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Die Europameisterschaft lässt mich kalt

Das Endspiel der 2006er Weltmeisterschaft verbrachte ich auf einer ziemlich leeren Autobahn. Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet und war auf dem Nachhauseweg. Also hörte ich Fußball im Radio und fühlte mich ein bisschen wie im Wunder von Bern. 

Fußball hat mich immer schon eher so mittel interessiert. Länderspiele fand ich aber doch spannend oder zumindest so interessant, vielleicht sogar relevant, dass ich sie mir angeschaut habe. Dieses Mal aber, lässt mich Fußball komplett kalt. Mein Desinteresse hat sich auf meine Umwelt übertragen. Das Kind hat trotz Indoktrinierung im Kindergarten und festverankerter Sammelleidenschaft null Lust, die REWE Fußballkarten auszupacken. Obwohl wir das Album vermutlich schon voll hätten.

Es gab Zeiten, da bevölkerte ich enthusiastisch die Fanmeile. Heute ärgere ich mich nur über die Straßensperrung. Vielleicht liegt es an der Europameisterschaft an sich. Der Enthusiasmus scheint allgemein nicht so um sich zu greifen. Ich habe noch kein Auto in komplett schwarz-rot-gold gesehen und gestern schien Karstadt sehr verzweifelt, als sie Trikots (Auch mit 30€ – Gutschein!) an die Frau bringen wollten.

Ich könnte ein paar schöne Gründe finden, wieso Fußball gar nicht geht. Die Klassiker: Sexismus, Nationalismus, Kapitalismus. Tatsächlich befremdet mich ein nationales Spektakel angesichts einer zerbrechenden europäischen Idee, die einmal eine Friedensidee war. Natürlich ist es total gemein, dass sich niemand so für die Fußballfrauen interessiert und die Spieler viel zu viel Geld verdienen. Was auch an der gesellschaftlichen Relevanz liegt, die wir der Sache zuschreiben. Und erst neulich wohnte ich einem Fußballspiel von pubertierenden Jungs bei, die sich während des Spiels umarmten und immer wieder auf den Po klatschten. Um sich nach dem Spiel mit breitem Grinsen gegenseitig als „Homos“ zu beschimpfen. Und immer noch alle ordentlich heterosexuell in der Nationalmannschaft… Der Grund, warum ich das Spiel sah, war übrigens der Wunsch der Tochter, Fußball zu spielen. Der Verein in der Nähe nimmt auch schon ab 4 Jahren, aber nur Jungs. Sie haben keine Frauenfußballabteilung. Was ich nicht als Problem sah, denn wir reden ja über Kinder. War aber eines. Jetzt spielt sie Hockey auf dem Feld nebenan. Und häusliche Gewalt nimmt auch zu, wenn die eigene Mannschaft spielt.

Das wäre alles richtig, aber das ist es nicht. Ehrlich gesagt ärgert mich an den Spielen gerade am Meisten, dass es 2 Stunden dauert, sich eine Pizza liefern zu lassen. Fußball ist mir so egal, es motiviert mich nicht einmal zu gesellschaftskritischen Analysen. Dies ist nicht einmal ein „Ich bin cooler als die anderen.“ – Text, wie wenn ich Indie höre und ihr Justin Timberlake. Insbesondere, weil ich ja diejenige bin, die Justin Timberlake hört.

Vermutlich ist die Sache ganz einfach. Vermutlich ging es mir damals beim Fußball sowieso mehr um Feiern und das Essen. Und Lebensmittel mit industriellem Käsepulver drauf oder Grillgut habe ich inzwischen anderweitig gut in meinen Alltag integriert. Mit zunehmendem Alter, wird mir Fußball einfach egaler. Angucken wäre ok, aber es kümmert mich immer weniger. Ging mir schon ein wenig beim ESC so in diesem Jahr. Ich bemerke übrigens, dass mich mit fortschreitender Lebenszeit viele Dinge weniger kümmern. Das ist eine gute Sache.

Euch allen viel Spaß heute Abend. Ich gucke Netflix, endlich mal wieder ohne Ruckeln und vor 21 Uhr, weil ihr ja alle anderweitig beschäftigt seid und ich mir mit niemandem meine Bandbreite teilen muss.

Foto: flickr – Valerie – CC by 2.0

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18 Kommentare

  1. Wiebke sagt

    Finde ich ja lustig, dass das Kind Fußball spielen will aber sich nicht für die EM-Karten interessiert. 🙂

  2. Jule sagt

    Ich schaue gern Fußball, auch Bundesliga und so. Mich ärgern die Frauen, die nur Interesse vorheucheln bei „wichtigen“ Sachen wie EM und WM. Die sich dann die Fingernägel in den Farben machen lassen und das bauchfreie Trikot anziehen, um dann auf einmal ganz interessiert zu sein. Da denke ich immer, hab doch den Mumm zu sagen, interessiert mich nicht oder nur die Party aber dann immer so mit Pseudowissen glänzen wollen ist echt peinlich. Genauso nervig wie diese großäugigen „Was ist nochmal Abseits?“ Fragen. Viele Stereotype über Frauen und Fußball macht unser Geschlecht auch herzlich gern selbst. Das lässt mich nicht kalt.

    • Da habe ich wenig Erfahrung mit. Muss aber gestehen, ich horche bei solchen Analysen immer auf. Frauen werden schon genug aufeinander gehetzt, oder? Hast du mal mit den Frauen geredet, die dich so ärgern? Das macht ja manchmal ein ganz anderes Bild und man sieht Outfit und Art dann in einem anderen Licht.

      • Jule sagt

        Ich habe tatsächlich noch keine großen Gespräche geführt. Sehe das aber so: Ich muss nicht zwangsläufig alle Frauen als Konkurrentinnen sehen, das meintest du ja sicher, aber auch nicht alle Frauen gut finden und mich mit ihnen auseinandersetzen müssen, weil sie Frauen sind. Bei manchen gönne ich mir auch einfach meine vielleicht sogar unbegründete Ablehnung.

    • Hana Mond sagt

      Tatsächlich schaue ich ausschließlich Länderspiele, in denen Deutschland spielt (und auch da nix regelmäßig). Der Grund: Wenn einem egal ist, wer gewinnt, ist so ein Wettbewerb ja totlangweilig … und ich habe keine präferierte deutsche Mannschaft. Ich habe mich schon immer gewundert, woher man so seinen Lieblingsverein bekommt, wenn es nicht die eigene Stadt ist …
      Wenn, dann tatsächlich auch gern mit flaggenfarbigen Fingernägeln. Macht einfach mehr Spaß. Gelegenheits-interessiert zu sein muss nicht vorgeschoben sein, das kann man auch ganz ernsthaft 😀

      • Jule sagt

        Ok, ok, ich denke mal drüber nach. 🙂 Das ist ja das Schöne an Blogs wie diesem, im besten Fall bekommt Frau korrigierende Denkanstöße. Schönen Tag euch beiden!

  3. Daniela R sagt

    Mir geht es ganz genauso. Fußball? Null Interesse. Auch meine Jungs würden nur gucken, wenn es dann Chips und Co gäbe. Da es das aber nicht gibt, schauen sie lieber YouTube. Und die diversen Supermarkt-Sammelkarten lehne ich trotz verwirrter Blicke immer dankend ab.
    Ich hoffe eigentlich nur, dass dieses EM ohne Zwischenfälle so schnell wie möglich sicher vorbeigeht

  4. Mich kratzt Fußball null, aber das auch schon eine halbe Ewigkeit. Ich fand das schon als Kind sterbenslangweilig, anderen beim Sport zu zu gucken und das hat sich seitdem nicht geändert. Dazu geht mir der spontan überzogene Nationalismus zu EM und WM noch auf den Geist, aber vor allem verstehe ich bis heute nicht, was daran spannend sein soll, anderen bei einem Sport zu beobachten. Klar kann es Spaß machen, z.B. selbst Fußball zu spielen, aber das Zuschauen finde ich immer witzlos.
    Na ja, ich schließe mich dann einfach auch lieber der Netflix-Idee an 😀

    • Das geht in ihrem Alter ganz gut, weil sie sich schnell für was anderes begeistern lässt. In dem Hockeyteam (welches gemischt ist) sind auch mehr Mädchen, das hat ihr dann besser gefallen als irgendwo die Einzige zu sein. Was im Grunde genommen unendlich traurig ist, denn hier geht es los und wo hört es auf?

  5. Ich hatte mir fest vorgenommen, dass Fußball mich nicht interessiert, aber dann haben wir im Freundeskreis wieder unser Tippspiel angefangen. Da hat man dann einen Grund zu gucken. Wobei ich ja lieber mit den „Underdogs“ mitfieber (meine Lieblinge: Irland, Wales, Island)… aber selbst mit dem Tippspiel ist es mir relativ egal. Mein Freund ärgert sich den ganzen Abend über das Ergebnis. Ich schaus mir halt und und denke „Ok, gewonnen“ oder „Ok, verloren“. Mehr nicht.

  6. Friederike sagt

    Wie… Nicht mitspielen können mangels Mädchenteam?? Da waren die 1980er ja voll progressiv. Mitspielen bis 12 war normal. Bis 14 mit Sondergenehmigung. Der Hausarzt war etwas verwirrt, wie er mir die körperliche Tauglichkeit dafür attestieren sollte. Da gab es ja so gar keine Zweifel… Das Team wäre ziemlich aufgeschmissen ohne mich im Tor. Also ließ er mich 10 Kniebeugen machen und kritzelte was Unleserliches mit meinem Namen (leserlich) auf einen Zettel mit seinem Praxisaufdruck…

    Anekdoten aus der guten alten Zeit.

  7. Meine Tochter, 6 spielt mit Unterbrechungen seit bald 2 Jahren Fußball. Mädchen in der Mannschaft ging bislang immer und überall. In der Grundschule sind Mädchen und Jungen doch auch im Sportunterricht nicht getrennt!
    Meiner Tochter macht es allerdings auch nichts aus, irgendwo das einzige Mädchen zu sein, im Gegenteil. Dass die Fußball-Frauen nicht mit so viel Fan-Getöse gefeiert werden wie die Männer, stimmt sie allerdings etwas nachdenklich. Sie möchte lieber ein Mann werden, damit sie später im Fußball auch die gebührende Achtung geschenkt bekommt. Jetzt suche ich gerade nach weiblichen role models, die ebenso wie die männlichen Fußball-Stars starke Emotionen, Sympathien, Mut, Zusammenhalt und Arbeit an sich selbst vermitteln können. Ob Sportlerinnen oder was anderes, egal. Damit ein Mädchen, auch wenn es sich für Ballsportarten, Technik, Werken interessiert, sich dennoch darauf freuen kann, später Frau sein zu dürfen.

    • Ja, Vorbilder sind so wichtig. Und man braucht man auch mehrere, weil sie sonst als Ausnahme wahrgenommen werden und nicht als tatsächliche Möglichkeit, das selbst werden zu können. Deshalb hilft auch das Alibimädchen bei den „5 Freunden“ nicht wirklich. Wünsche uns allen, dass wir starke Mädchen und Jungs begleiten können.

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