wurde.

Skinny Fat aber war mir neu. Damit meine persönliche Leidensliste ordentlich bestückt werden kann, blieb man mir die Erklärung nicht lange schuldig. Skinny Fat ist, wer „objektiv schlank aussieht“, „in Klamotten zum Beispiel“. Die Wahrheit aber kommt spätestens am Strand ans Licht. Dann „schwabbelt es doch an Bauch & Po.“ und „Cellulite lässt hier nicht lange auf sich warten“. Ein Szenario wie in einem Horrorfilm. Nun könnte man meinen, ist doch ****egal. Wer nicht gerade Bewohner eines Nudistencamps oder Promi mit eigener Bikinilinie ist, läuft eher selten leicht bekleidet herum & wenn man in Klamotten dünn aussieht, sollte das doch bitte reichen.

Jaja, wenn da nicht die liebe Gesundheit wäre. Oft kommt das Ganze nämlich von „Crash-Diäten“, erfahre ich weiter. Crash-Diäten sind übrigens so etwas wie die Skinny Detox-Tee Kur, die eine Autorin der gleichen Website 6 Wochen zuvor testete oder die gesunden Detox-Kuren der Stars mit Heilfasten & Suppen, die uns – ihr ahnt es bereits – die gleiche Website im Februar ans Herz legte. Schon damals erfuhren wir

„Besonders beliebt ist diese Entgiftungsprozedur natürlich bei denjenigen, die den ungnädigen Blicken der Öffentlichkeit oft jeden Zentimeter ihres Körpers präsentieren müssen…“

…also bei den Stars…& irgendwie auch uns allen.

Wir fassen also zusammen, hungern soll hier keine. Grüne Smoothie – Wochen fallen aber in die Kategorie Gesundheit. Denn wenn du es nicht richtig machst, ist dein ganzes Dünn-sein nichts wert. Lieber gesund ernähren & ordentlich sporteln. Super Message?

Mich erinnert das an den strong is the new skinny – Slogan. Ein Körper mit Muskeln ist besser als ein Körper, der nur aus Knochen besteht. Stark ist das neue Dünn. Ganze Marketingkampagnen von Fitnessstudios bis zu Nike Women & der Fitnesslinie von adidas gruppieren sich neuerdings um Bilder von trainierten Frauen. Die mit Gewichten hantieren und so. Gesundheit & Muskelaufbau statt Gewichtsverlust.

Ein bisschen emanzipatorischer Unterton lässt sich auch immer einbauen. Frauen sind auch stark, wie Männer, alles super. Sozusagen die Antithese zum Aerobicgehampel der 80er. Es gibt keinen Frauensport, es gibt nur Ausdauer & eisernen Willen. Kein knochig-dünnes Haute-Couture Model will die Frau von heute sein, sondern die Oberarme von Michèle Obama & die Bauchmuskeln von Jennifer Lopez haben.

Aber Frauenmuskeln sind eben doch anders als Männermuskeln (Was mich an den nervigen Coca-Cola Spot zur Herzgesundheit erinnert: „Frauenherzen gehen mit Herzschmerz anders um als Männerherzen.“, aber ich schweife ab.) Parallel zu strong is the new skinny darf man sich nämlich gleich Gedanken machen, dass die eigenen Muskeln nicht zu sehr ausbeulen, lean sollten sie sein: definiert aber nicht zu männlich. Hauptverkaufsargument der ganzen Ballettworkouts, die versprechen nämlich lange, schlanke Muskeln. Das darf man sich ruhig kurz mal auf der Zunge zergehen lassen. Schlanke Muskeln…

Dass der Ruf nach „Stark statt dünn“ nicht viel ändert, merke ich auch an meinem eigenen verkorksten Sehverhalten, wenn sich beim Anblick von Olympiateilnehmerinnen Gedanken wie „ganz schöne dicke Oberschenkel“ in meinen Kopf schleichen. Nicht Stark ist das neue Dünn sondern Stark & Dünn im Sinne von Zierlich ist das neue Dünn.

Also die Doppelkeule, die dazu führt, dass dünn allein nicht reicht, wenn es nicht definierte Muskeln beinhaltet (siehe oben: skinny fat).

Auch mit „Stark statt dünn“ liegt der Fokus auf dem Aussehen & nicht auf der eigenen Leistung & dem Trainingserfolg. Und…athletische Körper mögen ein geringfügig „gesünderes“ Körperbild vermitteln als Kate Moss in ihren Laufstegzeiten (die mittlerweile übrigens auch an skinny fat leidet), realistisch ist dieses aber auch nicht. Denn mein Job ist es im Gegensatz zur Olympiateilnehmerin eben nicht, meinen Trizeps zu optimieren.

Irgendwo habe ich einmal eine verwunderte Frage gelesen, die ging so. Wieso tun sich Frauen das eigentlich an? Wer einem Klavierkonzert lauscht, würde sich schließlich auch nicht verpflichtet fühlen, die Fähigkeiten eines Konzertpianisten auszubilden. Nur Frauen denken, sie müssten aussehen wie in der Werbung, wenn sie perfekte Körper sehen. Paradox.

Es wird uns schwer gemacht, den eigenen Körper zu lieben, als Teil des eigenen Ichs. Zu sehr ist er im Blick der Öffentlichkeit, der Außenwelt, zu sehr optimierungsbedürftig, zu sehr Komplimenten wie Lästereien unterworfen. Da erscheint es absurd, zu sagen: Steig doch einfach aus.

Frauen & Mädchen wird beigebracht, dass ihre Körper verschieden von ihrem Ich, ihrer Persönlichkeit sind. Sie existieren, um zu gefallen, um anderen zu gefallen. Was sich daraus entwickelt ist im besten Fall mangelndes Selbstbewusstsein, im schlimmsten eine Krankheit, reparaturbedürftig mit Therapien oder positiven Slogans auf T-Shirts & in Instagram-Accounts. In jedem Fall ein persönliches Problem.

Das Rattenrennen verlieren die Meisten in jedem Fall. Entweder nicht stark genug, um dem zu entkommen, was 24 Stunden am Tag in die Köpfe gepflanzt wird oder nicht schön/jung/kurvig/zierlich/trainiert genug, um zu genügen.

Oder eben nicht dünn auf die richtige Weise. Skinny fat eben.

Foto: flickr – Ray Sawhill – CC by 2.0

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

18 Kommentare

  1. Kaum zurück und dann schon so einen Hammer raushauen. Toller Artikel!
    Schön, dass mal die negativen Aspekte von jemanden beleuchtet werden.
    Theoretisch ist es natürlich besser, wenn das Ziel „trainiert&gesund“ statt „hauptsache dünn“ angestrebt wird, aber in der Praxis artet es dann leider zu oft so aus, wie du es hier beschreibst. Nicht nur das Ziel ist wichtig, sondern auch der Grund, warum dieses Ziel gesetzt wird…

  2. „Es wird uns schwer gemacht, den eigenen Körper zu lieben, als Teil des eigenen Ichs. Zu sehr ist er im Blick der Öffentlichkeit, der Außenwelt, zu sehr optimierungsbedürftig, zu sehr Komplimenten wie Lästereien unterworfen. Da erscheint es absurd, zu sagen: Steig doch einfach aus.“ – Amen! Super auf den Punkt gebracht.

  3. Sport auf Olympianiveau ist m.W. in vielen Fällen auch nicht mehr gut für den Körper, Überlastung, Verletzungen …
    Aber davon ab: Grundsätzlich find ich es auch gut, wenn der Trend von „möglichst dürr und knochig“ zu „fit ist cool“ geht. Aber wenn es bei der Fitness eigentlich nur um die Optik des Körpers geht … naja, zumindest ein klein bisschen ist gewonnen dabei, wenn der Fokus _auch_ auf Nährstoffe und Muskeln geht, _neben_ dem Dünnsein?

    Mich nervt meine Unfitness … und mein Lieblingssport ist z.Zt. logistisch und finanziell ein Problem, ich pendle zuviel. Und verschiebe das Sporteln dann doch wieder auf „irgendwann“, weil ich an Kompromiss-Sport zu wenig Gefallen finde …

    • Turtle sagt

      Im Prinzip ist es egal ob „möglichst dürr und knochig“ oder „fit ist cool“ grade das Ideal sind. Der Druck der aufgebaut wird, nimmt sich nichts und keines von beiden sagt „du bist völlig ok so wie du bist“. Soziale Stigmatisierung wird ja nicht besser nur weil man das Stigma scheinbar „gesünder“ formuliert.

      • Das ist finde ich ein interessanter Punkt. Ich gehöre nämlich auch zu den Menschen, die immer dafür plädieren „mehr Sport und ausgewogene Ernährung“ als Vorsatz zu formulieren, anstelle von „abnehmen oder schlanker werden“.
        Jeder Körper ist anders gebaut und je nachdem über welche genetischen Voraussetzungen und über was für einen Knochenbau ein Mensch verfügt, wird er niemals nur „schlanke Muskeln“ aufbauen… Gesundheit anzustreben ist in meinen Augen daher sinnvoller, als ein bestimmtes Gewicht oder bestimmte Maße.
        Du hast aber Recht, dass auch das in gewisser Weise einen Druck ausübt und dem Menschen daher mehr schaden als nutzen kann.

    • Mich nervt meine Unfitness auch & ich fühle mich wohler, wenn ich fit bin. Habe ich lange für gebraucht, um wirklich Freude an Sport & der Kraft des eigenen Körpers zu finden, hatte ich ja auch mal drüber gebloggt. Umso trauriger, wenn dann körperliche Aktivität aufs Äußere beschränkt & gleich durch normiert wird.

  4. mike sagt

    Mich frägt das Internet NICHT ob ich an SKINY FAT leide…weil es
    so etwa wie Adblogger gibt and so on…
    Und man liest ja das so Manche „Medienkompetenz“ hat und schon seit
    1997 im Netz ist.( wir Kids haben unseres schon 1987 gebaut…:)

    Frage: KOMMT IHR EUCH NET MANCHMAL BLÖD VOR?
    ODER HABT IHR KEINEN EIGENEN WILLEN?

    how many neuronal center-cores would you use only to think for first
    time in live? is it your computer? LOL

  5. Washorama sagt

    Sehr geehrter Mike,
    da haben Sie sich dermaßen über den ersten Satz echauffiert, dass Sie vor lauter Aufregung den restlichen Text nur vor Ihrem reizuberfluteten Auge haben vorbeiziehen sehen.
    Atmen sie mal tief durch, ordnen Sie Gedanken, Satzzeichen und Ortographie und setzen nochmal zu einem Kommentar an, sofern sie inhaltliche Anregungen haben.

    Mit allerfreundlichsten Grüßen,

    Washorama

    P.S.: man sagt also tatsächlich noch LOL? Hach, Ihr jungen Dinger.

  6. Ich liebe es immer, wenn Frauen erklärt wird, wie sie sich zu emanzipieren haben. Kenne ich, die Diskussion. Zur besseren Koordination habe ich dafür neulich ja auch ein Mansplaining-Formular entworfen. Noch mehr jedoch liebe ich caps lock <3

    Und jetzt im Ernst: Vielen Dank für den Artikel. Es ist ja im Grunde völlig wurscht, welches Schönheitsideal gerade im Trend liegt – dass Frauen erklärt wird, wie sie jetzt schon wieder auszusehen haben, ist die Höhe. Mal ist es Heroin Chic (was für ein Wort), mal Skinny, dann wieder Strong and Fit. Und ich? Ich versuche einfach, mich gesund zu ernähren und halbwegs regelmäßig Sport zu machen. Das sollte reichen – Gewissensbisse inklusive. Auch wenn sie nur unterbewusst stattfinden.

  7. Washorama sagt

    Tja, Skinny Fat.
    Ich gebe zu, dass mich diese Problematik vor 10-15 mehr tangiert hätte. Inzwischen sind mir die Aussagen der Auflagebedürftigen Medien doch einfach zu egal geworden.

    Aber es gibt mit Sicherheit noch genug Teenager, die sich durch sowas aus der Ruhe bringen lassen.

  8. Besonders fies an einem solchen Skinny-Fat-Ausruf finde ich die Tatsache, dass die Dame auf dem Cover mit Photoshop bearbeitet worden ist. Somit ist eine solche Figur von Haus aus unnatürlich.
    Offenen Bekundungen vieler Männer verhält es sich ja anscheinend derart, dass die meisten keine ganz dünnen Frauen mögen.
    Und es ist wohl so, dass die Frauen sich nicht wegen der Männer „trimmen“, sondern wegen ihrer Geschlechtsgenossinen – was ein ganz seltsames Bild auf uns Frauen wirft.
    LG
    Sabiene

  9. Bodyshaming findet wirklich hartnäckig seine immer neuen Wege. Wenn sich irgendwann herumgesprochen hat, dass dürr sein vielleicht nicht das coolste ist, dann wird das halt durch das nächste Ideal ersetzt…

    Traurig, aber bei solchen Erfindungen wie „Skinny fat“ (ernsthaft?!) dann doch auch irgendwie fast schon wieder lustig.

  10. Pingback: Warum Retro-Werbung zur Gewichtszunahme kein Grund zur Freude ist | makellosmag

  11. Pingback: Im Cocktailkleid zur absoluten Mehrheit – Wie US-Serien Power Dressing neu definieren | makellosmag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.