Ich dachte…

Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, dass jedes Leben wertvoll ist. Ich dachte, wir alle würden nicken, wenn jemand sagt, egal wie alt, egal wie krank. Wie schaut man eigentlich hinein und weiß, dass die Jahre von 80 bis 95 egal gewesen wären? Welche Grenzen reißen wir gerade ein, was erlauben wir uns zu denken? Als wäre eine Vorerkrankung, wäre eine Lungenkrankheit, Asthma, Diabetes etwas, wo man sowieso jeden Tag damit zu rechnen hätte, dass es vorbei geht. Ich dachte, wir würden länger füreinander einstehen können als zweieinhalb Wochen. Wenn jemand stirbt, stirbt er nicht zu 0,7 Prozent, er ist zu 100 Prozent nicht mehr da. Zurück bleibt nur der Schmerz, auch wenn es nicht unser Schmerz ist. Ich dachte, über so etwas würden wir nicht diskutieren. Ich dachte, wir würden erleichtert sein, wenn uns weniger Schmerz ereilt und nicht überlegen, dass man für all unsere Entbehrungen aber mit ein bisschen mehr Schmerz gerechnet hätte, den man hier verhindert hat. Ich hätte nicht gedacht, dass wir eine große heroische Leistung der Todesverhinderung brauchen und es uns nicht reicht, die Wahrscheinlichkeit zu reduzieren. Ich dachte, wenn wir alle nicht wissen, was richtig ist, können wir uns darauf einigen, dass wir jetzt eine Sache tun und dann alles ordnen, bewerten, später – nach dem Sturm. Selbst wenn er weniger wegwehen sollte als wir glaubten. So dachte ich und jetzt denke ich: Ich hoffe, dass wir alle nachdenken, bevor wir unsere Worte wählen. Weil dies nicht die letzte Krise sein wird. Und wer trifft dann die nicht abgesicherten Entscheidungen?