Film & Fernsehen, Schönes & Banales
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„Hochzeit auf den ersten Blick“ ist genauso, wie man sich pseudo-wissenschaftliches Trash-TV vorstellt

Nachdem die Paare beim Bachelor ja doch nie zusammen bleiben, macht Sat1 jetzt Nägel mit Köpfen & erschwert die Trennung, indem gleich geheiratet wird. Gestern Abend ging es los. Das Format gab es bereits in Dänemark & den USA. Beide Male mit eher geringen Haltequoten der Ehen. Nun hatten die aber sicher auch nicht so kompetente Experten, wie die Leute bei Sat1. Aber dazu später mehr.

In der Show werden für heiratswillige Singles Partner gesucht. Das erste Treffen findet aber erst im Standesamt statt.Warum Kritik von den Kirchen & der CDU/CSU am Format kam, ist mir schleierhaft. Vor dem Altar wurde nicht mal geküsst & im Privatfernsehen werden hier gute alte Werte vermittelt. Zwei Stunden lang wissenschaftlich begründetes Lob der Zweckehe. Wohlgemerkt Zweck & nicht Zwang, wie Sat1 betont.

In der ersten Folge schlossen Bea & Tim, Anfang 30 & aus NRW, den Bund fürs – hüstel, hüstel – Leben. Bea weiß um die Fehlbarkeit von Äußerlichkeiten. Schöne Männer sind nicht unbedingt Traummänner. Sie selbst hat erst vor Kurzem 16 Kilo abgenommen & bekommt vor der Eheschließung ihren Herzenswunsch erfüllt (eine Kutsche). Ihr möchte man zunächst raten, sich von ihrer Mutter scheiden zu lassen, die kurz vor dem Standesamt noch erklärt, sie hofft, dass die Tochter jetzt den Traummann findet, denn „es ist schon irgendwie 5 vor 12.“ (5 vor 12 ist es vielleicht für den Zwerggecko, dem die Männchen ausgehen. Aber nicht für 32jährige Frauen.) Ihr Zukünftiger Tim, der aussieht wie Beas Bruder (Ja, das ist ein bisschen gruselig.), hofft, dass sich seine Baldfrau bei ihrem Junggesellinnenabschied (natürlich mit Stripper) benimmt. Fast schon zu brav für Sat1 am Sonntagabend.   Natürlich stellt man sich unweigerlich die Frage, wieso macht man da mit? Aber die Beweggründe von Menschen sind eine komplizierte Sache. Ich habe mich auch die ganze Zeit gefragt, wieso gucke ich das eigentlich? Und ich kann mir vorstellen, dass Fehlgriffe an der Partnerfront dazu führen, dass man dem eigenen Urteilsvermögen nicht mehr traut. Und denkt: Wieso sollten die Chancen bei der Verkehrt-herum-Taktik schlechter stehen, als in vorangegangenen Beziehungen? Genau hier kommen die Experten (Leute, die auch mal ins Fernsehen wollten) ins Spiel. Sie wählen aus. Natürlich mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden wie Abnutzungsgrad der Zahnbürste (ok, ausgedacht) & Lieblingsteppichfarbe (so passiert). Pseudo-wissenschaftliches Trash-TV eben. Der Teppich sollte übrigens ein dunkles Violet mit einem Schuss Rot haben. Da fühlt man sich kurz wie im Eheberatungs-Sketch von Loriot („Sie schauen dann in einer Liste nach & da steht dann: Braun= Herr Blömel schlägt seine Frau.“) Kurz vor der Eheschließung werden auch die Experten nervös & erklären, „dass die Erwartungen bloß nicht zu hoch ausfallen sollten.“ Denn „Verliebt sein zu müssen in einer Partnerschaft“ ist sowieso eine moderne Idee und „für andere Formen seien wir gar nicht mehr offen.“ Wichtig ist die „Basis, aus der sich Liebe entwickeln kann.“ Lob der vor-romantischen Zweckehe. Auch Beas Mutter weiß um ihre Vorteile. Das ist „wie bei den Rittern“, da wurde die Frau „geheiratet, ob sie schön war oder nicht.“ Müssen wir uns jetzt Sorgen machen, dass in unserer kalten Zeit auch noch die Liebe abgeschafft wird? Zugunsten der Wissenschaft? Erst gefrorene Eizellen & jetzt das? Ist das ein weiterer gesamtgesellschaftlicher Werteverfall? Wo sind die Eltern, die früher noch verlässlich Ehen arrangierten? Ein Ende der romanischen Liebe wäre insbesondere für Sat1 schmerzlich, wo gerade Nur die Liebe zählt wieder belebt wird. Nun, wir schreiben ja das Jahr 2014. Es geht nicht um strategische Allianzen zur Steigerung von Ansehen & Reichtum der Familie. Es gibt keine Gründe für Zweckehen außer Einschaltquoten & Werbeeinnahmen. Selbst bei den Rittern hätte die Familie sich nicht einfach jemanden von der Straße geholt – äh – aus dem Burggraben gefischt. Die Auswahl wurde von Menschen getroffen, die das Paar kannten. Und nicht über ausgefüllte Fragebögen. Spätestens bei der Eheschließung ist dann auch bei Sat1 alles wieder im Lot. Das Paar schwärmt von den Augen des anderen. Im Hintergrund läuft die Forrest Gump Melodie. Alles ist so wunderbar. Man wartet nur noch darauf, dass Frank Matthée & die Gastbräute die 10 Punkte hochhalten… So ganz können die Fernsehmacher wohl doch nicht aus ihrer Haut. Ob die Ehe der beiden hält, erfahren wir übrigens in der nächsten Folge. Aber ich bin zuversichtlich. Anzug & Brautkleid waren zu eng & sie können beide nicht tanzen. Spitzenvorraussetzungen für ein romantisches Ende. So rein wissenschaftlich betrachtet. 

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2 Kommentare

    • Ach, wenn ich was gut finde, schreibe ich es auch so. Das ist ja das Schöne am eigenen Blog. Bei dieser Art von Fernsehen ist eben Vergnügen & Schmerz oft sehr nah beieinander.

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