Leben & Lesen
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Dieses Meinungsstück hat keine Meinung und es ist ihm auch noch egal.

Den ganzen Tag überlege ich an einem Text hin und her, springe immer wieder zum Laptop und recherchiere los, aber er materialisiert sich nicht. Jetzt ist hier kein Text, aber ein voller Kopf. Ein Kopf voller Meinungen.

Da geht mir ein Licht auf. Dieser Text, um den geht es nicht. Um Meinung geht es. Ich muss endlich auch wiedermal ein Meinungsstück schreiben. So schwer ist das nicht. Die meisten Menschen haben eine Meinung zu allem und Internetmenschen sowieso.

Welche meiner vielen kontroversen Positionen soll es denn werden? Kontrovers sollte sie sein, sonst lohnt sich die Meinung nicht. Am Ende wäre meine Meinung noch überflüssig, weil es sich um allgemeinen Konsens handelt oder – noch schlimmer – um gesunden Menschenverstand.

Während ich die Möglichkeiten durchgehe, beschleicht mich die Frage nach Relevanz und Legitimation meiner Meinung. Der Fluch der Selbstreflexion. Weg damit.

Wenn ich so richtig meinungsstark meine Position darlege, wird man mir zustimmen, entschieden widersprechen oder kurz Titel und Anfangssätze überfliegen, um sich dem nächsten Tab, Facebookmention oder mitlaufenden Fernseher zu widmen. Letzteres der häufigste anzunehmende Fall.

Natürlich würde ein Meinungsstück mir die Recherche ersparen. Schreibt sich so weg. Die Zeiten, in denen Meinungen eine gewisse faktische Basis haben sollten, sind vorbei. Womit nur noch die Wortanzahl zu meistern wäre. 500 sollten es schon sein. Eine kurze Meinung ist nicht viel wert. Das sieht aus, als hätte man nicht richtig etwas zu sagen. Oder das Thema wäre einem nicht wichtig genug. Es muss schon ein wenig Fleisch an die Empörung.

Meine im Gehirn verfügbaren Meinungen sind allerdings leider zu kurz für 500 Wörter („Grünkohl gehört nicht in Getränke.“) oder zu lang („Das Intro von House of Cards ist der beste Serienvorspann aller Zeiten.“) Die Meisten sind sowieso nur Ausdruck eines momentanen Gefühls. („Beyoncé nervt, spätestens seit sie ihre Fitnessklamottenlinie herausgebracht hat.“). Aber ich habe ja versprochen, die Selbstreflexion wegzulassen.

Ich habe einfach trotzdem Worte Richtung Worddatei geworfen, wie es sich für ein ordentliches Meinungsstück gehört. Und hier ist sie, meine verworrene und schlecht strukturierte Meinung zu Meinungen.

Worum es beim Schreiben nämlich geht, ist Authentizität und Meinungsstärke. Fragt mal, das sagen sie alle. So macht man sein Produkt einzigartig. Ach, das Produkt bin übrigens ich. Man darf sich dabei in bester Gesellschaft fühlen. Gilt nämlich auch für Journalisten. Die heißen jetzt Fixpunkte und locken die Leser*innen mit Wörtern nur noch wie Venusfliegenfallen, bis sie sich dem unwiderstehlichen Schreiber-Ich nicht mehr entziehen können. Dann sind wir alle ein bisschen Buzzfeed und unsere heimatlosen Inhalte flattern frei durch die Stratosphäre auf der Suche nach Menschen, die uns haben und im besten Fall auch Essen kaufen wollen.

Ja, erwischt. Ihr seid nämlich nur hier, weil ihr mein Frühstück auf Instagram gesehen habt und jetzt eine unterschwellige Verbindung fühlt, weil wir beide Toast hatten. Das ist ok. Mit diesen 598 Wörtern habt ihr nun 4,5 Minuten eures Lebens an ein Meinungsstück ohne Meinung abgetreten. Hoffentlich hattet ihr nebenbei den Fernseher an.

Foto: flickr – Transformer18 – CC by 2.0

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6 Kommentare

  1. Daniela R sagt

    Der nächste Schritt wäre dann zum DADA überzugehen. Ich schick Dir da mal eine Anleitung per Instagram.

  2. Susanne sagt

    So ganz komme ich nicht mit. Ist der Sinn von Kolumnen nicht gerade, dass sie persönlich und subjektiv sind? Fakten gibt es dann eben woanders. Ich lese lieber Texte von jemanden, bei dem ich das Gefühl habe, ihn als Person greifen zu können.

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