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Kummerkastentante from hell

In den unendlichen Weiten des Internets begegnete mir heute Frau Dr. Höllering, Videoberatungsinstanz bei gofeminin und Bild der Frau. Bei gofeminin beantwortet die Allgemeinärztin mit Schwerpunkt Sexualmedizin (so der Text zum Video)  in der Rubrik „Nachgefragt“ LeserInnenfragen.

Lebenshilfe per Filmchen: Frauen & Machos

Das erste Video versprach bereits Klarheit bei einer Frage, die wir uns alle sicher schon oft gestellt haben: Wieso stehe ich als Frau immer auf die fiesen Typen? Zur weiblichen Affinität zu Machos hat Dr. Höllering einige Einblicke zu bieten.

„Warum fliegen wir Frauen eigentlich immer auf die Machos?
Machos sind spannend, denn man ist sich ihrer nie sicher & hat sie nie ganz. Und weil man ständig um ihre Zuneigung kämpfen muss, ist das eigene Leben nie langweilig und richtig aufregend. Außerdem ist die Zuneigung von Machos eher schwer zu erhalten und wird deswegen mehr geschätzt als die der weichen Männer, die es im Überfluss gibt.“

Und so geht es weiter. Wer jetzt noch Lust hat, kann es sich gern im Original antun.

Was soll man dazu sagen? Erstmal schön, dass die Ex-Redakteure des Dr. Sommer Teams offensichtlich wieder eine Beschäftigung gefunden haben. Traurig, dass die Qualität der Ratschläge durch den Wechsel in die Erwachsenenbranche noch mehr in den Keller gerutscht ist. Ein Blick auf das Video zeigt, es stammt von 2012. Also habe ich mich kurz getröstet: Vielleicht ist gofeminin mitsamt Frau Dr. Höllering mittlerweile in der Zukunft (Ihr wisst schon, die Zeit NACH der Zeit, in der wir alle in Höhlen lebten.) angekommen. Man könnte das Ganze auch einfach als eine banale Verbreitung von Rollenklischees abtun, wie man sie auf der Seite nicht anders erwarten würde. Aber…

Es folgt…blankes Entsetzen

Ein Video vom Julil 2014 belehrt mich eines Besseren. Und hier wich das Schmunzeln über den geballten Quatsch in der Machofrage ganz schnell blankem Entsetzen. Thema: Vergewaltigung in der Beziehung. Was im Titel des Videos noch deutlich benannt wird, ist bereits im Text zum Video zu „Sex ohne gegenseitiges Einvernehmen“ geworden. Schauen wir uns die erste Frage an:

„Gibt es Vergewaltigung in der Partnerschaft?
Da man jeden sexuellen Akt, der ohne Einwilligung der Partnerin geschieht als Vergewaltigung bezeichnen muss, ist diese in Beziehungen leider gar nicht so selten. Damit ist nicht der Sex gemeint, in den man ihm zu Liebe einwilligt, obgleich man nicht sehr viel Lust hat. Aber schon der, den man sich gefallen lässt, widerwillig, weil er vielleicht sonst aggressiv würde, gehört streng genommen dazu.“

Schon hier bewegt sich die Antwort auf dünnem Eis. Zu einen irritiert mich die rein weibliche Form „Partnerin“. Außerdem kann ich wenig anfangen mit Pseudoabgrenzungen. Nicht so viel Lust haben & sich eingeschüchtert fühlen sind keine Kategorien. Mir ist auch nicht ganz klar, was „gehört streng genommen dazu“ heißen soll. Es geht weiter…

„Was soll ich tun, wenn mir so etwas geschehen ist?“

Schon die Frageformulierung regt mich auf „Wenn mir so etwas geschehen ist?“. Hieraus spricht die ganze Scham, die Opfer mit sich tragen. Es ist eben nicht einfach nur „etwas passiert“. Die Antwort aber lässt mich komplett fassungslos zurück.

„Passiert es zum ersten Mal führen sie ein ernstes Gespräch mit ihrem Partner & sagen sie ihm, dass das nie, nie wieder vorkommen darf. Fühlen sie sich häufiger zum Sex gezwungen, fragen sie sich bitte was mit ihrer Partnerschaft nicht stimmt.“

Wie bitte um alles in der Welt, kann es diese Antwort auf die Seite schaffen, ohne dass jemand (der Interviewten, Redaktion…) Veto einlegt? Besonders gruselig finde ich das Hilfsangebot (reden) und die Kategorie „häufig“. Wäre noch zu klären, ab welcher Häufigkeit denn das klärende Gespräch nicht mehr reicht und man als missbrauchte Frau das Recht erworben hat, weitere Schritte zu unternehmen. Selbst wenn diese Häufigkeit in all ihrer Beklopptheit gegeben wäre, ändert sich der Rat von Frau Dr. kein bisschen. Auch dann soll man bitte immer noch schön versuchen, das Ganze untereinander in der Beziehung zu klären. Und fragt sich brav, was mit der Partnerschaft (!) und nicht mit dem Partner (!) nicht stimmt (Der sich, nur mal ganz nebenbei bemerkt, strafbar gemacht hat).

„Wer eine Frau nicht achtet, der liebt sie auch nicht. Und man muss beachten, dass der sexuellen Gewalt oft auch andere Gewalt folgt.“

Ach wirklich: Jemand der vergewaltigt liebt nicht ernsthaft….Was genau soll der Folgesatz aussagen? Lieber raus aus der Beziehung bevor die richtige Gewalt kommt? Weil sexuelle Gewalt, wie wir schon gelernt haben, nur so eine Art Vorstufe ist, die man nicht ernst nehmen muss?

Letzte Frage:

„Wo bekomme ich Hilfe?“ 

Jetzt nehmen wir mal das Schlimmste an: Eine verunsicherte Frau landet bei diesem Video, weil sie nicht weiß, was sie machen soll. Dann könnte man es jetzt noch halbwegs gerade biegen mit Anzeige, Polizei, Beratungsstelle. 

„Sie können sich immer an ihren Frauen-oder Hausarzt wenden. Unterstützung und psychologische Hilfe erhalten sie auch bei pro familia & den Frauenberatungsstellen ihrer Stadt. Wichtig ist, wieder Stärke zu gewinnen, nicht nur, um sich gegen körperliche Übergriffe zu schützen sondern auch, um das Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen.“

Der Frauen- oder Hausarzt als erste Anlaufstelle?

Es ist wichtig, Stärke zur Gegenwehr zu gewinnen? Das hätte ich gern genauer erläutert bekommen: Man muss körperlich stärker werden, weil man so eine Vergewaltigung verhindern kann? Womöglich hätten Betroffene am Besten schon vorher einen ordentlichen Selbstverteidigungskurs besucht? Denn dass man das nicht getan hat, stellt sich ja jetzt als ihr Fehler heraus?

Oder die gruseligste Vorstellung überhaupt: Es wird angenommen, man ist noch immer in der Beziehung und sollte jetzt lernen sich zu wehren?

Puh…Einmal tief durchatmen!

Man müsste jetzt eigentlich noch über die vielen Dinge schreiben, die gar nicht gesagt wurden. Es ist nicht deine Schuld zum Beispiel. Aber ich verweise hier einfach auf den sehr bewegenden Text über häusliche Gewalt, an den ich sofort denken musste, als ich dieses schauerliche Video fand.

Foto: Photographee.eu/Shutterstock

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