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Dürfen die das? – Das ZEIT Magazin für den Mann

Ich habe jetzt doch zugegriffen beim neuen ZEIT Magazin Mann. Chefredakteur Christoph Amend hatte mich zu neugierig gemacht, als er im Deutschlandradio verkündete, er hätte den Verdacht, dass sein Magazin nicht nur von Männern gelesen wird. Sondern auch von Frauen, die sich für Männer interessieren. Zeitgleich wurde das Heft in den Feuilletons – nun, sagen wir mal – von spöttisch bis ironisch besprochen. Auf Twitter machte man sich mit #pimmelzeit lustig.

Es wabberte eine Aura aus leicht genervtem Augenverdrehen um das Heft.
Muss das sein, noch mehr Stereotype auf Hochglanzzeiten? Oder: Brauchen denn Männer jetzt auch noch eine eigene Zeitschrift? Im besten Fall eine Fashionbibel für Hipster und Vollbartträger, im schlimmsten ein trauriger Auswuchs der „Und was ist mit den Männern?“ – Rufer.

Ich war vielleicht ein wenig voreingenommen. Und Amend machte es mit seinem Kommentar nicht besser. Man stelle sich die Chefredakteurin der Cosmopolitan vor, die wie selbstverständlich davon ausgeht, dass Männer sie lesen. Weil Männer sich selbstverständlich für Frauenthemen interessieren. (Eine US-Befragung identifizierte übrigens tatsächlich einmal ein Viertel der Leserschaft als männlich, aber das nur am Rande.)

Es fiel mir also ein bisschen schwer, das Heft möglichst unvoreingenommen durchzublättern und nicht nur mit der kritischen Geschlechterbrille. Ah, Ethan Hawke erzählt von seinen Vorbildern und es ist auch eine Frau darunter. Oh, eine Kolumne zum männlichen Körper. Aber es geht ums Tanzen und nicht um Gewicht und Muskeln. Mhm, wenn Frauenzeitschriften prominente Geschlechtsgenossinnen portraitieren, ist da aber viel mehr Haut auf den Fotos und viel weniger nachdenkliche Blicke oder Gesichts-Close-Ups wie bei Christoph Waltz. Und ganz so alt dürfen die Frauen dort auch nicht sein. Oder hier – die obligatorische ironische Brechung der eigenen Themen –  wenn mit Elisabeth Raether eine Frau den Porsche Probe fährt und darüber berichtet.

Außerdem spielt das Magazin mit 8,50 Euro eindeutig in der Vogue-Liga. Das passt auch zu den 20 Seiten Werbung, durch die man sich blättern muss, bis man den ersten redaktionellen Beitrag findet. Ordentlich konsumieren soll der Leser also – von Uhren über Parfum bis zu vielen Hosen, Kastenmänteln und lässigen Umhängetaschen in Erdtönen (zu tragen maximal mit Dreitagebart, Hipstergesichtsvorhang ist out).

Aber je mehr ich las und blätterte, desto mehr fühlte ich mich gut unterhalten. Während ich mich zunächst wunderte, dämmerte mir kurz darauf, dass ich mich mit dem Heft ganz wohl fühlte, weil es mir bekannt vorkam.

Anstatt männliche Spezialinteressen zu kultivieren wie kicker (Das Runde muss ins Eckige.), beef (Echte Männer brauchen Fleisch!) oder Men’s Health (Bauchmuskeln in 5 Minuten), wurde hier versucht, ein Portfolio einer männlichen Lebenswelt aufzumachen. Im ZEIT Magazin denken Männer über das Altern nach, über Beruf und Berufung und erstaunlich selten über Frauen und Kinder. Sie spielen Fußball, machen Wein, philosophieren und erzählen von ihrem Handwerk. Man mag dieses Mannseins lächerlich finden, aber der gleiche Ansatz einer Lifestyle-Sammlung (natürlich plus Familie und Kinder) findet sich von jeher in Frauenzeitschriften. Und die kenne ich. Sie versuchen, einen ähnlichen Mix zu bieten.

Männerleben werden gern in Kategorien eingeteilt. Sie sind im Büro – am Grill – oder beim Sport (neuerdings auch Sonntags auf dem Spielplatz oder 4 Wochen in Elternzeit). Frauenaktivitäten denken wir eher kategorieübergreifend: Kochen kann Haushaltspflicht und Hobby sein, im Büro sind wir trotzdem Mutter, modisch interessiert und ein unkomplizierter Kumpeltyp. Die Leben von Frauen sind voller, die von Männern scheinen strukturierter in ihren Schubladen (auch weil Frauen ihnen dies oft ermöglichen).

Hieraus (und aus einem originären Konsuminteresse) ergibt sich die Denke eines bunten Lifestyle-Mixes in Frauenzeitschriften. Ein künstlicher natürlich, der oft wenig mit Realitäten zu tun hat. Aber eben doch etwas anderes ist, als die Spezialinteressen, für die Männer ihre Magazine haben. Deshalb liegen diese im Kiosk auch nicht unter der Rubrik Männerzeitschriften (im Gegensatz zu den Frauenexemplaren) sondern bei den Oberkategorien Hobby, Kochen oder Fitness.

Mir drängte sich ein Gedanke auf. Vielleicht wurde das ZEIT Magazin Mann in den letzten Wochen manchmal reflexartig belächelt, weil es eigentlich ziemlich nah dran ist an einer Frauenzeitschrift. Ein dankbares Opfer für Spott. Nicht, weil es tief in die Klischeekiste greift. Sondern, weil es beinahe feminine Züge hat. Ein Lebenswelt-Lifestyle-Magazin für den Mann. Ja, das dürfen Männer heute. Ob sie das lesen wollen, können sie ja selbst entscheiden.

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7 Kommentare

  1. Ich finde es vollkommen okay, wenn ein Mann das lesen will. Warum auch nicht? Ich lese ja auch sinnlosen Lifestyle. Die Frage ist allerdings: Warum müssen Lifestyle-Magazine überhaupt geschlechtsgebunden sein? Interessant ist ja auch, dass die strikte Geschlechtstrennung erst in der post-pubertären Zielgruppe anfängt – während sich Teenager noch allgemein auf die Bravo einigen können (oder konnten – wie schlecht sind deren Zahlen aktuell?).

    • Da würde ich dir widersprechen, Mädchen lesen Bravo Girl oder Mädchen und Jungs die Comics. Und es geht sogar früher los, wenn Mädchen Lilifee und Mia and Me lesen und Jungs die Ninjago (Lego) und Kinderzeitschriften.

      • Aber war das früher auch schon so? Ich kann mich erinnern, als Kind die Micky Mouse Hefte gelesen zu haben. Erst später kam dann die Wendy. Und die Micky Mouse war ja eher geschlechtsneutral? Ist das heute schon fix eingeteilt in Jungen- und Mädchenzeitschriften?

        • Gefühlt ist die Geschlechtertrennung im Kinderbereich in den letzten 30 Jahren schon sehr viel deutlicher geworden (Stichwort: Rosa-Hellblau-Farbe). Klar, es gibt immer alles. Mir ging es drum, dass sich die Trennung nicht erst nach der BRAVO findet, sondern bereits früher im Lesealter. Ob man dann mit 8 mit Mickey Mouse anfängt oder mit 10 mit Wendy ist sicher individuell.

          • Ich bin ja noch nicht in dem Alter, in dem ich Zeitschriften fürs Kind kaufe – ich spreche noch aus meiner eigenen Kindheit. Ich habe die Wendy, die Bravo Girl und die Bravo gelesen. Aber ich habe auch mit Puppen und mit Autos gespielt.
            Aber was früher geschlechtsneutral war, ist anscheinend heute Jungskram, weil es nicht rosa ist.

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