Job & Vereinbarkeit
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Führt den 9 bis 5 Tag wieder ein?

Alle reden von Flexibilität, vom Recht auf Homeoffice, vom Auflösen starrer Strukturen in der Arbeitswelt. Ich auch. Letztes Jahr schrieb ich über das Homeoffice. Auch wenn der Text nicht nur jubelnd ist, zitiere ich mich mal selbst:

„So lange wir immer noch so tun, als müssten wir alle von 9 bis 5 an den Maschinen stehen und die Knöpfe drücken, weil sonst nichts läuft obwohl viele Tätigkeiten orts- und maschinenunabhängig ausführbar sind, wird sich wenig ändern.“

Also her mit den neuen Modellen: Vertrauensarbeitszeit, Zeitkonten, Heimarbeitsplätze, die eigentlich Überall-Arbeitsplätze sind. Zeitliche Flexibilität ist das Zauberwort. Ich arbeite dann, wenn es reinpasst – nach meinem eigenen Rhythmus. Das ist nicht nur der globalisierten Wirtschaft & dem selbstbestimmten Individuum würdig, sondern auch besser für die Unternehmen. Schließlich macht es keinen Sinn, den Nachtkreativen um 8 Uhr an den Schreibtisch zu zwingen. Nebenbei klappt es so auch noch mit der Vereinbarkeit- tada, da ist es – das große Wort. Wie bei den vielgelobten Schweden. Oder? Vor einiger Zeit blieb ich bei einer interessanten Radiodiskussion hängen, zum Nachhören gibt es sie hier. Da unterhalten sich ein Arbeitsforscher und ein Soziologe über Arbeit 4.0 und der Soziologe sagt: „Nun gut, es gäbe eben Berufe, da geht es nicht anders als mit unmöglichen Zeiten.“ Und findet als Beispiel den Systemadministrator (Pflegeberufe fand er wohl nicht nahe liegend genug). „Moment,“ sagt der Arbeitsforscher „Systemadministratoren arbeiten nicht überall wie selbstverständlich bis in die Nacht. In Schweden zum Beispiel gehen sie auch um 18 Uhr nach Hause. In Frankreich auch“. Mhm.

Das passt zur Geschichte eines deutschen Kollegen, der eine Position in der schwedischen Niederlassung übernahm & in den Fettnapf trat, als er eine Besprechung bis 17:30 Uhr ansetzte. (Er dachte übrigens, er hätte sich mit dem frühen Ende schon super assimiliert.) Die schwedischen Kollegen & Kolleginnnen auf jeden Fall ließen ihn sehr höflich wissen, dass sie um diese Uhrzeit alle die Kinder abholen. Alle. Zur fast gleichen Zeit. Nun arbeiten die Schweden ja sowieso nur 38 Stunden in Vollzeit, wenn ich mich richtig erinnere & es ist nicht unüblich abends noch eine Stunde im Homeoffice dran zu hängen. Ja,ja, da franst es wieder aus, es ist nicht alles Gold im Land der Elche. Täglich 8 Stunden plus im Sinne des Büros  kommen auch hier gut zusammen.

Aber das Beispiel mit dem nach der Stechuhr nach Hause gehenden Systemadministrator, ohne dass Schweden in die Steinzeit katapultiert wird, hat sich trotzdem ein bisschen in meinem Kopf festgesetzt & kommt mir immer in den Sinn, wenn ich Dinge lese wie Schluss mit 9 to 5, schafft die Büros ab. Dass flexible Zeitstrukturen den ArbeitnehmerInnen zu Gute kommen, scheint gesetzt. Natürlich ist ein 9 bis 5 Tag im Büro starr & durchgenormt – mit wenig Spielraum. Außerdem kann nur mehr selbstverständliches Arbeiten außerhalb des Büro  gegen die deutsche Präsenzkultur helfen. Der Idee, dass Arbeitnehmer nur effektiv im Sinne der Firma agieren, wenn man sie sieht & vor sich hat. Egal, ob sie gerade bei Facebook sind oder tatsächlich am neuen Projekt arbeiten.

Aber trotzdem verschieben sich Grenzen, wenn man immer & überall noch kreativ & produktiv sein könnte. Eine Verschiebung zum ergebnisorientierten Arbeiten – weitgehend unabhängig von erbrachter Zeit – heißt eben auch, man macht so lange weiter bis die Sache erledigt ist. Eher selten bedeutet es, auch mal aufhören zu können, wenn man etwas früher zu Ende bringen konnte.

So gut & notwendig Flexibilität ist, neue Arbeitsstrukturen sollten beiden Seiten zu Gute kommen. Und mit unserem Anspruch an Flexibilität verändern wir nicht nur unser eigenes Leben. Mit einem durchgenormteren Arbeitsalltag, bräuchten wir dann noch den Supermarkt, der bis 23 Uhr offen hat oder den Rund-um-die-Uhr Service bei der Reinigung? Ich bin mir nicht sicher, auf welche Seite ich mich final schlage. Aber das uneingeschränkte Lob der Flexibilität macht mich misstrauisch. Wie so oft drängt sich die Frage auf: Wer klatscht in wessen Interesse Beifall?

Foto: flickr – Seattle Municipal Archives – CC by 2.0

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6 Kommentare

  1. Ich sehe das auch zuweilen kritisch. Zum Beispiel auch das schöne „wer mit seiner Arbeit fertig ist, kann Urlaub machen, wann immer er will“. Hätte in meinem Fall bedeutet: nie, da ich allein für meinen Bereich zuständig war und Arbeit entweder vorgearbeitet wurde (= zwei Wochen Urlaub heißt vorher zwei Wochen doppelter Stress) oder liegen blieb.
    Ich habe übrigens lange für eine schwedische Firma gearbeitet. Da war auch nicht alles ideal. Wir hatten zum Beispiel immer Abgabetermine in den Weihnachtsferien, weil die Schweden nicht verstanden haben, dass wir da üblicherweise frei haben. (Dafür lief in Skandinavien den ganzen Sommer über nichts.)
    Andererseits hat sich bei uns eine junge Mutter von der Grafikerin zur Produktchefin bis zur Geschäftsführerin hochgearbeitet – letzteres sogar alleinerziehend. Das passiert hier wohl eher selten.

    • Das kenne ich auch, für viele Positionen wird einfach gar kein Back Up mehr eingeplant. Und deine Schwedenerfahrung ist auch sehr spannend. Ich denke, dass mich über kurz oder lang ein Arbeitsalltag, wo alle alles gleich machen, auch stören würde. Ich habe das in Frankreich erlebt, wo die Option weniger als 35h zu gehen (und schnell wiedereinzusteigen) kaum existiert. Klar ist Kinderbetreuung besser & das Mutterbild nicht so verfestigt, aber ich habe auch noch nie so viele junge Eltern Schlafmittel & Wachmacher wie Bonbons im Büro essen sehen. Also die Wachmacher, die Schlafmittel dann abends zu Hause :-).

  2. Ein Thema, das mich auch sehr beschäftigt. Ich, als Mutter, habe nur einen Minijob, auch hier wird Flexibilität erwartet. Überhaupt ist es der Hammer, du suchst einen Minijob und denkst dir blauäugig, dass das für eine gutausgebildete Frau kein Problem ist. Weit gefehlt. Man staunt nicht schlecht, wenn man sieht, das Firmen qualifizierte Arbeitskräfte suchen (mit Studium) und man dann für die 450 EUR auch noch 15 Stunden arbeiten soll.

    Ich glaube, dass Flexibilität so ein Marketing-Wort ist für: arbeite mehr als du musst, aber wann es dir passt – bei ständiger Erreichbarkeit. Wenige Firmen leben das Thema Flexibilität und auch home office, es bleibt immer ein komischer Beigeschmack.

    • Ja, ja – da hilft auch der kluge Ratschlag „sich nicht unter Wert zu verkaufen“ nicht wirklich weiter, den konnte ich eine zeitlang echt nicht mehr hören. Zumal man dann gern überrascht wird, auf wie viele „frechen“ Angebote sich doch immer noch genug bewerben, die auch verzweifelt sind.

  3. Bettina sagt

    ich muss immer an „Romeo und Julia“ denken, das wäre sicher lustig……….Julia spricht ihren Text in der Nacht, weil sie tagsüber ihr Kind betreut und Romeo morgens schnell vor dem Frühstück, weil er ins Büro muss …… 😀

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