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Achtung, jetzt kommt ein Klischee! – Eine Notiz

Ich habe mich in der vergangenen Woche gewundert und ein bisschen geärgert. Es ging darum, wie vorbehaltlos und unkritisch Klischees ihren Weg in die Onlineauftritte von Zeitungen schaffen.

Stern recherchiert knallhart zu Stereotypen 

Nun steht der Stern nicht im Verdacht besonders sensibel für Geschlechterrollen zu sein. Von Sigmund Freud über Diäten bis zur Hormontherapie –  auf dem Cover passen leichtbekleidete Frauen zu allem.

Am Donnerstag dann titelte Stern Online: Studie zu Geschlechterklischees – Können Frauen mit Geld umgehen?. Was in der Einleitung noch auf einen kritischen Standpunkt hoffen lässt, bleibt dann doch nur an der Oberfläche: Frauen wird weniger Kompetenz im Umgang mit Geld zugetraut – von anderen und ihnen selbst. Klischee bestätigt.

Die Studie aus der die Aussage stammt ist von der Comdirect, wie auch im Text erwähnt wird. Leider ist sie im Onlineauftritt von Comdirect noch nicht zu finden. Es ist üblich, dass solche „Studien“ vorher an Medienvertreter versandt werden, um Presse zu generieren. Die Comdirect glänzte auch schon in anderen Studien, die bereits online sind mit wunderbaren Verallgemeinerungen. Beispielsweise bei der Wohnortsuche: Hier wollen Männer auf die Piste und Frauen shoppen. Aha.Präsentation1

Wenn man sich die entsprechende Grafik zu dieser Befragung anschaut, sieht man, dass nach Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten – also nicht Shopping und Piste – gefragt wurde. Auch rechtfertigt der Unterschied bei den Nennungen die reißerische Überschrift nur bedingt: bei Einkaufsmöglichkeiten trennen die befragten Männer und Frauen nur 6%, bei Ausgehmöglichkeiten sind es 8%.

Comdirect II

Studie? – Eher PR-Maßnahme 

Nun sind solche Studien PR-Instrumente, um Nennungen in Artikeln nach sich zu ziehen. Comdirect sucht sich ein interessantes massenkompatibles Thema und beauftragt ein Meinungsforschungsinstitut ein paar Menschen einige Fragen zu stellen. Die Ergebnisse der Studie versendet man an Pressevertreter in der Hoffnung, dass sie etwas dazu schreiben. Da es es sich um eine Studie handelt und nicht offensiv Produkte beworben werden, geschieht dies häufiger als bei klassischen Pressetexten. Der Name des Unternehmens erscheint im Artikel als Initiator der Studie.

Dass Comdirect offensichtlich gern Klischees für ihre Fragestellungen aufnimmt oder die Studie dementsprechend aufarbeitet (Aufmerksamkeit generierende Überschriften), ist Ausdruck der Tatsache, dass Klischees offensichtlich bei Medien gut funktionieren. Das hat der Stern hier ja auch bestätigt. Kann bei Ergebnissen dieser Art doch vermeintlich jeder nickend zustimmen und sagen „Siehst du, so ist es halt, hat eine Studie bestätigt.“ Tut eben keinem weh und ist ein nettes Thema, was sich gut weg schreibt. Naja.

Es wäre schön gewesen, wenn man wenigstens einen Gegenpunkt im Artikel  gesetzt hätte. Nun bin ich keine Journalistin, für mich als Laie gehört es aber irgendwie dazu, wenn über etwas berichtet wird, auch eine Gegenposition zu recherchieren.

Ein Kreislauf der Vorurteile

Was passiert aber, wenn Medien das Ganze unreflektiert berichten?

Das Klischee bestätigt sich vermeintlich, verbreitet sich weiter und Unternehmen werden es erneut aufgreifen. Weil es sich in der Vorstellung um Allgemeinplätze handelt, hinter denen man viele Menschen versammeln kann. Was wiederum die Chance steigert, von den Medien aufgegriffen zu werden. So geht der Kreislauf weiter: Die Studien bringen nichts Neues, da sie eigentlich nicht als Studien sondern auf Öffentlichkeitswirksamkeit angelegt sind (Man generiert möglichst interessante aber doch unverfängliche Erkenntnisse, denen jeder irgendwie zustimmt, weil schon mal gehört – da geht das Männer7Frauen Thema immer).

Und durch Artikel in den klassischen Medien werden diese reproduziert und auf die Stufe journalistischer Berichterstattung gehoben. So befruchtet man sich mit den gleichen Vorurteilen nur immer wieder neu.

Und das hat mich geärgert.

 

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