Beauty & Banales, Schönes & Banales
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Kommt, kommt und kauft mehr Farbe

Es ist erst ein paar Dekaden her, da sparte ich sehr lange auf CK One. Weil CK One einfach das Coolste war und ich es natürlich unbedingt haben musste. Dazu trug auch die Ästhetik der Werbung bei – minimalistisch, schwarz-weiß und Kate Moss. Vor CK One hatte ich nur nach Vanilla Kisses gerochen, dem Deo der 90er. Vanilla Kisses kostete damals laut Internet 4 Mark, CK One 40 Mark.

Ich trug also irgendwann stolz mein Geld zu Douglas und hielt die ersehnte Flasche in meinen Händen. Zuhause angekommen sprühte ich mich sofort damit ein – und wollte eigentlich wieder zu Vanilla Kisses wechseln. Wenn ich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, hätte ich CK One wohl zurück bringen müssen, denn es gefiel mir nicht. (Heute kann ich das übrigens nur noch durch akute pubertäre Geruchsverwirrung erklären.) Aber ich behielt es, weil es cool und teuer war.
Und weil etwas, was so teuer war, ja auch automatisch irgendwie exklusiv und erstrebenswert und selbstverständlich gut sein musste.

Was für mich und CK One galt, gilt für eine Menge Beautyprodukte. Ihr Herstellungspreis macht oft nur einen Bruchteil ihres Verkaufspreises aus und wir bezahlen für ein Versprechen auf etwas Besonderes, etwas Exklusives. Eine Idee, die in Deutschland übrigens zuerst L’Oreal hatte. François Dalle, legendärer Chef der Kosmetikmarke, überlegte Anfang der 60er (wenn ich mich richtig erinnere) warum er sein neues Haarspray nicht einfach zum doppelten Preis wie die Konkurrenz verkaufen sollte. Einfach richtig teuer machen und die Leute würden denken: „Mein Gott, so viel Geld, das muss ja ein fantastisches Haarspray sein, muss ich haben.“ Man zeigte ihm konzernintern kurz den Vogel und spendete dann Applaus. Denn seine Taktik ging komplett auf.

Im Grunde genommen funktioniert der Trick bis heute. Sicher, im Marketing steht immer drauf, dass die Inhaltsstoffe unserer Cremes und Lippenstifte ganz besonders sind. In jahrelangen Labormarathons mit schlaflosen Nächten entwickelt und so viel Spitzenforschung muss selbstredend mitbezahlt werden. Aber die 40 Anwälte, die allein Mac Cosmetics in den USA in seinem Team hat, beschäftigen sich trotzdem mehr mit dem Verklagen der Konkurrenz wegen abgekupferter Werbeversprechen und Verpackungsideen als dass ihnen wertvolle Inhaltsstoffe nachgebaut werden.

Der Grund, warum ich das alles schreibe, ist Beauty Pie. Die neue Kosmetiklinie orientiert sich mit ihrer Preispolitik am Klamottenhersteller Everlane, den es in den USA bereits eine Weile gibt. Wer im Everlane-Online-Shop ein T-Shirt

everlane.com

anklickt, bekommt bis auf den letzten Cent dargestellt, wie sich der Preis zusammensetzt (Materialkosten, Arbeitskosten, Logistik usw.). So kann man genau schauen, was wo in der Kette hängen bleibt – und was Everlane verdient. Die Idee dahinter war nicht nur Transparenz, sondern auch offenzulegen, welche Anteile beispielsweise Werbung und Marketing bei anderen Herstellern haben. Beauty Pie übernimmt nun das Konzept für den Make-Up Bereich. Das Start-up sucht sich aus allen möglichen Herstellungsorten seine Lippenstifte, Puder und Concealer zusammen (meistens dort, wo andere Marken auch produzieren) und gibt sie fast zum Herstellungspreis weiter. So kostet ein Lippenstift, der bei Mac Cosmetics 20 Dollar ausmacht bei Beauty Pie 2,50 Dollar. Und man ahnt, wie groß der Anteil ist, der sonst in das Exklusivitäts- und Glamourversprechen fließt. Oder in die Werbeverträge mit Hollywood-Prominenz. Laut Auskunft der Marke sind es nämlich im Kern die gleichen Produkte, die Herstellung erfolgt ohne Tierversuche und ihre Verpackungen sind angeblich auch noch die umweltverträglichsten überhaupt. Überleben will Beauty Pie durch ein Abomodell. Man zahlt regelmäßig 10 Dollar pro Monat und legt sich dafür so viele Produkte in den Einkaufskorb, wie man mag.

Und ich überlege, wie ich das ganze finde. Auf der einen Seite merke ich, dass mich die Idee fasziniert. Wäre das nicht eine Chance, Make-up einfach wieder auf den Status von Gebrauchsgegenständen zurückzuholen, die man benutzt oder nicht, weil sie einem Spaß machen oder eben nicht? Ganz ohne die ganze Aufladung durch Marketing und Werbung zusammen mit den Schönheits- und Körpernormen, die man so immer frei Haus geliefert bekommt. Auf der anderen Seite aber widerstrebt mir diese „Günstig ist gleich viel kaufen können“ – Mentalität zu sehr. Wann immer etwas billig zu haben ist, ist die Verschwendung nicht weit, das gilt für Lebensmittel wie für Make-up. Ich bräuchte keine 3 bis 6 neuen Produkte jeden Monat und die nachhaltigen Verpackungen sind dann auch egal, wenn die Idee nur ein Einfallstor für ausladenden Konsum ist, den man nicht braucht.

Wer sich auf der Facebook-Seite umschaut, kann aber dahingehend erst einmal beruhigt sein. Die Kundinnen sind zwar ganz begeistert von den Produkten, beschweren sich aber über die ewig langen Lieferzeiten. Wie viele Start-ups geht Beauty Pie wohl gerade durch die Geburtswehen der ersten Monate, wenn man noch nicht einschätzen kann, wie gut die Produkte ankommen und dann nicht mehr den Service liefert, den man eigentlich wollte. Und das findet die „Amazon-liefert-aber-in-einer-Stude-oder-spätestens-morgen“ Generation gar nicht lustig. Sie beschwert sich auch ausladend darüber, dass sie den Versand extra bezahlen muss. Und er nicht, wie bei den meisten Onlinehändlern, die kostenlosen Versand anbieten, irgendwo im Preis verrechnet ist. Es entbehrt insofern nicht einer gewissen Komik, dass eine Firma, die sich absolute Preistransparenz auf die Fahne geschrieben hat, am Ende von den Kundinnen dafür abgestraft wird, dass sie bestimmte Kosten, die wir einfach nicht mehr gewöhnt sind, nicht versteckt. Vielleicht sind wir ja auch noch gar nicht bereit für so viel Ehrlichkeit.

Foto: flickr – lookcatalog – CC by 2.0

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12 Kommentare

  1. Jule sagt

    Interessante Idee, ob es wirklich weniger Schönheitsnormen gibt, wenn die Werbung rausfällt vielleicht. Wenn man aber den Glamourfaktor rausnimmt will es aber vielleicht auch keine mehr haben und ein Lebensgefühl wird ja heute auch beinahe an jedes Produkt gehangen, vom Joghurt bis zum Spülmittel.

    • Ja, das stimmt wohl. Aber lässt sich das Lebensgefühl so leicht dranhängen, wenn man Werbung und Marketing außen vor lässt?

  2. Diese Produkte verkaufen sich ausschließlich aus irrationalen Gründen , es ist schließlich Luxus. Die Dekonstruktion des Mythos tut dem nicht mal Abbruch, das kann ich euch sagen – aus zwei Jahrzehnten Erfahrung. Ich finde allerdings unterschiedliche Dinge gut – ein Lippenstift ist für mich, etwas am Körper, etwas schönes. Und etwas, was relativ schnell gekauft ist, schnell befriedigt und schnell finanziert ist. Sieht ja mit so einer 5k Handtasche anders aus und da schaltet sich doch Ratio ein. Zumindest wenn man das Geld erarbeiten muss.
    Ich muss allerdings auch sagen dass ich die Items immer zuerst aus ästhetischen Gründen kaufe und dann erst wegen Marktwert (also symbolischen Wert).
    Ich habe auch am Anfang als Teen nix gekauft was in war, oder wegen Werbung, dafür war das Budget zu knapp. Jetzt ist das Image schon wichtiger geworden.
    Jedenfalls gebe ich auf darüber zu sinnieren und shoppe wie ich kann und mag. Ich bin gerne eitel und bunt oder schockierend. Das macht mich Vlt sogar zu einer noch gefährlicheren Feministin 😈

  3. Hmm, habe nur kurz auf die Seite geschaut – wenn du kaufst, ohne ein Abo zu haben, liegen die Produkte (zumindest bei den Grundierungen, weiter war ich nicht) am oberen Rand des mittleren Preissegmentes, ohne dabei qualitativ hochwertig zu sein – Silikon in allen möglichen Formen ist der Hauptbestandteil des Make ups. Da die Zielgruppe eher jung ist (ölfrei, ohne besondere Inhaltsstoffe zur Wasserbindung), ist sogar recht hochpreisig und zielt vor allem auf hip und schick ab.
    Dazu kommt der Direktvertrieb, also ohne Einzelhandel – kaufst du also ein Make up für 36,- bei Douglas, so hätte Douglas beim Hersteller 18,- € plus 19% MwSt. gezahlt (21,42). Von den 36,-€ blieben Douglas nach Abzug der Vorsteuer von der selbst zu zahlenden Umsatzsteuer – Moment – 12,22 vor Abzug der Betriebskosten vor Steuern. Ich kann dir sagen, da bleibt nicht viel.
    Auf der Herstellerseite sieht es ähnlich aus. Dieser Club hingegen erhält sowohl den eigenen als auch den Einzelhändleranteil, wäre es also ernst gemeint mit den Fast-Nettokosten, so würde das Produkt knapp die Hälfte kosten. Im dem Preissegment, in dem sie sich bewegen, spielt Werbung natürlich auch eine Rolle, ist jedoch ein deutlich kleinerer Anteil als bei Firmen im Luxussegment. Wobei Kosmetikfirmen, die Produkte von 80,- € aufwärts verkaufen, ihre Werbung gar nicht einmal so aufwendig fahren wie all die Massenmarktfirmen wie LÓreal beispielsweise.
    Kurz gefasst: von der Qualität her bewegt sich Beautypie im niedrigen Sektor, preislich im oberen Mittelsegment und von den Versprechen her ganz oben. Dabei schöpfen sie die Marge größtmöglich aus.

    • Hey, danke für deinen Kommentar. Ich hatte Besprechungen in der britischen Vogue und Elle und in ein paar Blogs gesehen, die sprachen alle von sehr hoher Qualität und verglichen es mit wirklichen Designerprodukten (Hier z.B. auf die Schnelle, ist in der Printausgabe http://www.vogue.co.uk/article/beauty-pie-makeup-review). Das kann natürlich auch nur Werbung sein, aber da die meistens mit Luxusmarken zusammenarbeiten…) Du bist da natürlich mehr Expertin. Die Reviews sagen auch alle, dass es nicht billig ist. Aber eben günstiger als die Luxusware. Unter Umständen hat die dann die gleichen schlechten Inhaltsstoffe, die du gefunden hast. 🙂 Die Gründerin Marcia Kilgore hat ihre letzte Kosmetikmarke Soap and Glory nach ein paar Jahren für sehr viel Geld an die britische Kette Boots verkauft, müsste sich also eigentlich auskennen. Zumindest mit den Konsumentinnenwünschen. Die Nachfrage scheint auf jeden Fall da zu sein und Werbung wollen sie tatsächlich keine machen. (Kauf ohne Abo sollte eigentlich auch nicht gehen.)

      • Oh, man darf natürlich nicht davon ausgehen, dass ein Produkt für 60,- grundsätzlich besser sein muss als eines für 15,- – das hängt immer sehr von der Firmenphilosophie ab und wieviel selbst als Forschungsleistung gebracht wird.
        Beispielsweise gibt es eine japanische Firma, die Patente auf Inhaltsstoffe hat, die nun auch in medizinischen Präparaten genützt werden, weil sie nachweisbar das tun, was sie tun wollen und damit auch für Hautkrankheiten nutzbar sind (außerhalb des freien Verkaufes natürlich) – diese Firma steckt schon einiges in Forschung und das spiegelt sich im Preis wieder. Gleichzeitig verwenden viele Firmen, die extrem wirksame Inhaltsstoffe haben, extrem miese Cremegrundlagen – was ja auch nicht viel Sinn macht. Andere sind einfach nur mies 😀 Ich kenne einige Marken, die teuer und wirksam sind, andere sind eben nur teuer und es gibt relativ günstige, die wirken. Was man nicht erwarten kann: superbillig und supertoll, das ist halt in keinem Bereich wirkllich machbar. Viel entscheidender aber als megasuperduper Inhaltsstoffe sind die richtigen auf der richtigen Haut oder eher noch das Vermeiden des Falschen auf der eigenen. Aber da kann ich mir den Mund fusselig reden: die einen glauben, dass sowieso alles Geldschneiderei sei (sind aber beleidigt, wenn ich anmerke, dass ich diese Einstellung schon an der Haut hätte ablesen können – lass auch mich mal garstig sein 😀 ) und andere sind nicht davon zu überzeugen, dass eine Vaseline mit etwas Gold eben nur eine Vaseline ist, egal, welcher Preis dransteht oder ob sie im handgeblasenen Kristalltöpfchen kommt …
        Ha, du hast mich wieder mal getriggert.
        Na, und was Vogue etc. anbelangt: die werden sich ihre gute Meinung schon auch was kosten lassen. Zumal dass den großen Luxusfirmen kaum einen Marktanteil abschneidet: Frauen, die nur teuer, aber unwissend kaufen, tun das wegen einer Marke und weil es so klasse im Gästebadezimmer aussieht – die wollen nix, was andere nicht gleich erkennen 😀 (Stop mich, ich bin heute wohl böse …)

        • 😉 Nein, nein Danke für deine Meinung. Hab ja gehofft, dass du es liest, weil ich ja deine Meinung schon ein bisschen kenne und mal interessiert war, was du sagst. Es ist schon eine komische Sache, habe grad auch viel für das Buch recherchiert, angebliche Wissenschaft und Werbeversprechen sind echt ein Thema für sich. Ich kenne die japanische Firma nicht, aber ihre Inhaltsstoffe müssen in sehr kleiner Dosierung in der Creme sein. Das gleiche wie in Produkten gegen richtige Hautkrankheiten dürften sie nicht rein tun, wäre gegen das Arzneimittelgesetz. Dann ist es hoffentlich nicht wie bei Hyaluron, das Falten auffüllt (wissenschaftlich bewiesen) aber nur um Millimeter und deshalb für das menschliche Auge nicht sichtbar.

          • Nein, das ist etwas anders gemeint: bei der Forschung hat es des öfteren Ergebnisse gegeben, die dann für die Medizin interessanter waren – da geht es vor allem um die Möglichkeit, etwas durch die Barrieren zu schleusen.
            Und was die Millimeter anbelangt: da sitzen natürlich auch Wissenschaftler in ihrer eigenen kleinen Welt, die über solche Ergebnisse aus dem Häuschen geraten – und eine Auffüllung von einigen Mikromillimetern können dann schon mal erstaunliche 400 % betragen. Das nutzt die PR gleich aus, logisch.

          • Aha, na das ist ja eine gute Nachricht, wenn kosmetische Forschung dann weiterhilft. Schauen ich mir vielleicht nochmal an. Danke für den Tipp und hab noch einen schönen Tag.

  4. Friederike sagt

    Ach, das erinnert mich an einen „journalistischen“ Artikel über Produktpiraterie, die dem armen, armen Profifußball schadet, der ja nur (hört, hört) ein paar Euro vom 89€-Trikot mit Vereinsemblem und Sponsorenaufdruck (ohne Spielernamen selbstverständlich) bekäme.

    Kennen wir ja alle: Diese teuren Produktionskosten in Bangladesch und umzu…

    Vermutlich war das auch nur halb gelogen. Die alternativen Fakten dürften sein, dass pro von einem Fan gekauften Leibchen ein konkreter Betrag im Sinne eines erfolgsbasierten Anteils abgezweigt wird. Die große Pauschalsumme hat der Hersteller längst eingepreist und als Großsumme im Rahmen des Sponsorings überwiesen. Die steckt natürlich auch im Gesamtpreis, wird dann aber den Journalisten nicht mehr benannt.

    Wie unabhängig die öffentlich-rechtlichen angesichts ihrer immensen Investitionen in Übertragungsrechte darüber noch berichten können, ist fraglich. Zumal die Investition in einer Art Nebenwirkung dazu führt, andere Sportarten zu verdrängen. Ein echtes Trojanisches Pferd, diese Fußball-Vermarktung.

    Aber es ging ja um Beauty. Einiges geht auch dort vom Budget / Preis an verarmte Fußball-Profis, die wegen ihrer Schuppen im Haar oder als Trainer mit der kratzigen, ungecremten Haut erstens ihren Job bestimmt verlören und zweitens das Zubrot dringend benötigen. Modeln kann am Ende jeder, das nennt sich dann Testimonial, weil echte Kerle ja nicht modeln. Wie meist bei Beautyprodukten geht das zum Glück: Recht wortlos.

    Darfste einfach nicht zu sehr drüber nachdenken, sonst… Macht’s gleich viel weniger Spaß.

    • Hihi, sehr gut. Das mit dem „nicht zu viel drüber nachdenken“ mache ich aber lieber nicht, sonst bleibt am Ende noch der Blog leer. PS: Ich liebe die Mailadresse, die du angegeben hast, gibt’s die wirklich?

  5. Cooler Tipp, schau ich mir an. Komme ja direkt von der Nachhaltigkeits-Modemesse Innatex und bin neugierig, wobei ich auch im Öko-Bereich kritisch bin, denn Vieles ist auch dort einfach nur Marketing und eine neue Art der Verkaufsförderung… hach, komplizierte Welt.

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