Promis & Diäten, Schönes & Banales
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Lassen Sie sofort die Nudel fallen und klicken Sie hier

Schon eine Weile versuche ich hier, gesehenen oder gelesenen Quark in Texte zu gießen. Nun, man stumpft ein bisschen ab. Ab und zu fällt es mir schwer, noch kritisch die Augenbraue zu heben. Und manchmal ist es mir ein echtes Bedürfnis. 

Kaum jemandem kann in den letzten Tagen entgangen sein, dass es Neuigkeiten zur Nudel gibt. Und hier ist nichts metaphorisch gemeint. Denn eine Pasta-News klickte sich durch die Weiten des Internets, die spektakulärer kaum sein konnte. Jeder, wirklich jeder, musste sicherstellen, dass wir informiert sind.

Zunächst waren da die Onlineauftritte der klassischen Frauenmedien, die ihre gutes-Essen-schlechtes-Essen-Liste verständlicher weise aktuell halten wollen:

  • Studie: Pasta macht nicht dick! (WOMAN)
  • 5 Gründe, warum wir nicht auf Nudeln und Co. verzichten sollten (ELLE)
  • Studie: Nudeln sollen schlank machen: Pasta für alle!? (Glamour)

Hinzu kamen die, die sich als neue frische Formate verstehen. Und auch nur getrocknete Teigwaren zu bieten haben:

  • Studie belegt: Pasta ist prima! (Refinery29)
  • Macht Pasta wirklich schlank? (bento)

Und der ganze Rest lässt sich so ein schönes Klickthema natürlich auch nicht entgehen:

  • Alltagsfrage | Machen Nudeln WIRKLICH dick? (BILD)
  • Ehrenrettung der Nudel (Tagesspiegel)
  • Als Teil mediterraner Küche führt Pasta nicht zu Übergewicht (Berliner Morgenpost)
  • Pasta-Fans dürfen sich freuen: Nudeln machen doch nicht dick – im Gegenteil (Focus)

Soviel Aufmerksamkeit hätte man mal dem Maßnahmenpaket gewünscht, dass der Bundestag am Freitag im Hinblick auf Prostituierte beschlossen hat. Betrifft ja Frauen und Männer auch irgendwie.

Wir wollen aber nicht gemein sein und Äpfel mit Birnen vergleichen. Kritische Berichterstattung gibt es ja auch beim äußerst wichtigen Pastathema. Dass die Portionen der Italiener kleiner sind, wird gern in den Texten angemerkt und Nudeln eben Bestandteil der mediterranen Ernährung, die generell gesünder sei. Das steht genauso in der Publikation zur Studie (am häufigsten verlinkt wird der Aufsatz in NATURE), aber immerhin scheint sie mal jemand überflogen zu haben, möchte man sich fast freuen. Dass die Studie von Barilla, also einem Pastahersteller gesponsert wurde, schafft es dann nur noch in ein paar der jubilierenden Artikel. Genauso wie die korrekte Zahl der Teilnehmenden, die gern mit 23.000 angegeben wird. Von denen aber nur 14.402 für die Ergebnisse herangezogen wurden.

Ein bisschen weitere Recherche hätte auch schnell die ganze Kritik zu Tage gefördert. Der BMI als Indikator für Gesundheit ist umstritten und Ernährungsstudien, in denen die Probanden ihre Daten selbst angeben oder aufzeichnen sowieso. („Schönen Guten Tag, würden Sie uns denn verraten, wie häufig sie pro Woche Sex haben und wie viel sie wiegen?“ – Ehrliche Antworten sind garantiert.)

Das wissen auch die Forscher. Und haben die Antworten gleich mal so angepasst, dass es für Barilla und den überraschenden Effekt pas(s)t(a). Tatsächlich gaben nämlich die übergewichtigen Befragten an, mehr Pasta zu essen als die normalgewichtigen. Woraufhin man deren angegebenen Kalorienverbrauch pro Tag so modifizierte, dass die Studie nun das Gegenteil zeigt. Man ging eben davon aus, dass die dicken Menschen gar nicht richtig einschätzen können, was sie so den ganzen Tag essen und gab ihnen die Antworten einfach vor. Es braucht also nur ein bisschen Fat Shaming und „statistical magic“, wie es auf dem schwedischen Blog DietDoctor treffend heißt – und schon stimmt das Ergebnis wieder.

Ob das in die  Texte gehört hätte? Absolut. Noch besser wäre allerdings, man hätte sie erst gar nicht geschrieben. Zu viel verlangt, ich weiß. Schließlich ist das eine Megagelegenheit für Inhalt – im Sinne von, es muss einfach wieder etwas Neues oben stehen. Man kann die Textbausteine zu Low Carb und gesunder Ernährung aus den Archiven mal wieder benutzen (inklusive schöner positiver Schlussmessage: Alles in Maßen, genießen sie das Leben…und klicken sie auch hier). Und die Pasta-ja-oder-nein-Szene ist auch nicht für ihre Trolle bekannt. Da freut sich der Social Media Manager. Auch, weil das Thema so schön von uns geklickt wird. Nach Facebook-Likes und Top-Beiträgen zu urteilen, die manche Seiten ausweisen, sind wir nämlich alle ganz heiß auf die Nudelnews gewesen. Wer kann es da dem 2o. Onlineauftritt verdenken, nicht auch noch schnell 300 Wörter dazu rauszuhauen?

Es ist eine einfache Rechnung. Wir sind darauf getrimmt, uns über Dick-und-Dünn-sein und Ernährung ganz viele Gedanken zu machen. Und denken, jede Information dazu zu brauchen. Was uns noch unsicherer macht und damit zur leichten Beute für Pseudonews. Ein Teufelskreis. Wir haben unser natürliches Essgefühl verloren und denken, ohne das Wissen, ob Eier, Butter oder raffinierter Zucker nun richtig oder falsch sind, ginge es nicht mehr. Dabei macht uns erst diese Nahrungsverwirrung und die Vorstellung, dass es Essen gibt, das schlecht oder falsch ist, unglücklich oder dick. Das Wissen um ein böses Nahrungsmittel führt paradoxer weise oft nicht mal dazu, dass wir uns gesünder ernähren. Das ist die „Jetzt-habe-ich-den-Zucker-weggelassen-also-gönne-ich-mir-XY.“ – Denke. Immer mehr um sich greift ebenso die Obsession, sich bis ins letzte Detail gesund ernähren zu müssen. Auch wenn umstritten ist, ob es sich bei Orthorexie um eine Essstörung im klassischen Sinn handelt. Was immer mitschwingt, ist das Nachdenken und die Selbstreglementierung und -kritik.

In diesem Sinne, mache ich jetzt mal den Peter Lustig. Der Text ist vorbei, Kinders. Also, Internet aus und Nudeln kochen. Oder was ihr sonst so mögt.

Foto: flickr – Foomandoonian – CC by 2.0

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8 Kommentare

  1. Ich hab hier die ganz große News! Ich habe eine Studie gemacht und herausgefunden, was wirklich schlank hält! Unregelmäßige Ernährung, morgens großes Müsli, abends vielleicht auch. Viel Käse! Mindestens einmal die Woche Tiefkühlpizza! Ganz viel Brot mit dick Butter! Für den Hunger zwischendurch gerne mal was Süßes! Und ganz viel Banane! Studienteilnehmer: Ich. (Und ich verrate dabei nicht, dass man davon ganz viel Bauchschmerzen und Übelkeit bekommt. Ha!)

  2. Wiebke sagt

    Ich klicke da tatsächlich nicht mehr drauf, insofern alles richtig gemacht. Generell versuche ich, diese ganzen Online-„Medien“ zu meiden, es sind solche Zeitfresser und danach fragt man sich immer „Wer gibt mir meine verlorenen Lebensminuten zurück?“. Ich versuche mich zu disziplinieren, indem ich mir, bevor ich online gehe, überlege, was ich machen will und das richtig aufschreibe. Das kann dann auch Unterhaltung sein (wie dein schöner Blog :-), aber ich hangle mich nicht mehr von FB-Post zu FB-Post.

  3. Diese Pasta-Meldungen sind an mir völlig vorbei gegangen, denn ich warte viel lieber ganz gespannt darauf, was denn das nächste Superfood sein wird, nach Macha-Tee, Chia-Samen und Goji-Beeren. Ich habe leider viel zu viel Geld, das ich für Sachen aus dem Fenster schmeißen muss, die mit viel Umweltbelastung angebaut und dann nach Europa eingeflogen werden müssen. Pasta ist mir da viel zu profan.

    • Du hast den Dreh raus. Ich esse am Liebsten Quinoa, die Bauern in Südamerika können ja dann meinen Weizen haben. Der macht eh nur ne Wampe. 🙂

  4. Mom sagt

    „Tatsächlich gaben nämlich die übergewichtigen Befragten an, mehr Pasta zu essen als die normalgewichtigen. Woraufhin man deren angegebenen Kalorienverbrauch pro Tag so modifizierte, dass die Studie nun das Gegenteil zeigt. Man ging eben davon aus, dass die dicken Menschen gar nicht richtig einschätzen können, was sie so den ganzen Tag essen und gab ihnen die Antworten einfach vor. “

    Wenn das Vorgehen der (pastagesponserten) Studienersteller nicht so dreist wäre, würde ich unter dem Tisch liegen vor lauter Lachen. Vielen Dank für den Artikel, der Nudel-News-Kelch ging tatsächlich an mir vorüber.

  5. Ein Grund, warum ich davon noch nichts mitbekommen habe, ist der, dass ich Artikel im Stil von „5 Gründe, warum wir bla bla bla…“ gar nicht erst anklicke. Sei mir nicht bös, aber für mich rangiert derartiges knapp unter Schülerzeitungsniveau – und ich halte es mit Goethe, dem die wunderbaren Worte zugeschrieben werden: Getretener Quark wird breit, nicht stark.

    LG
    Ulrike

    • Ich bin wirklich ganz unironisch begeistert von der Medienkompetenz meiner Leserinnen. Ich halte es mit dem Credo meines Blogs – Quark aufzeigen und die Mechanismen von Quark offenlegen, um Quark die Kraft zu nehmen. 🙂 Diese Texte würden ja nicht erscheinen, wenn nicht sehr viele Leute drauf klicken würden. Und ein bisschen habe ich auch die Theorie, dass die, die drauf klicken, dann einfach nicht kommentieren: „Hey, ich hab’s gemacht.“

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