Leben & Lesen
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Kleine grüne Fluchten

Manchmal findet sich das zarte Pflänzchen Emanzipation an unerwarteten Orten.

Gehen wir in eine andere Zeit

In Großbritannien keimte seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Idee zwischen Buchdeckeln. Die weiß-behandschuhten Frauen der viktorianischen Mittelklasse, Ehefrauen und Haushaltsvorsteherinnen, verbringen ihre Tage mit dem Empfangen von Gästen, dem Schreiben von Briefen. Sie befehligen eine variierende Zahl von Angestellten und planen Abläufe – gewiss ohne selbst viel Hand an zu legen. So bleiben im Tag meist noch Stunden zu füllen. Romane bieten sich an – auch wenn an dieser und jener Stelle vor den möglichen Folge des Lesens gewarnt wird. Zu viel der romantisch-schwärmerischen Literatur kann die Herzen der jungen Damen schwer machen, sie zum Tagträumen verführen oder womöglich falsche Ideen in den formbaren Köpfen hinterlassen.

Die Mutter aller Kochshows

Haushaltsratgeber in allen Formen erscheinen ebenfalls für das neuentdeckte Publikum. Isabella Beeton, eine geschäftstüchtige Verlegergattin, kommt Mitte der 1860er Jahre auf die Idee, Rezepte so aufzubereiten, wie wir es aus jedem modernen Kochbuch kennen. Sie spickt ihr 1000 Seiten umfassendes Kochbuch mit allerlei Hinweisen zur Haushalts- und Lebensführung. Die aufstrebende Mittelklasse mit ihrem Bedürfnis nach Abgrenzung nach oben (zum dekadenten Adel) und unten (der working class) dankt es ihr und Beeton’s Book of Household Management wird zu einem Besteller auf Jahrzehnte. So weit war das Buch verbreitet, dass der Markt noch heute voll davon ist. Ausgaben des 19. Jahrhunderts finden sich relativ problemlos für wenige Pfund in Antiquariaten.

Hinaus ins Grüne

Eine andere Art von Ratgebern erfreut sich ebenfalls großen Absatzes. Sie behandeln den Garten.

Die britische Liebe zum Garten ist nicht auf das 19. Jahrhundert beschränkt. Aber hier entsteht etwas Neues. Das Häuschen mit Garten in den entstehenden Vororten wird zum Sehnsuchtsort. Das vorangegangene Jahrhundert prägten die großen Gärten des Adels. Nun verlangt eine neue Gruppe nach Ratschlägen für das eigene Grün.

Und noch eines zeichnet speziell diese Gartenratgeber aus – Autorinnen schreiben sie und zwar ausdrücklich für andere Frauen. Nun mag dies nicht überraschen. Ist der Garten doch Teil des Hauses und damit Wirkungsort der Frau. Was die Ratgeber aber beschreiben, ist nicht das Ideal der viktorianischen Hausfrau.

Planzen und graben

Wo Sauberkeit im Haus und Attraktivität ein Rollenbild bestimmen, animieren sie ihre Leserinnen zum eigenhändigen Gärtnern. Auch wenn Schmutz sie umfängt und der Schweiß fließt. Sie sollen nicht nur ein wenig harken. Umgraben, Bäume einpflanzen, Zäune reparieren und Dünger aufbringen – das alles können sie als Frau doch auch! Mangelnde körperliche Kraft lässt sich mit entsprechender Technik kompensieren. Und in den Garten kann man bei jedem Wetter. Gegen Kälte und Regen hilft entsprechende Kleidung und eine Erkältung ist nichts, wovor man sich fürchten müsste. (Dies ist die Zeit, in der Ohnmachtsanfälle zum literarischen Standardrepertoire gehören und der weibliche Körper, zur schnelleren Erschöpfung neigend, gern auf Liegesofas gebettet wird.)

Natürlich, die Autorinnen der Ratgeber formulieren vorsichtig. Immerhin fehlen fast noch 50 Jahre bis die erste Frauenbewegung an Fahrt aufnehmen wird. In ihren Büchern finden sie einen geschützten Raum. Sie sind respektable Ehefrauen, die nur ihre eigenen Gartenerfahrungen mit anderen teilen. Aber zwischen den Zeilen brodelt es.

Mehr als eine Episode

Dass diese kleinen grünen Fluchten nachwirken, zeigt sich um die Wende zum 20. Jahrhundert. Forderungen nach Gleichbehandlung und dem Frauenwahlrecht werden laut. Man ist überrascht, wie viele der Suffragetten, der ersten Kämpferinnen für das Wahlrecht, die neu gegründeten Gartenbauschulen für Frauen besuchen. Gartenbau wird neben dem Lehrerinnenberuf als eine Berufschance für Frauen diskutiert. Sicher, die gesellschaftliche Wende ist das nicht. Eine der ersten professionellen Gartengestalterinnen klagt, dass sie ihren Lebensunterhalt kaum finanzieren kann. Die Kunden zahlen nicht gut genug für ihre Planungen. Nicht, um sie zu boykottieren oder aus Geiz. Die Tatsache, dass eine Frau hiermit ihre Existenz sichern will, übersteigt einfach die Vorstellungskraft.

Nicht nur aus einer alten Zeit

Was ist das nun, wenn eine Frau in der Erde wühlt obwohl es eigentlich als unschicklich gilt? Es ist kein Schild auf einer Demonstration, keine politische Petition ans Parlament. Aber es ist eine kleine Flucht, ein Flüchtchen aus einem vermeintlich festgefahrenen Rollenbild. Eine Kleinigkeit? Eine zu vernachlässigende Handlung Einzelner? Vielleicht. Vielleicht aber auch mehr. Vielleicht vereinigen sich solche kleinen individuellen Ereignisse irgendwann zu einem Baustein im großen Ganzen.

Die amerikanische Autorin Anne Higginson Spicer hat es so gesehen, als sie formulierte: „The woman who steps from her door step to plant a few handy “yarbs” at its foot, has quite unwittingly taken her first unconscious step towards the suffrage.“ (Die Frau, die über die Schwelle tritt, um davor ein paar Pflanzen einzugraben hat, vielleicht durchaus unabsichtlich, einen ersten Schritt in Richtung Wahlrecht getan.)

Für uns heute vielleicht ein willkommener Denkanstoß, wenn oft all zu schnell Äußerungen und Handlungen bewertet, kritisiert und abgetan werden. Mit „Haben wir keine anderen Probleme?“ oder „Das hat ja nun nichts mit Gleichberechtigung zu tun.“

Die zarte Pflanze der Emanzipation findet sich auch an unerwarteten  Orten.

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