kleine schöne Dinge
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Kuchenpakete

Es passiert mir heute leider nicht mehr so häufig wie früher, dass mir Menschen mit Kuchenpakten auf der Straße entgegenkommen. Der Anblick von Kuchenpaketen löst in mir aber immer noch sofortige Freude aus, so dass ich unweigerlich beginne zu lächeln. Menschen, die Kuchenpakete auf ihren Händen balancieren, lächeln immer zurück.  

Die Kuchenpakettragenden laufen ein wenig langsamer, ein wenig umsichtiger über die Gehwege. Sie tragen ihre Einkäufe alle auf die gleiche Weise. Mit der einen Hand bilden sie eine ebene Fläche, auf der sie das Paket platzieren. Die andere halten sie schützend darüber, jederzeit bereit zuzugreifen, sollte etwas verrutschen. Sie tun das, weil man Kuchenpakete nicht in Tragetaschen stopfen kann. Wenn man sie einpackt, zum Beispiel um sich schneller fortbewegen zu können, riskiert man, dass sie auseinanderfallen. Die Sahne kann dann am Papier kleben bleiben und man muss sie beim Auspacken mit einem Löffel neu auf dem Teig auftürmen. Aber selbst wenn man keine Torte kauft, bleiben Kuchenpakete sensible Ware. Auch die leicht hügelige Streuselschicht eines Pflaumenkuchens drückt sich in Taschen ein. Zurück bleibt nur eine Platte aus Obst und Zuckerkristallen. 

Die Kuchenkäufer und ich, wir lächeln uns also an und daraus könnte man schließen, dass sie besonders freundliche Menschen sind. Zumindest sind sie gewillt, eine kurze Zeit nicht zu eilen und damit einige Minuten am Tag zu vergeuden, um ihre Pakete sicher an den Bestimmungsort zu bringen. 

Es braucht Sorgfalt, um Kuchenpakete zu packen. Es ist aufwendiger als Brötchen in eine Tüte zu werfen oder ein Brot in die Maschine einzuspannen, damit es vorgeschnitten wird. Kuchen- und Tortenstücke werden sorgfältig nebeneinander arrangiert. Sie liegen auf Papptellern mit dekorativ geknickten Enden, die ein wenig an die Ränder von Porzellantellern erinnern. Jedes Stück getrennt vom nächsten durch ein dünnes Papier, damit es den Weg übersteht. Einmal nebeneinander aufgestapelt, werden die Stücke zuletzt mit Papier eingeschlagen. Immer so, dass der Name der Konditorei, eigentlich immer in schnörkeliger Schrift, obenauf gut zu lesen ist. 

Kuchenpakettragende wissen um die Sorgfalt, mit denen ihr Kuchen verpackt wurde. Sie haben sich ganz bewusst entschieden, zu warten, bis alles fachmännisch verpackt wurde, ohne ungeduldig von einem Fuß auf den anderen zu tippeln. Da scheint es fast selbstverständlich, dass sie nun die gleiche Sorgfalt beim Transport walten lassen.

Der sorgfältige Transport zeigt auch die Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis, denn Kuchenpakete isst man selten allein. Man trägt sie nach Hause, zu lieben Menschen, zu Freundinnen, deckt den Tisch, legt Kuchengabeln daneben, nimmt vielleicht sogar eine Untertasse zum Kaffee aus dem Schrank. Aber selbst wenn man nur schnell das Papier zur Seite zieht und die Torte mit der großen Gabel isst, der Satz: „Ich habe Kuchen mitgebracht“ kündigt immer eine Insel der kleinen Besonderheit an. Sie ist Ausdruck einer guten Laune, eines Anlasses zum Freuen oder eines notwendigen Trostes, der, wie wir alle wissen, in Kalorienform immer noch die beste Soforthilfe ist. Im Gegensatz zu einem besonderen Abendessen, ist Kuchen und Torte immer optional. Eine Mahlzeit, für die man sich bewusst Zeit nimmt und die doch ohne große Planung so spontan erfolgen kann, dass sie auch wie ein Überraschungsgeschenk für die Käuferin funktioniert. 

Mich freuen Kuchenpakte, die am Wochenende meinen Weg kreuzen, weil sie mir versprechen, dass es Tage gibt, an denen wir uns füreinander Zeit nehmen. Man sieht sie am Wochenende häufiger als unter der Woche, am späten Freitagnachmittag beginnt ihre Saison und schwingt sich zum Crescendo am Samstagnachmittag auf. Aber gerade weil ich das Gefühl habe, dass viele nur am Wochenende den Gedanken zulassen, der Verlangsamung nachzugeben, die ein Kuchenpaket bereithält, liebe ich den Anblick von Kuchenpaketen unter der Woche. Es sind kleine Zeichen, dass Familien schon am Nachmittag am Tisch zusammenkommen, Freunde ihren Tag unterbrechen für gemeinsamen Genuss oder Kolleginnen auf Pause drücken, obwohl die Aktienmärkte ja nie eine machen. 

Vor Jahren führte mein morgendlicher Weg ins Büro vorbei an einem Achtzigerjahreturm einer großen Behörde, die unser aller Zukunft und Geld verwaltet. Jeden Morgen lächelte ich diversen Kuchenpaketträgern auf dem Weg in ihre Büros zu. Kuchenpaketträger unter der Woche noch vor dem Mittag sind meine allerliebsten. Ich stellte mir vor, wie es in diesem grauen Gebäude mit den blinden Fenstern Schwarzwälder Kirsch oder zumindest aufwändige Teilchen noch vor den ersten E-Mails gab. Es ist eine Weile her, ich bin dort lange nicht mehr vorbeigegangen. Aber in letzter Zeit überlege ich, einen Umweg zu nehmen. Ich hoffe sehr, dass es die Kuchenpakete noch gibt. Denn auch wenn ich mittlerweile weiß, dass meine Rente nicht sicher ist, vertraue ich doch lieber denen mein Schicksal an, die um acht Uhr morgens mit großer Sorgfalt Sahne transportieren, als denen, die schnellen Schrittes telefonierend an mir vorbei hetzen.  

Im November schreibe ich über kleine schöne Dinge aus dem Alltag. Mit den Kuchenpaketen ging es los. Mehr dazu hier. Wem auch spontan Alltagsdinge in den Kopf kommen, immer her damit – per Mail oder in die Kommentare. 

Foto: flickr – Thomas Hawk – CC by-NC 2.0

6 Kommentare

  1. Und dann war da noch meine Oma, die für das Kollegium Kuchen kaufte und das Paket auf dem Autodach abstellte, während sie die Autotür aufschloss. Dann fragte jemand nach dem Weg, sie erklärte ihn wortreich und ausführlich, stieg ins Auto, wobei sie das Paket auf dem Dach vergaß, und den Rest kann sich jede*r selbst vorstellen.

    Sie sagte immer, das sei wohl die Strafe des Schicksals gewesen, weil ausgerechnet sie als Hauswirtschaftslehrerin gekauften Kuchen mitbrachte.

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