Feminismus & Weltverschwörung, Film & Fernsehen
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Hinter dem Bechdel-Test – Noch ein Grund, warum Serien die besseren Filme sind

In Alison Bechdels Comic The Rule von 1985 wollen zwei Frauen ins Kino und überlegen, welchen Film sie schauen wollen. Eine hat eine besondere Regel, wenn es um die Filme geht, die sie sich ansieht: 1.) Sie müssen mindestens zwei weibliche Charaktere enthalten. 2.) Diese müssen miteinander reden. 3.) Und zwar über etwas anderes als Männer. Diese Prinzipien klingen wie das Mindeste, was man erwartet in einer Welt, in der 50% der Konsumentinnen weiblich sind. Die ihre Realität, die nur zu einem erstaunlich geringen Prozentsatz aus ausschließlichen Gesprächen über Männer besteht, vielleicht auch in Filmen wiederfinden wollen.

Um den Test zu bestehen, können sich Frauen auf der großen Leinwand schließlich über alles unterhalten. Keine detaillierte Diskussion der Quantenphysik oder philosophische Auseinandersetzung mit Nietzsches Gesamtwerk, fünf Sekunden über Zahnpasta reichen und -zack  – Test bestanden. Im Comic finden die Frauen trotzdem keinen Film und beschließen nach Hause zu gehen, um Popcorn zu essen.

Fünf Sekunden über Zahnpasta reichen und -zack  – Test bestanden.

Was als kurzer Kommentar in einem Comic begann, hat über die Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die drei Kriterien, heute bekannt als Bechdel-Test, werden benutzt, um die Repräsentation von Frauen zu bewerten. Bechdeltest.com hat den Test auf über 6.000, hauptsächlich in Hollywood produzierte, Filme angewandt. 57 Prozent bestehen. 10 Prozent fallen komplett durch, sie haben keine zwei weiblichen Figuren. 2015 und 2016 bestanden von den acht Oscaranwärtern auf „Bester Film“ jeweils die Hälfte den Bechdel-Test.

Dabei ist der Test nur ein schwacher Indikator für starke weibliche Rollen. Während man die Frage nach vielfältigen Repräsentationen von Frauen in der Popkultur stellen sollte, besteht der Stalker/gruselige Beziehungsmuster-Blockbuster Fifty Shades of Grey problemlos. Anastasia Steele und ihre Mitbewohnerin unterhalten sich kurz über ihren kaputten Laptop. Auf der anderen Seite können Filme mit vielschichtigeren Charakteren trotzdem durchs Raster fallen. Im Kinderbereich ist zum Beispiel Dory in Findet Nemo eine ziemlich coole und abenteuerlustige Fischfrau – findet aber leider im gesamten Ozean keine zweite ihrer Art, auf die sie ihre Redeflut richten könnte.

Ungewöhnliche Frauen, die Grenzen einreißen, finden ihre Vertrauten in Männern.

Und genau ist das Problem. Gemeinschaft und Frauenfreundschaft findet man in Filmen viel zu selten. Dory ist ein wichtiger Charakter in Findet Nemo. Aber sie ist allein. Rey im neuen Star Wars ist eine coole Heldin, ein echtes Vorbild. Aber eine Freundin, eine Gefährtin scheint ihr in ihrem ganzen Leben nicht begegnet zu sein. Klar, sie ist eine Art weiblicher einsamer Wolf. Aber komischerweise finden sich männliche einsame Wölfe in Filmen oft problemlos mit anderen Männern zusammen. Männerfreundschaften werden gern zelebriert. Man denke an amerikanische Buddykomödien, an Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer. Haben Frauen eine weibliche Nebenfigur an ihrer Seite, wird mit ihr oft nicht mehr als das Liebesleben besprochen (überstrapazierte leicht nerdige beste Freundin in romantischen Komödien, anyone?). Und die Freundin weiß, dass sie nun dezent in den Hintergrund tritt, wenn am Ende der Traumprinz wartet.

Wenn Frauencharaktere ungewöhnlich sind, haben sie oft noch weniger die Chance auf eine Frauenfreundschaft. Ihre Vertrauten sind dann oft Männer. So wird das Bild klar: hier die Masse der konventionellen, rollenkonformen Frauen und da die Eine, die ausbricht. Übrigens der einzige Punkt, der mich an ansonsten sehr guten Fernsehproduktionen der letzten Monate mit starken Frauencharakteren wie Die Stadt und die Macht mit Anna Loos oder Ku’damm 56  störte. Im ganzen Nachkriegsberlin fand sich keine zweite Frau, die mit ihrem vorgefertigten Weg haderte. Klar macht das den Konflikt der Hauptfigur stärker, aber irgendwo bei einem Rock n‘ Roll – Wettbewerb hätte mal eine durchs Bild springen können, oder?

Frauen werden als Mütter, Ehefrauen, Geliebte oder beste Freundinnen der männlichen Hauptfigur besetzt, aber wann sind sie Teil einer echten Frauenfreundschaft oder einfach nur ehrliche Unterstützerin einer anderen Frau? Und stehen damit nicht in logischer Konkurrenz zu ihrem Geschlecht, sind Drama-Queens oder kratzbürstig?

Rory und Paris, Buffy und Willow, Lily und Robin.

Einen kleinen Lichtblick gibt es. Interessanterweise scheint es Serien leichter zu fallen, dieses Muster aufzubrechen. Einer der vielen Gründe, sich auf die neuen Gilmore Girls – Folgen zu freuen. Und sogar in der aktuellen Girls – Staffel, in der sich die Freundinnen um Hannah nicht mehr sonderlich zu mögen scheinen, gibt es in der ersten Folge diese schöne Szene, in der Hannah sich selbst und ihre Vorbehalte gegenüber Marnies Hochzeit über Bord wirft, um ihre Freundin genau dann zu unterstützen, wenn sie es am Nötigsten hat. Je mehr ich an Lieblingsserien denke, desto mehr Beispiele fallen mir ein. Buffy und Willow, die nicht nur gemeinsam gegen das Böse kämpfen. Oder Lily und Robin in How I Met Your Mother. Selbst die Frauenfreundschaften in Big Bang Theory sind mittlerweile ziemlich differenziert. Und irgendwie wünsche ich mir, dass Claire Underwood mit Wahlkampfmanagerin LeAnn endlich eine echte Vertraute in House of Cards findet. Auch wenn es vielleicht nicht ganz zur Serie passt und die Aufopferung eines Doug Stamper immer unerreicht bleiben wird.

Womöglich zeichnet sich hier eine Veränderung ab. Diese Freundschaften sind interessant, vielschichtig und ein wichtiger Bestandteil des Lebens der Hauptfigur. Sie erlauben ihr, bedeutende Verbindungen zu anderen Frauen zu finden und einzugehen. Sie zeigen Beziehungen, die wichtig und wesentlich sind. Obwohl sie nicht romantischer Natur sind. Wie im richtigen Leben.

Mehr davon, bitte.

Bildnachweis: Wikipedia

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5 Kommentare

  1. Da stimme ich dir total zu 🙂 Ich würde auch gerne mehr Frauenfreundschaften sehen, wie du sie beschreibst. Den Bechdel-Test würden die allemal bestehen, auch wenn ich diesen Test aus den von dir genannten Gründen nicht 100% gut finde.
    Im übrigen würde ich aber auch gerne mehr echte Freundschaften zwischen Männern und Frauen sehen, bei denen nicht einer von beiden in den anderen verliebt ist, es nicht zum Sex kommt, einer eifersüchtig wird etc.

  2. Wiebke sagt

    Bei Filmen fällt mir schon noch ein bisschen ein: Brautalarm oder die Tina Fey/Amy Poehler-Filme, Francis Ha…Wo ich dir aber zustimme, ist, dass ich das Gefühl habe, es wird eher weniger als mehr. Die 90er fand ich da ziemlich stark auch mit Jugend/ High Schoolfilmen wie Clueless oder kennt jemand noch den großartigen „Der Hexenclub“ auch mit Neve Campbell? Da gab es meinem Eindruck nach sogar noch mehr Diversität (z.B. Club der Teufelinnen mit drei großartigen Nicht mehr 20jährigen Schauspielerinnen).

  3. Ich mag ja gern Science Fiction und hätte gern mal eine Raumschiff-Crew, die zu 50% aus Frauen besteht … (ohne dass diese Tatsache dann thematisiert wird)

  4. Pingback: Blogparade: Wie würde dein eigener Film aussehen? – Frau Margarete

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