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[Gelesen] Mädchen für alles

Charlotte Roche ist wieder da. Im Gepäck hat sie Christine, Mutter einer kleinen Tochter im Babyalter & verheiratet mit Jörg, sitzt sie in einem teuren Designerhaus & hadert mit ihrem Leben, das zur Zeit sehr von der Entscheidung für das Muttersein geprägt ist. Der Job war ihr zu anstrengend geworden, die beste Freundin auch beruflich an ihr vorbeigezogen.

Die bisherigen Besprechungen, die ich gelesen habe, bei SPON und anderswo stellen insbesondere diesen Aspekt, also die Verhandlung der Mutterolle in den Vordergrund & kommen zu keinem besonders positiven Urteil. Das ist einerseits verständlich, Roche betont das Muttersein (und den amerikanischen Serienkonsum) der Hauptfigur in Interviews selbst. Da ist sie clever: Mutterbild & Vereinbarkeit sind die Themen du jour.

Und doch verwundert mich nach der Lektüre, dass soviel Augenmerk auf das Muttersein der Hauptfigur gelegt wird. Die Tochter Mila kommt nämlich so gut wie nicht vor. Christine interagiert nicht mit ihr, agiert nicht als Mutter & reflektiert mindestens so viel über die Vergänglichkeit von Frauenfreundschaften wie über das Muttersein.

Mädchen für alles als Beitrag zum Mutterdiskurs zu sehen, ist wie Rainer Calmund als Ernährungsexperten einzuladen, weil er „glutenfrei“ aussprechen kann. Das Lustige an der Sache: es stört beim Lesen nicht im Mindesten. Ok, kurzzeitig war auch ich irritiert: Wie bitte kann man ständig schlafen & das Leben nach dem eigenen Rhythmus fahren mit einem Baby im Haus? Das ist weder besonders nachvollziehbar noch repräsentativ. Aber das Haus-Familie-Ding ist eben der Rahmen für einen ziemlich typischen & wenn man mich fragt, ziemlich gelungenen & unterhaltsamen Charlotte Roche – Roman. Man taucht tief ab in den Kopf der Hauptfigur & hat Lesevergnügen an ihr. Wenn man sich einlassen will. Natürlich gibt es auch diesmal wieder die Ekel- und Sexszenen, denn, wie sagte die Autorin erst kürzlich im Interview mit dem Stern, hier hätte sie schließlich einen Ruf zu verlieren. Das muss man mögen. Wer die anderen beiden Romane mochte, wer Roches Stil mag & ihren Figuren, die immer etwas weltentrückt verrückt sind, etwas abgewinnen kann, der wird auch Mädchen für alles gern lesen. Mir ging es so & es hat keine drei Tage gedauert, bis ich durch war.

Mutterpflichten würden auch nur stören beim Abtauchen in Christines Kopf, in ihre kruden Gedanken, die aber oft erhellende Reflexionen über den Status Quo unserer Welt mit sich bringen. Habt ihr auch eine Kiste mit den ganzen fehlgeschenkten Gutscheinen, die man eh nie einlöst?

Das titelgebende Mädchen für alles ist übrigens eine Studentin, die als Haushaltshilfe & Babysitterin engagiert wird. Und ja, hier gibt es ein paar lesbische Szenen. Ein paar, nicht alle paar Seiten, wie manche Buchbesprechung vermuten lässt. Der eigentliche Plot offenbart sich aber erst beim Showdown auf den letzten Seiten, wenn sich vorher fast überlesene Hinweise zusammenfügen. Auch eine Stärke des Romans & viel spannender als die Frage, wer die Breiflecken wegmacht oder ob nun bi oder hetero. Leseempfehlung.      

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8 Kommentare

  1. Katha M. sagt

    Ich mag deine Buchbesprechungen und werde es wohl mal probieren. Obwohl ich von Charlotte Roche bisher nur den Film zu Feutchgebiete kenne.

  2. Deine so positive Rezension spricht mich durchaus an – ich mag deine Art zu schreiben sehr 🙂

    Generell tue ich mich schwer mit Autoren um die so ein Hype gemacht wird, ich habe auch Feuchtgebiete nicht gelesen oder gesehen. Doch dieses Buch hier könnte ich mir vorstellen zu lesen, ein Roman darf ruhig etwas rumspinnen und auch eklig und auch realitätsfern sein… Hauptsache der Inhalt unterhält mich.

  3. Ich verstehe dieses Roche- Bashing auch nicht. Ich fand „Schoßgebete“ fantastisch, und an „Feuchtgebiete“ werde ich mich wohl nie herantrauen. Bei „Mädchen für alles“ habe ich bisher nur die Leseprobe gelesen. Ich finde aber sie schreibt fesselnd und ehrlich und ich werde mir das Buch wohl kaufen. Es gibt wenige, die so ehrlich und witzig schreiben wie Roche.

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