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Das Taschentuch von Usain Bolts Mutter

Wenn das Kind etwas Großes leistet, kann man sich als Mutter einer Sache sicher sein: Man wird befragt nach der eigenen Zauberformel. Mit dem Versprechen auf welches Haustier wurde der kleine Beethoven so zuverlässig zum Klavierunterricht angehalten und von welcher Marke war eigentlich Goethes erster Füller? Nun, diese beiden Geheimnisse des Good Parenting werden wir leider nie erfahren. Nicht, weil niemand da war, um die Fragen zu stellen. Sondern weil diese beiden Mütter – wie viele andere im 18. Jahrhundert – früh an etwas starben, was man heute allgemeine Erschöpfung (gern gepaart mit Schwindsucht und anderen Scheußlichkeiten) nennen würde. Soviel zum Thema Vereinbarkeit.

Heutige Mütter haben es vermutlich doch ein wenig einfacher und können sich von Zeit zu Zeit richtig freuen. Über die Leistungen ihrer Kinder. Und dazugehörige Fragen. Die Idee der Fragenden von Erziehung ist eine einfache: Kind auf, richtige Erziehung rein und unten raus kommt zum Beispiel ein Olympiasieger, wenn Mama alles richtig macht. (Väter, die auch Fiebergesichter gekühlt haben, scheiden hier irgendwie aus und werden eher selten befragt. Es scheint ihnen am mystischen Band zu fehlen.)

So ergangen ist es jüngst der Mutter von Superleichtathlet und Schon-wieder-Olympiagewinner Usain Bolt, die kürzlich im CNN-Studio saß. Die Autorin der Gesellschaftskritik in der ZEIT widmet sich in dieser Woche dem Interview und stellt Erschreckendes fest. Mama Bolt mag erziehungstechnisch nicht ganz falsch gelegen haben, hat aber doch grundsätzlich als Mutter etwas falsch gemacht. (Mhm, vielleicht doch nicht eine erschreckende, sondern eher sehr bekannte These zur Mutterschaft.)

Auf die Frage, was sie ihrem Sohn nach der Karriere wünsche, antwortete sie nämlich: „Ich hoffe, dass er zur Ruhe kommt, heiratet und eine Familie gründet.“ Die Autorin ist empört. Damit, so lässt sie uns wissen, sei „der Beweis erbracht, dass jede, wirklich, jede Mutter den Coolness-Faktor ihrer Kinder wenigstens um die Hälfte reduziert.“

An dieser Stelle weiß man irgendwie schon, dass es nicht um Kinder, sondern um Jungs geht. Denn Mütter und Mädchen dürfen sich zwar im besten Freudianischen Sinn in der Pubertät ordentlich verfeinden aber nachher wieder Freundinnen werden. Nur Söhne, die in die Welt hinaus gehen, um Mammuts zu jagen, müssen sich vom verweichlichenden Einfluss der Mutterbrust lossagen. Sonst endet das Böse, das wusste schon die griechische Antike.

Wenig überraschend sieht die Autorin das auch so: „In besonderer Weise gilt das für Söhne, die ja eh schnell in den Verdacht geraten, unter dem Matriarchat zusammengefaltet zu werden.“ Usain Bolts Mutter hätte, „das Taschentuch rausgeholt, leicht raufgespuckt, Mund vom Gör abgewischt. Und schon bleibt der Raketenmann auf der Erde.“ Nun kann ich mich nicht daran erinnern, dass Frau Bolt ihrem Usain in Rio mit seiner Zahnbürste oder einer frischen Unterhose auf dem Track nachgelaufen wäre. Leise fragt man sich zudem, welcher Wunsch der Autorin lieber gewesen wäre? Heiße Partynächste mit so vielen Stripperinnen wie er mag, um die „Rocket-Man-Pose im Bitzlichtgewitter“ weiterzuführen?

Die Autorin ist auf jeden Fall besorgt: Sanft hätte Frau Bolt den „Enkelkinder-Druck“ installiert. Um den freiheitsliebenden Sohn in die Fänge der Ehe (vermutlich gar des Matriarchats?) zu drängen, damit endlich ihre Wünsche erfüllt werden. Hören wir an dieser Stelle kurz Usain selbst zu, der 2013 in einem Interview sagte, er hätte „ganz normale Träume wie jeder andere auch: eine Familie gründen, sesshaft werden, glücklich sein.“  Auch Jennifer Bolt sagt im Interview auf Nachfrage, wie ihr Wunsch zustande kommen würde: „Weil er es mir selbst gesagt hat.“ In der ZEIT zitiert man lieber seine Aussage, dass Fußballer Wayne Rooney mit 22 zu früh geheiratet hat und malt sich aus, wie die Mütter von Böhmenmann oder Justin Bieber ihrerseits die Söhne maßregeln.

Es scheint eine vertrackte Kiste zu sein mit den Söhnen. Alles richtig machen sollte man als Mutter sowieso, das Kind liebevoll erziehen und Potentiale fördern. Aber dann bitte auch im richtigen Moment wegstoßen, um dem lieben Kleinen nicht die Männlichkeit zu rauben. Klingt für mich ein wenig grausam. Und da haben wir noch gar nicht darüber geredet, wieso man Mütter erfolgreicher Kinder überhaupt nach ihrer Zauberformel befragt. Oder warum man Usain Bolts Mutter nicht einfach als Frau interviewt, die auch sonst etwas zu erzählen hat.

***

Disclaimer: Die Idee zu diesem Text wurde bei 30 Grad des Nächtens vollständig unter einer Decke (!) zusammengerollt im fahlen Lichtschein meines iPhones getippt, um das neben mir liegende Kind nicht zu wecken. Ich war schlecht vorbereitet und hatte keinen extra Sauerstoff dabei, was vermutlich zu Logiklücken führte. Dafür bitte ich um Entschuldigung, will aber noch festhalten: Zu diesem Kind hat mich meine Mutter nie gedrängt. Und die Beharrlichkeit habe ich von ihr. Sie kann über diesen Blog für Interviews angefragt werden.

Foto: flickr – gabriel seisdedos – CC by 2.0

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6 Kommentare

  1. Melanie sagt

    Vielleicht ist sie ihm als Kind immer mit dem Taschentuch nachgelaufen und deshalb ist er so schnell! Das wäre dann die Zauberformel. 🙂 Schönen Montag.

  2. Stefanie sagt

    ❤️ Ist eigentlich noch Sommerpause? Oder soll ich jetzt wieder regelmäßig vorbeikommen? 🙂

    • Mhm, wahrscheinlich ist sie vorbei, aber ich bin mir nicht sicher, wie viel Zeit in den nächsten Wochen zum Bloggen bleibt. Aber vorbeischauen lohnt sich ja immer, es gibt ja mittlerweile 277 Texte. 🙂

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