Kinder & Küche, Leben & Lesen
Schreibe einen Kommentar

Immer schön natürlich bleiben

Robbie Williams ist Vater eines Sohnes geworden. Die Geburt wurde live gewittert.* Frau Williams hat übrigens ganz natürlich entbunden. Dafür dankt ihr der Ehemann.

Wie bei Sängerin Beyoncé, den Schauspielerinnen Scarlett Johansson oder Mila Kunis & diverse Prinzessinnen. Dass natürlich entbunden wurde, wird gern betont, ebenso wie die Medien gern danach fragen. Das Gegenstück in der Berichterstattung sind Kaiserschnitte – womöglich noch geplante, um der Gewichtszunahme im letzten Drittel vorzubeugen, wie es Victoria Beckham & diversen Supermodels nachgesagt wird. Nicht nur Promis gebären natürlich. In den USA machten vor ein paar Monaten youtube-Videos diverser Hausgeburten die Runde. Manche Schwangere bekommen ihre Kinder noch natürlicher, gleich draußen in der freien Natur.

Die natürliche Geburt ist das zweite Aushängeschild der fürsorglichen Mutter. Das erste ist das tadellose Verhalten während der Schwangerschaft. Ein Aufsatz in Nature mit dem vielsagenden Titel Don’t blame the mother (Nicht alles auf die Mutter schieben) weist darauf hin, wie leicht Studien zur falschen Ernährung & Bewegungsmustern oder zuviel Stress benutzt werden, um werdenden Müttern bereits vor der Geburt ein schlechtes Gewissen zu machen. Kaum eine Schwangere, die nicht nach dem positiven Tests sofort ängstlich an das letzte Glas Wein denkt oder panisch Katzen meidet. Vieles gibt es, was die potenzielle Mutter falsch machen kann. Was direkt auf Allergieneigung & Schlafverhalten wirkt. Und dann ist man nicht nur irgendwie selbst schuld, sondern auch noch eine schlechte Mutter, bevor man überhaupt eine geworden ist.

Natürliche Geburten sind ein zweischneidiges Schwert. Mit der Professionalisierung (& Vermännlichung) des Arztberufes, mit dem Entstehen von Kliniken, wurde auch zunehmend die Kompetenz von Hebammen in Frage gestellt. Wie auch die Kompetenz von Frauen, ihre Kinder selbst auf die Welt zu bringen. Insofern ist die natürliche Geburt gerade auch außerhalb von Kliniken (in denen Kaiserschnitte bedeutend mehr Umsatz bringen als eine natürliche Geburt) auch ein Zurückerlangen von Selbstbestimmung. (Einhergehend mit ihrem Zurückdrängen, wenn Hebammen Versicherungsprämien nicht mehr zahlen können & de facto nicht mehr in der Lage sind, zu entbinden.)

Und trotzdem muss man auch auf die Frauen hinweisen, die den Druck verspüren, natürlich entbinden zu müssen. Die schmerzstillende Maßnahmen oder einen Kaiserschnitt als ersten Verrat am Kind empfinden. Die natürliche Geburt wird eben als der natürliche (und einzig natürliche) Prozess dargestellt, als das Beste für Mutter & Kind. Begründet wird dies medizinisch aber auch mit der Bindungsforschung. Zusammengenommen heißt das: eine gute Mutter leidet & hält das aus. Und der Umkehrschluss?

Ich kenne Frauen, die entschuldigend & schuldbewusst hinzufügen, dass sie es „nicht ohne geschafft haben“. Und schmerzstillende Medikamente meinen. Wer die natürliche Geburt glorifiziert, ignoriert auch die vielen Geschichten von Frauen, für die die Geburt eine traumatisierende Erfahrung war. Indem man die natürliche Geburt mit dem Kindeswohl verknüpft, manifestiert man nicht nur Ängste & Schuldgefühle. Man stellt auch den Schmerz der Mutter gegen das Wohl des Kindes. Welche Frau kann noch frei wählen, was sie erträgt, wenn angeblich potentiell die Bindung zum Kind geschädigt wird?

Worum es geht ist weniger schlechtes Gewissen & mehr Vertrauen in sich. Mehr Teilen von echten Geschichten & echten Erfahrungen ohne Angst vor gesellschaftlichen Bewertungen. Schuldgefühle zu haben sollte nicht natürlich sein.

Diese gehen übrigens nach der Geburt geradewegs weiter. Einmal saß ich neben einer Bekannten als die Ersatzmilchwerbung lief. Diese betont, dass „Stillen natürlich das Beste für ihr Baby ist“. Das Kind der Bekannten war inzwischen 3 Jahre alt & ihr liefen Tränen über die Wange. Nach Wochen voller Schmerzen hatte sie abstillen müssen. Sie hatte, so ihr Eindruck, bei einem der natürlichsten Dinge versagt, die eine Mutter können muss. Schokoladenwerbung wird nicht von dem Spruch begleitet „Ein Apfel wäre jetzt besser für ihre Gesundheit.“

 

*Während seine Ehefrau in den Wehen lag, betätigte er sich nicht nur als Alleinunterhalter, sondern machte sich auch als Chronist nützlich.Man kann sicher zugestehen, dass eine mehrstündige Geburt für die beiwohnenden Männer tatsächlich Strecken von Langeweile enthalten kann, in denen man, angesichts der auch hier wallenden Hormone, auf die komischsten Ideen kommt. Des Sängers Auffassung von Humor & Privatsphäre scheint eine sehr spezielle zu sein. Hoffen wir, dass seine Frau sie vollumfänglich teilt, wenn sie noch einmal auf die Fotos schauen sollte.

Foto: pixabay.de

Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on TumblrEmail this to someoneShare on Google+

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.