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„Hey, wir bekämpfen hier den Welthunger.“ – Diäten für Männer sind nicht wie Diäten für Frauen

Rob Rhinehart, 22jähriger Softwareentwickler aus Kalifornien hat eine Idee. Er bastelt herum, dieses Mal nicht im Keller, sondern in der Küche. Heraus kommt Soylent. Weil sich gute Ideen von jungen Softwareentwicklern in den USA einfach durchsetzen, schafft die anschließende Crowdfunding-Kampagne ihr Ziel (750.000 Dollar). 20 Millionen Venture Capital fliegen hinterher. Aber dieses Mal geht es nicht um Virtual Reality oder die nächste große App. Es geht um Nahrungsergänzungsmittel.

Wer eine Frau ist und brav auf die größtenteils auf sie getrimmte Werbung in Zeitschriften, Fernsehen und Apotheken achtet, weiß natürlich, wie der Hase läuft. Nahrungsergänzungsmittel heißt Diätpulver. Was die Mutter einer Guardian-Autorin zu der Aussage „Oh, so etwas wie Slim Fast.“ veranlasste, als ihr die Tochter vom neuen Supergetränk erzählte. Diätpulver sind eine Riesenindustrie. Die Mittelchen haben meist relativ unspektakuläre Bestandteile. (Das Ursprungssoylent bestand zum größten Teil aus Sonnenblumen und Reisstärke, inzwischen gibt es die 2.0 Version mit Algenirgendwas. ) Diese sind aber natürlich so gemixt, dass es sich trotzdem um etwas Revolutionäres handelt. Das neue Pulver. Das, was wirklich die Pfunde purzeln lässt.

Soylent hat seine Revolution woanders gefunden. Es ist kein Diätpulver. Der Drink und seine Nachahmer (Nestlé ist auch in der Entwicklung.) sind Wissenschaft. Deshalb schreibt über Robs Unternehmen auch nicht Brigitte oder Cosmopolitan, sondern Quartz. Und alle reproduzieren die schöne Entwicklerstory. Rob ging es nicht darum, sein Bauchfett loszuwerden. Er wollte herausfinden, ob man festes Essen so ersetzen könnte, dass es günstiger ist als der Ursprung. Mehr Menschen versorgt. Einfacher wird, weil man nur trinkt. Weil keiner mehr kochen muss. So viel Zeit, die frei wird. Zeiteffizienz und Kosteneffizienz und besser für den Körper sowieso. Im Selbstversuch hat er es gleich ausprobiert, damals 2013, 30 Tage nur mit Soylent. In manchen Artikeln findet man auch die Angabe, dass er sich seit 2 Jahren nur davon ernährt. Magazine wie Vice Motherboard zogen nach und testeten ebenfalls. So wurde es schnell zum beliebtesten Essensersatz im Silicon Valley.

Dem es nicht um Körperoptimierung sondern um „beauty instead of vanity“, um die Befreiung des Körpers (von der Geißel der Nahrungsproduktion?) und um „efficiency not austerity“ geht. So steht es im Brand Book zur Marke. Soylent mag Bedürfnisse adressieren (Gewicht verlieren, gesünder leben) wie andere Mittel auch und eigentlich genauso konsumiert werden (flüssiges Ersetzen des „normalen“ Essens). Und will doch ganz anders sein. Weil die Techindustrie es liebt. Die Entwickler, die jungen Start-Up-Typen. 1o Minuten Sandwich-schmieren-Zeit gespart bedeutet eine Zeile mehr Code. Und schlank macht’s auch. Kapitalismus trifft Körperoptimierung – die perfekte Symbiose. Oder ist es andersrum, wird Soylent von der Techindustrie geliebt, weil es eben keine Diät ist? Diäten machen Frauen. Statt sich blöde Sprüche über seinen Shaker anzuhören, kann man mit Soylent nicht nur schlank und gesund, sondern auch Teil einer Vision werden.

Wenn man im Silicon Valley etwas werden will, sind Visionen eine notwendige Sache. Soylents geht so: auch wenn man im Moment noch teurer ist als ähnliche Produkte, will man auf lange Sicht mit 5 Dollar am Tag einen Menschen nur mit Soylent ernähren können. Und das würde wirklich helfen – bei der Bekämpfung des Welthungers. Abgesehen davon, dass man sich als Unternehmen kleinere Ziele stecken kann, ist das natürlich super. Wir wissen ja schon, dass Nestlé sich an Wasser in Flaschen in Entwicklungsländern dumm und dämlich verdient. Und das hat ganz viel nichts geholfen bei der Versorgung der Bevölkerung mit sauberem kostenlosem Trinkwasser. (Moment, wer war das noch, der gerade auch ein ähnliches Produkt wie Soylent entwickelt?) Da wird ein Nahrungsersatzmittel sicher nicht dazu führen, dass Kleinbauern ihre Preise nicht mehr durchsetzen können. Aber ich weiß da nicht so gut Bescheid. Ich bin ja kein kluges Silicon Valley-Start Up mit Weltverbesserungsanspruch.

Mit Abnehmen hat es auf jeden Fall nichts zu tun. Soylent kann nicht primär zum Abnehmen gedacht sein, weil es fast genauso viele Kalorien enthält wie festes Essen, argumentieren manche.

Man reduziert also nichts. Was für jeden Diätdrink gilt. Man kann immer so viel trinken, dass man seinen Kalorienbedarf nicht reduziert. Man macht es aber nicht. Weil es a) ecklig ist und man irgendwann nicht mehr trinken, sondern nur noch in Schwarzbrot beißen will oder b) Gewicht verlieren möchte. Das Einzige, was bei Soylent fehlt, ist der Beipackzettel, der genau erklärt, wie das mit der Gewichtsabnahme geht. Deshalb schreiben Shape und Men’s Health darüber und wer „Gewicht verlieren mit Soylent“ eingibt, findet eine Menge Foren. Abnehmen ist in der Männerfitnessindustrie eher ein notwendiges Nebenprodukt. Deshalb spricht man vom Eiweißgehalt wie in Ernährungsplänen zum Muskelaufbau. Noch gilt das Fitnessmantra: Frauen verlieren Gewicht und Männer werden muskulöser. 1990 wurden im Journal of Eating Disorder Zeitschriften für junge Männer und junge Frauen analysiert. Frauenzeitschriften enthielten 10,5 mal mehr Werbung, die Gewichtsverlust thematisierte. Männerzeitschriften warben mit Muskelaufbau und Veränderung des Körpers. 


Diäten – endlich auch für Männer? Ja, bitte, aber nicht in der peinlichen Frauenversion. Und ich habe noch einen weiteren Verdacht. Mit der neuen Vermarktungsstrategie können auf lange Sicht prima Männer und Frauen angesprochen werden. Mein Eindruck: längst verstecken auch viele Frauen den Shaker. Das Ziel des Gewichtsverlustes sollte nicht zu offensichtlich sein. Lieber ist man fit und gesund. Klar gibt es die obligatorische Bikinidiät, durch die man sich quält. Aber eine Diät zu machen ist nicht mehr so schick wie in den 80ern. Zeigt sie doch den vorangegangenen Exzess. Und hallo, wer gebildet ist und sich ein bisschen mit gesunder Ernährung auskennt, der weiß doch, dass man seinen Körper zu pflegen hat. Da gibt es keine Exzesse. Im Brand Book liest sich das so: „Soylent is not an indulgence, yet the decision to drink Soylent is not one of self-denial.“

Dumm nur, dass die Ansprüche an den Körper nicht weniger werden. Die Vermännlichung der Diät kann sie wieder schick machen. Weil sie mit einer Verwissenschaftlichung einher geht. Also eigentlich ein ganz alter Hut (Mann=Kultur, Frau=Natur). Was modern (Start Up/Silicon Valley/ Ein Ende dem Welthunger!) anmutet, manifestiert einen der oldest tricks in the book. Ein zu Soylent befragter Ernährungswisschenschaftler findet übrigens: gut ist das nicht. Die jungen Männer sollten doch einfach kochen lernen. Ja, das wäre was. Aber für Kochen hat man eben keine Zeit als high-aiming-high-achieving-Start-Upler. Außerdem kochen, das ist doch auch nur was für Frauen, oder?

Foto: flickr – Steve Rotman – CC by 2.0

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8 Kommentare

  1. Wiebke sagt

    Schade, kurz hatte ich mich mal im Text auf Diätwerbung für Männer gefreut. So wogende **** in der Hose am Strand und neben dran ein Mops aber wird wohl nichts wegen Wissenschaft.

  2. Diät für Männer – mit Pülverchen und Wasser – ist nix Gutes, sondern verstärkte Entfremdung.
    Wenn wir den heute gebrauchten Diätbegriff mit „Schonkost“ übersetzen, wird der Weg zum Verständnis von Diät als gesunde Lebensweise und Lebensführung – das bedeutet Diät eigentlich und ursprünglich – frei.
    Dann können auch Männer kochen und müssen nicht mehr nur auf den Grill aufpassen. Nahrungszubereitung geht aber auch – für beide Geschlechter – ganz ohne Feuer und Hitze, mit fermentierten Lebensmitteln. Vielleicht spart ma dabei keine Zeit, vieleicht gewinnt man damit aber Zeit, weil man älter wird?

    • Bin absolut davon überzeugt, dass Männer alles können, was Frauen auch können, sogar kochen. 🙂 Mit fermentierten Lebensmitteln habe ich mich noch nie beschäftigt. Bin nicht ganz sicher, ob die Start-Up Kultur das so cool fände wie Pulver.

      • Von ein paar fundamentalen „Dingen“ abgesehen, könnten die m/w Fähigkeiten gleich verteilt sein – oder gleicher.
        Rund ums Kimchi gibt es hier und da sogar ein paar „startups“, eher regional und nicht so im großen Maßstab. So lange man Lebensmittel mit lebenden ‚Kulturen anbieteten will, ist das nicht für industrielle Maßstäbe geeignet.
        Fermentieren – nach Laune, Vorliebe – kann aber ein schönes Hobby sein. Wenn die soylent-Fraktion pulverisiertes Sauerkraut anbieten will (Möglich wäre so etwas vielleicht, es gibt ja auch Trockenhefe) braucht sie allerdings noch zahlende Kunden – könnte auch sein, dass es die gibt.

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