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[Gelesen] Girl on the Train – Mädchen im Zug

Anfang des Jahres las ich einen englischsprachigen Artikel, der eine Liste lesenswerter Bücher mit starken Heldinnen enthielt. Ich finde ihn nicht mehr, vermutlich war es im Guardian. Auf der Liste stand auch The Girl on the Train von Paula Hawkins. Ich entschied mich erstmal für Only Ever Yours von Louise O’Neill (auch zu empfehlen.) & Girl on the Train geriet in Vergessenheit. Hätte ich mich anders entschieden, hättet ihr hier eine Besprechung vor dem ganzen Hype lesen können, denn mittlerweile ist der Roman/ Thriller/ Kriminalgeschichte Stammgast auf allen Bestsellerlisten.

Gerade habe ich die letzte Seite zugeklappt (äh, weiter geklickt) & ich mochte das Buch. Es war nicht das Spannendste oder  Bestgeschriebenste, was ich jemals gelesen habe, es ist keine hohe Literatur, aber es liest sich flüssig & spannend. Insofern passte es gut in die letzten Wochen, in denen mir oft nach Zerstreuung war. Auch wenn das Thema, dazu komme ich noch, mich schon gefangen genommen hat.

Girl on the Train ist rätselhaft & fesselnd & wie es sich für ein ordentliches murder mystery gehört, wird der wahre Täter am Ende mit einer unerwarteten Wendung enttarnt. Der Grund, warum ich jetzt nicht vollkommen jubiliere, ist, dass ich es kommen sah. Ich hatte nach 50 Seiten eine ziemlich konkrete Idee, natürlich ohne mir vollkommen sicher zu sen. Ein bisschen wie beim Tatort, wenn man genau weiß, dass der bekannte Schauspieler mit zunächst kleiner Rolle noch irgendeine Bewandtnis haben muss.

Das mag daran liegen, dass ich ein wenig vorbelastet bin, was Kriminalgeschichten angeht. Lange Zeit war Rebecca von Daphne du Maurier eines meiner Lieblingsbücher und im Studium habe ich drei Semester lang Literaturkurse belegt, die so ziemlich alles von Agatha Christie & Sherlock über Dashiell Hammett oder Raymond Chandler bis zu feministischen Kriminalromanen abdeckten. (Wer die harten Schwestern der klassischen Hau-drauf-knapp-neben-dem Gesetz-Detektive noch nicht kennt, kann einmal bei Sue Grafton oder Sara Paretsky reinlesen.) Auch bei Girl on the Train greifen bekannte Muster wie das least likely suspect – Motiv & mehr erzähle ich jetzt nicht, damit ich niemandem das Leseerlebnis verderbe.

Das Besondere an dem Buch ist aber seine Protagonistin. Rachel ist eigentlich auch ein klassische unzuverlässige Erzählerin aber mit ein paar Wendungen. Sie ist die meiste Zeit betrunken & verbringt ihre Tage im Zug nach London. Obwohl sie bereits vor Monaten gefeuert wurde, hält sie immer noch den Schein aufrecht, täglich zur Arbeit zu müssen. Sie ist besessen von ihrem Ex-Mann, Tom & seiner neuen Frau Anna. Praktischer weise fährt sie mit dem Zug jeden Tag an ihrem Haus vorbei. Ihr Ehemann hat sie mit Anna betrogen & danach verlassen & so beobachtet sie die beiden täglich & wünscht sich ihr altes Leben zurück. Rachel ist instabil, hat Filmrisse & ist ein bisschen eine Stalkerin.

Obwohl das Buch um das mysteriöse Verschwinden einer weiteren Frau, Megan, kreist, ist es Rachel, die die Leserin am Meisten gefangen nimmt. Ihr zuzusehen hat etwas Tragisches. Nicht weil sie arbeitslos & verlassen durch ihre Tage navigiert, sondern weil sie Alkoholikerin ist. So dachte ich beim Lesen eigentlich ständig: sie hat ein richtiges Problem, sie braucht Hilfe. Echte, professionelle Hilfe.

Rachels alkoholbedingte Filmrisse weben sich in den Plot ein. Sie hat möglicherweise Megans Verschwinden beobachtet, kann sich aber nicht erinnern. Außerdem hat sie einige ziemlich scheußliche Episoden aus ihrer Ehe vergessen & idealisiert ihren Ex-Mann statt sich von ihm zu lösen. Es ist eine Abwärtsspirale, deren Zeugin man wird. Manchmal musste ich kurz inne halten, wenn sie wieder einen Drink nahm.

Girl on the Train kann ich empfehlen, weil es leicht & spannend zu lesen ist. Aber auch, weil es diese tiefere Ebene gibt, welche die Effekte von Alkoholismus vor Augen führt. Die Zerstörungskraft & Verletzlichkeit, wenn langsam klar wird, dass Antworten nicht auf dem Flaschenboden zu finden sind. Das, was mich die Seiten hat umblättern lassen, war nicht nur die Frage nach Megans Verschwinden, sondern Rachel, die voller Schuld, Selbstzweifel & Selbstmitleid immer an der Schwelle zur kompletten Selbstsabotage steht. Was die Autorin Paula Hawkins sehr gut macht, ist diese Rachel als unzuverlässige Erzählerin zu konstruieren, die die Leserin in ihren Bann nimmt.

Und am Ende, in einer wirklich guten letzten Szene, wird genrekonform nicht nur Megans Verschwinden aufgeklärt, sondern auch die Leserin nicht ohne Hoffnung für Rachel entlassen.

Foto: flickr – Jeff Fenton – CC by 2.0

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2 Kommentare

  1. Antje Ippensen sagt

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    Wow, super Rezi – selten eine so gute gelesen. Ich verfolge den Hype um „GotT“ auch und war skeptisch; jetzt kann ich das Buch viel besser einordnen. Die Rezi besticht vor allem durch ihre Klarheit.

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