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Gastbeitrag: Fleabag ist die beste Serie, die 2016 niemand gesehen hat

Serien sind super. Ganz am Anfang liebte ich Clarissa, dann schaute ich selbstverständlich Beverly Hills und Melrose Place, es folgten Sex and the City, Roswell, The O.C. oder Gilmore Girls. Zuletzt habe ich Good Girls Revolt in einem Rutsch durchgeschaut und bin immer noch sauer, dass keine zweite Staffel in Auftrag gegeben wurde. Und jetzt, wie weiter? Meine fabelhafte Gastautorin weiß Rat. Sie hat eine Serie für uns entdeckt, die bisher völlig zu Unrecht unter dem Radar lag. Und das ist ihr Text dazu. 

Ich liebe Furzwitze. Fäkalhumor ist etwas, was mich mehr zum Lachen bringt, als es ein „kluger“ Witz jemals könnte. Es passiert durchaus, dass ich bei Filmen, wie etwa Deadpool oder Bridesmaids Tränen lachen muss. Viele Menschen scheinen schockiert, wenn sie meine Begeisterung für „unreifen Humor“ entdecken. Ich dachte, das läge daran, dass ich recht ruhig wirken kann, wenn ich neue Menschen kennenlerne. Oder daran, dass ich generell wohl sehr brav wirke. Das ist sicher mit ein Grund, aber ich glaube, es liegt auch daran, dass ich eine Frau bin.

Man gesteht Frauen immer noch nicht ganz zu, auch mal vulgären Humor zu haben. „Das ist doch nicht schön, diese Witze.

Wenn Ana nicht gerade Serien für uns ausgräbt, schreibt sie ganz wunderbare Texte auf ihrem eigenen Blog. Dort geht es um „alles, was Gefühle in ihr auslöst. Weil es manchmal leichter ist, in die Unendlichkeit des Internets zu brüllen, als seinem Gegenüber zu erzählen, was man gerade denkt.“ Unbedingt vorbeischauen!

Das ziemt sich nicht, solche Wörter in den Mund zu nehmen. Das ist doch alles so grauslich.“ Was zuerst wie ein Kompliment klingt („Frauen sind zu edel und fein, um über Furzwitze zu lachen!“), hat eher etwas von Bevormundung. Indem man Frauen abspricht, Spaß an solchen Dingen zu haben, kann man auch leichter argumentieren, warum man sie etwa in reinen Männerrunden nicht dabeihaben will. Die Mädels sind ja zu zart für den rauen Umgangston, der da herrscht. Langer Rant, kurzer Sinn: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich mal einen guten, ein bisschen vulgären Film sehe. Richtig begeistert bin ich, wenn es dann auch noch Frauen in der Hauptrolle gibt, die zeigen, dass das „holde Geschlecht“ nicht nur edel und grazil ist. Sondern auch versaut, manchmal eklig oder schlichtweg einfach nur geil. Weil wir eben Menschen sind und keine eindimensionalen Charaktere, die sich 14jährige Jungs in ihren feuchten Träumen ausdenken.

Und oh mein Gott, hier hat mich Fleabag (Hier könnt ihr den Trailer ansehen.) begeistert. Fleabag ist die Selbstbezeichnung der Hauptdarstellerin, die sich als Cafébesitzerin in London mehr schlecht als recht durchschlägt, ihre vermögende Schwester aber nicht um Geld bitten will, weil ihr Verhältnis angespannt ist. Gleichzeitig hat sie mehrere Liebhaber am Start, aber keiner von ihnen berührt sie emotional wirklich. Was sie hingegen berührt, ja Wunden bei ihr geschlagen hat, ist der Verlust eines geliebten Menschen. Aber keine Sorge, Fleabag ist kein Ich-brauche-Taschentücher-Chick-Flick, das sich hinter zwei lahmen dreckigen Witzen versteckt. Es ist eher das, was die Serie Girls für mich niemals sein konnte: Fleabag schmeißt mir einzelne meiner zahlreichen seltsamen Eigenschaften um die Ohren, aber immer mit einem Lächeln, so dass ich nie wirklich beleidigt bin, um mir dann zum Schluss den Boden unter den Füßen wegzuziehen und mich mit einer meiner größten Ängste zu konfrontieren.

Um einen kitschigen Kraftklub-Song falsch zu zitieren: Ich könnte hier noch seitenweise erzählen, und hätte immer noch nicht mal annähernd gesagt, wie toll Fleabag ist. Deshalb beschreibe ich einfach die fünf Momente, die bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Keine Sorge, ich spoilere nicht.

  • Die Taxifahrt am Ende der ersten Folge. Wie Fleabag in ein paar Sätzen dem Taxifahrer erklärt, warum sie traurig ist, warum sie leidet und wen sie vermisst: Das hat mein Lächeln aus dem Gesicht geweht. Aber der nächste Moment, den Triumph in ihren Augen zu sehen, weil sie jemandem einen Streich gespielt hat: Das passte nur zu gut mit den harten Gitarrenklängen des Outros zusammen und ließ nur einen Gedanken zu: „Was für eine Badass Bitch!“.
  • Die Tampon-Szene im Supermarkt. Der Satz „Just buying these for my tiny bleeding vagina.“ brachte mich dermaßen zum Lachen, dass ich mir seltsame Blicke von meinem Gegenüber eingehandelt habe. Und dann ist diese Szene noch dazu eine gewiefte Kritik an der Sexualisierung von Frauen, die doch verflucht noch mal auch dann noch attraktiv sein sollen, wenn sie aus einer Körperöffnung bluten.
  • Fleabag und ihre Schwester verbringen ein gemeinsames Entspannungs-Wochenende, bei dem ein Schweigegelübde abgelegt und geputzt wird. Eine Männergruppe besucht im Hotel nebenan ein Seminar, bei dem sie den respektvollen Umgang mit weiblichen Kolleginnen/Vorgesetzten/Frauen lernen sollen. Während die Frauen schweigend Hausarbeit verrichten um Achtsamkeit zu lernen, schreien die Männer Gummipuppen Schimpfworte entgegen. Großartig und entlarvend.
  • In der gleichen Folge werden die romantischsten Worte gesprochen, die JEMALS jemand in einer Fernsehserie gesagt hat. Ernsthaft. Ich werde sie hier nicht schreiben, weil es gespoilert wäre. Aber ich zahle jedem einen Kaffee, der mir romantischere Worte im Fernsehen zeigen kann, als die, die der Bank Manager über die Wünsche für seine Frau spricht.
  • Die letzte Folge und der Satz „I thought it’s a café for guinea pigs“. Alles, was in dieser Folge passiert, hat sich in meinen Kopf und mein Herz eingebrannt und obwohl ich zuerst schockiert und überrascht war, bin ich jetzt versöhnt. Weil es so nah dran ist an dem, wie das Leben nun mal ist. Es ist kein Happy End, es ist keine Tragödie. Es geht einfach weiter.

Die beste Nachricht kommt zum Schluss: Fleabag gibt es ab heute endlich auch auf Amazon Prime bei uns. Ich musste mir noch eine DVD-Box aus UK bestellen.

Seht euch die Serie allein an, um zu erkennen, dass ihr nicht wirklich allein seid. Schaut sie euch mit Freundinnen an und findet heraus, wie auch sie sich selbst darin wiederfinden werden. Seht sie euch aber vor allem mit euren Dates an. Je nachdem, bei welchen Szenen sie lachen, könnt ihr entscheiden, wie ernst sie euch nehmen.

Foto: youtube-Trailer

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7 Kommentare

  1. Merle sagt

    Super, Freitag gerettet. Jetzt kann ich mich drauf freuen, was ich heute Abend machen werde.

  2. Die will ich hören, die romantischsten Worte, die jemals in einer Serie gesprochen wurden. Ich hole mir mein Eintrittsgeld zurück, wenn es nicht so ist. Wenn es jedoch zutrifft, liefere ich dir ein Gedicht ab, ein erzromantisches, ernsthaft und zugesagt.

  3. Pingback: Durchgeklickt: Die besten Beiträge im Januar 2017 – Frau Margarete

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