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Die globale Geschäftsfrau, die das Sex Tape nicht los wird – Kim Kardashian auf den zweiten Blick

E s war einmal ein Kalifornier, der hatte eine gute Idee. Er nutze seine bereits vorhandene Bekanntheit und die seines Businesses, um eine App zu entwickeln. Die App wurde ein Riesenerfolg und spielte einen neunstelligen Betrag ein. Ja, die Geschichte haben wir schon ein paar Mal gehört. Aber dieses Mal ist der Kalifornier eine Kalifornierin. Und die heißt Kim Kardashian.

Ihre im Sommer vergangenen Jahres gelaunchte App Hollywood nimmt die Spielerin mit bei dem Versuch, selbst ein Star zu werden. Durch In-App-Käufe werden die eigenen Chancen verbessert. Sie kletterte in Rekordzeit bis auf Platz 2 der Apple Downloadcharts. Anfang diesen Jahres folgte ihre Emoji-App.

Denkt man an eine kluge und erfolgreiche Geschäftsfrau, denkt man nicht zwangsläufig an Kim.

Dabei ist die App nur ein kleiner Teil ihres Lifestyleimperiums, das mittlerweile auf 500 Millionen Dollar geschätzt wird (von der Modekollektion, über Schönheitssalons, Düfte und Schmuck bis zu Diätpulver, Nagellack oder Selbstbräuner…um nur einige zu nennen). 2015 Untitled2nahm sie die TIMES als „first lady of #fame“ in ihre 100 Most Influential People – Liste auf. In der Kategorie Titans (Titanen) steht sie neben Chanda Kochhar, Direktorin der größten indischen Bank und Tim Cook, dem Apple-Chef. Die Tatsache, dass sie mehr Geld mit öffentlichen Auftritten verdient, als mit ihrer Reality Show ist Ausdruck ihrer Popularität – und ihrer Allgegenwart. Und doch bevölkern herabsetzende Kommentare über Kims vermeintlich fehlende Intelligenz, ihre langsame Sprechweise oder ihr Aussehen das Internet. Ihr Name ist auch zehn Jahre nach Erscheinen immer noch mit einem Sex-Tape verknüpft, dessen Veröffentlichung sie nie zustimmte. Rob Lowe, Usher, Hulk Hogan und Colin Farrell hatten Sex Tapes, die sich ordentlicher Berühmtheit erfreuten. Den ungeliebten Film nennt aber nur bei Kim Kardashian ein Drittel aller Artikel, als würde er ihre Persönlichkeit am Besten definieren. Dass Kims als Geschäftsfrau nicht anerkannt wird, mag auch an der Eigenpräsentation liegen. Man kann ihr das konsequente Nachschieben von Pobildern und Halbnackt-Selfies vorwerfen. Das erklärt aber nicht den Reduzierungswahn in der Berichterstattung. Schließlich ist der wirtschaftliche Erfolg einer Person sonst eine gern genommene Messgröße, nach der wir Respekt und Anerkennung vergeben.

Es muss mehr dran sein an dieser Frau. Nicht alle Kalifornier entwickeln erfolgreiche Apps. Und nicht jede Frau in einer Reality Show, die Haut zeigt, verdient 500 Millionen Dollar.

Warum Kim polarisiert, ist leicht auszumachen.

Sie ist laut und unbescheiden. Nicht zuletzt aufgrund ihres öffentlichen Lebens glaubt man sie zu kennen. Eitel bis narzisstisch ist sie. Und ziemlich exzentrisch. Kim kalkuliert den Skandal und tut nicht viel dafür, um eine nichtstreitbare Person des Internet zu sein. Ihr berühmtes PAPER-Cover von 2014, auf dem sie eine Champagnerflasche auf dem Po balanciert, erinnerte an die Darstellung afro-amerikanische Frauen und ihrer Körper als unterwürfig und triebhaft-animalisch. Der begleitende Hashtag UntitledBreak the Internet zeigte das Ziel der Aktion. Ihr in einer Gesellschaft, die konsequent Aussehen und Eigeninteresse belohnt, Narzissmus vorzuwerfen, scheint aber zumindest ein wenig scheinheilig. Und angesichts unseres Starkults zu beanstanden, dass Prominente nur aufgrund ihrer Leistung berühmt sein sollten, ist ziemlich drollig. Trotzdem liest man immer wieder, Kim sei nur famous for being famous, also berühmt fürs Berühmtsein. Genauso wie Paris Hilton, einstige Busenfreundin und angebliche Inspirationsquelle. Getrieben von Paris Erfolgen, so geht die urbane Legende, beschloss auch Kim, ein Star zu werden. Der Neid hatte sie ergriffen. Jaja, welch stärkeren Erfolgswillen kann es bei Frauen geben, als den Wunsch, eine Konkurrentin auszustechen? Hier billigt man Kim gern unternehmerischen Weitblick zu.

Unsere Faszination für Prominente gründet auf Äußerlichkeiten, auf ihren Beziehungen zu anderen und auf ihrer Fähigkeit, die Öffentlichkeit zu fesseln. Darum findet man zum Beispiel Angelina Jolie spannend, unabhängig von ihrem humanitären Engagement. Die trug übrigens auch einmal das Blut ihres Ehemannes um den Hals und ließ die Gerüchte um lesbische Beziehungen, Sex unter Hinzunahme der Messersammlung und ein inzestuöses Verhältnis mit dem Halbbruder am Anfang ihrer Karriere unkommentiert.

Die Medien orchestrieren zu können, gehört zum Prominentenstatus.

Dass die Medien sich leiten lassen, muss dem aber nicht zwangsläufig folgen. Artikel, die einen anderen Zugang zu Kim Kardashian suchen, finden sich kaum. Natürlich kann man sie dafür kritisieren, dass sie ihren Sexappeal und ihr Aussehen konsequent zu Geld macht. Mir wäre es auch lieber, die Zeilen würden mit etwas anderem gefüllt als der Frage, wie sehr ihr letzter Instagrampost gephotoshoppt war.

Im gleichen Atemzug könnte man aber anerkennen, dass sie hart arbeitet und Social Media Trends wie kaum eine andere aufnimmt und für sich benutzt.  Gelten lassen, dass sie sich damit durch eine Cleverness auszeichnet, die man nicht Intelligenz nennen muss. Die aber bemerkenswert ist. Dann könnte man überlegen, wie sie die ganzen Firmen lenkt, die in ihrem Namen Geld verdienen. Wie viele Meetings sie wohl besucht, wie viele Strategiepapiere sie diskutiert, kurzum wie viele Businessentscheidungen sie wohl tagtäglich neben der Outfitentscheidung trifft. Und so den Fokus verschieben.

Oder man könnte über Kims leisere Töne berichten. Wie ihr Interview, in dem sie begann zu erzählen, dass sie nie wirklich über Rassismus nachgedacht hat aufgrund ihres privilegierten Aufwachsens – bis zur Geburt ihrer Tochter. Da hätte man nachfragen können. Aber das letzte Selfie war spannender.

Die Lautstärke ihres Äußeren macht sie nicht nur selbst.

Kim ist keine Beyoncé, die gesellschaftliche Fragen geschickt mit Kommerz verwebt. Sie ist keine feministische Ikone, vermutlich nicht einmal ein Vorbild. Aber ist es so schwer den Gedanken zuzulassen, dass ihre unbestrittenen Erfolge auch auf unternehmerischem Scharfsinn und persönlichen Fähigkeiten beruhen müssen?

Eines ist sicher. Bei Kim Kardashian lohnt sich ein zweiter Blick, wenn man beim ersten Mal nur die aufmerksamkeitsverliebte Prominente mit dem Sex Tape sieht.

Foto: flickr – Derrick Glynn – CC by 2.0

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7 Kommentare

  1. Hmmm… ich bin ganz ehrlich, ich sehe das kritischer. Wo ich Kim durchaus Geschäftssinn und Ehrgeiz zusprechen muss, sind zB ihre Boutiquen, die sie schon hatte, bevor sie wirklich berühmt war. Aber die App zum Beispiel? Ich glaube nicht, dass sie da wirklich selbst für gearbeitet hat. Und dass sie auch ansonsten eher für sich arbeiten lässt. Klar, da gründet sich meine Meinung sicher auch auf dem Bild, das ich von ihr habe. Was ich sagen will: Ich glaube, man sollte sie nicht unterschätzen aber auch nicht überschätzen.

    Ich finde es lobenswert, dass du aufforderst, nochmal über Kim nachzudenken. Sicher steckt viel mehr in ihr als wir von außen glauben. Allerdings… wer mit Kanye West zusammen ist, der sich nach außen noch viel exzentrischer und – äh – dümmer!? präsentiert, naja, da weiß ich auch nicht was ich davon halten soll. Muss ich ganz ehrlich sagen 😀 Beide sind einfach sehr polarisierend und es fällt mir schwer, sie zu mögen oder auch nur zu verstehen 😉

    • Verstehe, was du meinst. Ich finde sie auch nicht sympathisch und ihre Aktionen eher so naja. Aber mir kam der Gedanke. Und ich dachte, ich kann die Unschuldsvermutung, dass mehr dahinter steckt und sie nicht allein schuld sind an ihrem Bild in den Medien ja durchaus auch mal für mir von Grundauf nicht sympathische Frauen gelten lassen. 🙂

      • Dass sie nicht allein schuld ist an ihrem Image ist: definitiv! Das trifft wohl auf die meisten Promis dieser „Nische“ zu.
        Ich sehe das übrigens bei Paris Hilton im Moment eher als bei Kim. Ich finde, die hat in letzter Zeit (vielleicht auch durch ihren neuen Partner und Umzug in die Schweiz) eine Entwicklung durchgemacht und wirkt jetzt oft ganz anders.
        Und was den ganzen Britneys, Lindsays, Christinas & Co angedichtet und nachgesagt wurde, was nachhaltig ihr Image geprägt hat, da braucht man nicht drüber reden. Das trifft sicher auch auf Kim zu. Ich denke nur, dass Kim doch einen größeren Anteil an ihrem Image hat als manch andere 😉

    • Friederike sagt

      Moin…

      Genau das ist die Definition von Unternehmertum: Ideen haben, Marktchancen erkennen, das richtige Team auf den Weg bringen, die passenden Kanäle richtig bespielen. Selbst wenn das hochbezahlte Unternehmens- und Marketingberater.innen für sie übernähmen, wäre Kim die Unternehmerin, die das Geld ganz oben sahnig abschöpft und noch mehr Vermögen ansammelt, als die Berater.innen. Und sie ist durch eigenes Tun die Marke, die die ganzen Geschäftstätigkeiten trägt.

      Du bemängelst die Inszenierungen von Kanye West. Ähnlich wie bei Bohlen sind sie Teil des Verkaufspotenzials. Nicht immer planbar, aber intuitiv gut inszeniert. Relativ viele erfolgreiche Musiker.innen haben eine öffentliche Persönlichkeit, die bestimmte Aspekte weglässt. Das kann ganz profan sein: Right Said Fred singen ihre wenigen 90er-Jahre-Hits nur gegen sehr viel Geld. Sie mögen die Musik nicht wirklich, eigentlich gehen sie mehr Richtung Jazz und so. Privat. Im Kommerz sind sie der Coole und der Offenere und hampeln sehr professionell zu Halbplayback herum, halten sich in Form. Lilo Wanders lässt den Imagewechsel mit „weniger trutschig“ sein, weil der Stil nunmal ihr Markenzeichen ist. Eigentlich war „Lilo“ nur eine kleine Figur für ein paar nette Abende im Schmidttheater. Aber dann war sie erfolgreich. Huch…

      Welche Rolle die Medien bei der Inszenierung spielen fand ich sehr eindrücklich in den Wochen nach Michael Jacksons Tod. Er war ja quasi der personifizierte, Kindern viel zu zugewandte Peter Pan, der ein Weißer werden wollte. Wie anders dann die Rückblenden. Auf einmal konnte es auch andere Zudammenhänge und viel mehr Menschluchkeit geben. Und: Keine Ahnung, welche Version nun näher an seiner Realität war. Die Medien bestimmen Tonfälle und Wahrnehmung. Und das sehr leicht. Und vielleicht rücksichtslos. Erfolgreiche Promis, die sich als Person vermarkten, tun also ohnehin gut daran, damit abgebrüht umzugehen. Manche, wie Lady Gaga, scheinen sich dazu sogar mit ihren Fans verbünden zu können und zwei Images zu pflegen: Das in der Regenbogenpresse und das „real me“ mit den Fans. Jüngstes Beispiel: CR7.

      Gute Unternehmer.innen beherrschen dieses Spiel mit den Feuern. Denn sie schützen dabei ihre persönliche Integrität und nicht weniger als ihren Seelenfrieden hinter der Projektionsfläche „Image“. Auch Menschen, die vielleicht durch narzistische Eigenheiten erst besonders qualifiziert sind, als Person eine Marke zu werden. Oder gerade die.

      Just my two cents…

  2. Julia sagt

    Schön geschriebener Text und neuer Gedanke. Auch wenn ich Frau Margarete zustimme :-).

  3. Ich muss gestehen, dass wenn ich irgendwo was von den Kardashians lese, dass ich dann ganz schnell weiterblättere. Der Erfolg der Clique, wer mit wem, wer von wem abstammt, ich blicks nicht und es ist lange zeit sehr an mir vorbeigegangen und scheinbar nur das mit den Nacktbildern durchgesickert. Jetzt war ich aber neugierig, was du über sie zu schreiben hast und war echt erstaunt, dass sie eine App gelauncht hat und als so einflussreich gilt. Man wird eben doch schnell ein Opfer von Vorurteilen, selbst wenn man meint sich viel damit zu beschäftigen und ansonsten zwei Mal hinzuschauen.

  4. Pingback: Halbnackte selbstbestimmte Frauen in Musikvideos gibt’s jetzt auch in der Mutti-Version | makellosmag

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