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Ich habe „Wir kommen“ von Ronja von Rönne gelesen und ihr könnt es gern auch tun

Nun schreibe ich doch noch ein paar Worte zum Debütroman Wir kommen von Ronja von Rönne, nachdem ich ein paar Nachfragen erhalten habe, wie ich ihn fand. Eigentlich wollte ich nicht so recht, den es erscheinen in diesen Tagen eine Menge Rezensionen und es gibt wohl kaum eine Autorin, deren Debüt besprochen wird, über die so viel Meinung bereits den Raum beherrscht. Deshalb will ich auch gar nichts zur Autorin schreiben, den Meisten wird sie bekannt sein. Wer sie nicht kennt, kann sie googeln und wird merken, da gibt es schon eine Menge Ansichten zu ihr, man kann auch sagen Urteile. Ich selbst habe auch mal eines gefällt. Was man von der Autorin hält, ist übrigens egal, wenn es um den Roman geht. Denn, wie ich auf Twitter schrieb, der Bücherschrank wäre ziemlich leer, wenn man nur Autor*innen lesen würde, die den moralisch-für-mich-einwandfrei-Test bestanden haben.

Zurück zum Roman. Was erwartet man von einer Rezension? Einen Eindruck vom Buch, von der Handlung, könnte mich das interessieren und eine Einschätzung, ob man das Ganze lesen sollte. Da hat man es bei von Rönne besonders leicht. Die Handlung ist schnell erzählt. Nora, Protagonistin und Ich-Erzählerin, schreibt in der Abwesenheit ihres Psychiaters ihre Tage auf, die sie mit dem Ex-Freund und der Neuen, die er ihr irgendwann einmal vor die Nase setzte, verbringt. Was nicht schlimm ist, denn die kannte auch noch jemanden und nun versucht man eine Viererbeziehung, was natürlich verheißungsvoll klingt bei einer jungen Autorin, ein bisschen Charlotte Roche mäßig vielleicht, aber unglaublich keusch daher kommt.

Obwohl ich las, dass von Rönne kein Berlinbuch schreiben wollte, denkt man sich die vier, Sachbuchautor, anorektische Ernährungsberaterin, Grafikdesigner und Fernsehmenschin ohne tieferes schauspielerischen Ethos oder journalistischen Ehrgeiz mitsamt ihrer Wohnung, die glaube ich nie als Altbau beschrieben wird, aber mir so in den Kopf kommt, irgendwie doch nach Berlin. Deshalb verfrachtet von Rönne sie ab der Hälfte ans Meer. Dann sind da noch Rückblenden in eine Jugend mit einer Pippi-artigen Jugendfreundin ohne pädagogischen Jugendbuchanspruch. Hier schwebt etwas Nichterzähltes, Verschüttetes über der Handlung, was sich in einem gelungenen Ende löst.

Apropos Handlung, das Fehlen eines Plots wird in manchen Rezensionen bemängelt. Und Überraschung, dies ist kein Ken Follett oder Schwedenkrimi aus dem Erzählerbaukasten mit Spannungsbögen in jeder Szene und trickreichen Perspektiven. Sogar ein paar kleine Anachronismen kann man gleich vorwerfen. In Noras Jugend gibt es Eastpack und Tamagotchi aber auch Oberstufler, die in Afrika Selfies machen. Und das ans Meer mitgeführte Kind kann sich nicht selbst aus dem Autositz abschnallen, hebt die Ärmchen, um hochgenommen oder angezogen zu werden, um dann die Erwachsenen darauf hinzuweisen, dass ein Wort falsch geschrieben ist. Das Tolle ist, es ist vollkommen egal. Denn, nun kommen wir neben der Handlung zum zweiten Teil der Rezension. Wer wissen will, ob ihm das gefallen könnte, hat bei von Rönne einen entscheidenden Vorteil. Man kann sich einfach ein bisschen durch ihren Blog Sudelheft lesen. Wenn man die Texte gut findet und immer ein wenig traurig ist, wenn sie zu Ende gehen, hat man gute Chancen, dass sich die Investition lohnt. Wie auf dem Blog gibt es auch im Roman, diese schönen, klugen Sätze, von denen man das Gefühl hat, dass man sie so noch nie gehört hat. Und sie am Liebsten auf Postkarten drucken würde, wenn sie dann nicht Allgemeingut werden würden. Was man ihnen ob ihrer Besonderheit nicht antun will.

Das sind nicht die Tagebücher einer Generation, kein Realismus, wie eine Rezension in dieser Woche bemängelte. Nur weil man in einem Roman Dinge und Szenen findet, die einem bekannt vorkommen, heißt es noch nicht, dass er Wirklichkeit erklären will. Wer überlegte, das Buch zu kaufen, um sich selbst, seine Anfang-Zwanziger-Kinder oder die komischen Spätjugendlichen in der S-Bahn zu verstehen, der wird enttäuscht. Sorry, keine soziologischen Erkenntnisse über die Generation Y. Gehen sie bitte weiter, hier gibt es nichts zu sehen. Das darf Literatur. Sie darf sich dieser Figuren bedienen ohne jugendliche Erklärprosa zu sein. Literatur darf sowieso eine ganze Menge. Sie darf zum Beispiel Szenen schreiben wie die, in der Nora mit klebenden Schenkeln aufwacht, sich nicht erinnern kann, ob sie Sex hatte, nicht nachfragt, duscht und das Thema ist durch, ohne dass man mit einem Sternchen Rape Culture und Consent erklärt. Und das darf man dann gut oder schlecht finden.

Ich fand Wir kommen ein sehr gutes Buch, habe es an fast einem Wochenendtag in fast einem Rutsch durchgelesen und fühlte mich gut unterhalten (ein besseres Wort fällt mir nicht ein), nicht enttäuscht von den Figuren oder der Handlung. Das Ende fand ich sogar sehr gelungen. Und mehr gibt es dann auch gar nicht zu sagen.

Foto: flickr – CC by 2.0 – Ann Larie Valentine

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3 Kommentare

  1. Julia Weihner sagt

    Danke dafür, jetzt habe ich eine gute Idee vom Roman. Schönes Wochenende.

  2. Melanie sagt

    Ich mag den Blog auch aber der Roman war nichts für mich. Er hatte einige Längen und ich finde Nora dann einfach als Figur zu nervig, um ihr interessiert die ganze Zeit zuzuhören. Bin aber auch noch nicht ganz durch.

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