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Gelesen: Papa kann auch stillen – Das Scheitern der Anderen und die Ökonomie von 50/50

Heute, liebe Leser & Leserinnen machen wir ein bisschen Wirtschaftstheorie. Nicht gleich wegklicken! Es geht auch um die Trendthemen du jour: stinkende Windeleimer, Wer macht den Abwasch? & Wieso machen es alle anderen so viel falscher als man selbst?

Im kalten Kapitalismus arbeitet man gern mit Projekten.

So etwas wie – beispielsweise – der „Wunsch nach einer gleichberechtigten Elternschaft und Beziehung und dessen Umsetzung“. Klingt gut, oder? Was auch immer gut klingt sind kernige Formulierungen, die das Engagement aller Projektbeteiligten sicher stellen. Auf die man immer wieder während langer Step Back – Workshops (wenn wieder was im Projekt schief gelaufen ist) zurückkommen kann. Um sich auf die Sache einzuschwören. Halt so Slogans wie …mhm… „50/50 Prinzip“ oder so. Ein am obigen Projekt Beteiligter formulierte das mal so: man kommt „nicht drum herum, sich ständig auf dieses Projekt zu berufen. Es hilft, wenn man dann irgendein Motto hat, dessen man sich die ganze Zeit rückversichern kann.“

Projektrollen gibt es auch. Haben wir zum Beispiel den „Hauptelternteil“ und den „Haupternährer“, sollte man für maximalen Projekterfolg diese erstmal neu mischen. In  „Busen-Mensch“ „Schaukel-Mensch“ vielleicht.

Die maßgeblichen Projektthemen müssen generell schon in der Schwangerschaft – ähm – Projektanbahnungsphase „konsequent angegangen“ werden. Besonders talentierte Subjekte im Wirtschaftsprozess wissen außerdem, „dass Effizienz oberste Priorität hat.“

In der Wirtschaftstheorie gibt es noch ein tolles Konzept: die Prinzipal-Agent Theorie.

Egal, wer hierarchisch oben steht, es gibt immer ein Machtgefälle & eine Informationsassymmetrie. Meistens sammelt nämlich eine Partei mehr Wissen an. Dann hat man den Salat. Soll ja alles gleichberechtigt sein.

Man kann aber etwas tun, sagt die Wirtschaftstheorie. Anreizstrukturen schaffen zum Beispiel. Und Zielgleichheit bei den Parteien herstellen, um Zielkonflikte zu vermeiden. Ein Ziel könnte zum Beispiel sein, dass man sich bei der Frage „Was macht einen tollen Vater aus?“ als Mann einfach entspannt zurücklehnt. Weil andere Männer zur Geburt „Flachmänner mit in den Kreißsaal bringen“. Das sind auch die, die sich „großartig fühlen, wenn sie einen Tag die Woche am Nachmittag für ihr Kind freinehmen“. Und sich obendrein trauen, das noch vor den Ohren kritischer Autoren im Bus zu erzählen.

Für SIE wäre vielleicht ganz passend, andere Frauen in ihrer verzweifelten Existenz als überqualifizierte Minijobber „in Geschenkeläden“ anzuerkennen, die sofort alle „zweite Kinder bekommen“ & sich „in Internetforen“ mit Hilfe anderer Fehlgeleiteter der Richtigkeit ihrer Entscheidung versichern. Um dann im Vertrauen auf Gartenpartys durchblicken zu lassen, dass man sich alles ganz anders wünscht als die 70-Stunden Hausfrau- & Mutterschichten. „Inklusive der Nachtschichten, denn der Mann sei viel unterwegs und braucht seinen Schlaf, damit er im Büro fit ist.“

Das ist die Vereinheitlichung der Ziele. Reporting & Monitoring kann auch helfen. Kontrolle eben.  Super Nebeneffekt: „Es fühlt sich gut an, wenn man sich gegenseitig berichtet, was man alles gemacht hat und demnächst erledigen wird.“ Steuerungs- & Beherrschungsmechanismen kann man sich ebenfalls ausdenken. Listen & ständige, sehr lange Diskussionen – ähm – Versicherung des Projektziels böten sich an.

Oft passiert es aber, dass man trotz aller Vorsichtsmaßnahmen an den Punkt kommt, an dem der Agent nicht mehr auszutauschen ist.

Ohne ihn geht der Projekterfolg flöten. Dann ist man abhängig. Das mag keiner. Aber wenn man den Agenten jetzt austauscht, hat man sein Gesicht verloren. In diesem Fall, ist die erste Reaktion oft, sich nochmals so richtig abzugrenzen, um sich des eigenen Weges zu versichern. Da alle, die es anders machen als man selbst mit dem emanzipierten 50/50, „sich scheiden lassen“ oder mindestens „nichts mehr zu sagen haben, weil (…) zwanzig Jahre in komplett unterschiedlichen Sphären ihre Spuren hinterlassen“, ist das aber nicht schwer.

So, klingt alles sehr logisch & durchdacht, oder?

Ja ja, so dachte man sich das mit der Prinzipal-Agent-Theorie. Im kalten Kapitalismus. Zunächst. In den 80ern und 90ern. Und merkte schnell, 100% wasserdicht war es nicht. Dieses „immer wieder aufs Neue abstimmen und verhandeln“ war doch nicht alles. Irgendwas fehlte. Irgendwas musste es noch geben in Wirtschaftsbeziehungen. Der kalte Kapitalismus kam vor gut 15 Jahren drauf. Andere brauchen vielleicht etwas länger. Das Zauberwort heißt Vertrauen. Vertrauen – das ist bedauerlich unkonkret. Bedauerlich unkonkret & unberechenbar. Ein bisschen wie das Leben. Wie Beziehungen. Wie die Liebe.

Vielleicht ist das das Problem unserer Generation und nicht nur der beziehungsunfähigen Männer („zu kindisch, zu verantwortungslos, zu sehr um sich selbst kreisend (…) alle miteinander“)? Wir sind noch nicht so weit wie die Wirtschaftstheorie. Wir sagen „du nervst“ & „I love you“, weil Ich-liebe-dich schon zu nah ran kommt. Mit der Liebe, womöglich noch der romantischen Liebe, muss man in Gleichberechtigungsdiskussionen eh nicht kommen. Steht diese doch schon lange im Verdacht der Meuchelmörder der Emanzipation (Kümmermodus & falsches Vertrauen in den Partner & so) zu sein. Auch wenn man ihr bisher nichts nachweisen konnte.

Bevor die rosa Einhörner jetzt singend um den Text fliegen, sei abschließend noch erwähnt: einfach ist es nicht mit dem Elternsein auf Augenhöhe. Losgelöst im luftleeren Raum schwebt so eine Familie nicht. In Seid fruchtbar und beschwert euch! fächert Malte Welding wunderbar recherchiert die ganze traurige Wahrheit unseres Kein-Kind-Politik-Landes auf. Und endet mit:

„Das ist es eben. Man will nicht mehr zurück in die Zeit, in der man ausschlafen konnte. Die Schritte kleiner Füße, die einen aufwecken, sind das schönste Geräusch, das man je gehört hat. Aber sie wecken einen eben auf. Jenseits solcher Listen, jenseits von Kinderkacke & Karriereknick, gibt es schließlich immer noch etwas, das sich seit Anbeginn der Menschheit nicht geändert hat: Wenn man ein Kind bekommt, begegnet man seiner großen Liebe.“

Neben all dem Pessimismus & der Denkakrobatik ist das auch eine Wahrheit. Diese hat mit Liebe zu tun. Und Vertrauen.

Postskript: Der ein oder andere Leser fühlt sich vielleicht an ein Buch & seine Verfasser erinnert, die gerade durch die Medien tingeln. Ich habe den Titel gerade nicht parat, es war irgendwas mit Milcheinschuss bei Männern. Diesen Lesern sei gesagt: Ähnlichkeiten der „gewählten Beispielzitate“ mit lebenden oder toten Büchern sind nicht rein zufällig.

Foto: flickr – magw21 – CC by 2.0

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3 Kommentare

  1. Ernst sagt

    Ich bin auf Stefanie L. und Tobias S. bei EDITION F gestoßen.
    https://editionf.com/stefanie-lohaus-tobias-scholz-papa-kann-auch-stillen

    Dort zugleich auf das Bild der beiden: Das typische Bild eines Prenzl’berg-Pärchens. Doch halt, im Buch erfährt man dann, dass es für Prenzl’berg nicht mehr reicht. Und damit beginnt das, was sich auf den Foto mit dem düsteren Hintergrund bereits ankündigt: Traurigkeit.

    Also raus aus Prenzl’berg, rein in eine billigere Gegend Berlins, soll es ja geben, einkaufen bei ALDI und – hallo neue alte Spießigkeit – Kleingarten in Pankow. Keine Karriere wegen des Rückzugs in ein dogmatisiertes Privatleben (Schuld sind immer die anderen) und zugleich keine Beziehungsfähigkeit wegen der Implementierung von (überholten) Wirtschaftlichkeitsdogmen in das Familienleben.

    Ungläubig möchte man sie schütteln, die beiden Erwachsenen, ihnen zurufen, sie mögen das zulassen, ohne das menschliche Beziehungen nicht funktionieren: Vertrauen. Und sie mögen mal ein Blick auf das echte Leben werfen, auf echte Menschen jenseits ihrer Welt, in der so vieles durcheinander geraten zu sein scheint, dass es einer „Planwirtschaft“ bedarf, unter dem kalten Dogma der Effizienz natürlich.

    Doch dann kommt das: Aus dieser tiefen Traurigkeit steigt er empor, der gehobene Zeigefinger, bis über die Grenze der Anmaßung. Und wenn es keinen eigenen Erfolg zur Rechtfertigung dieses Sendungsbewusstseins gibt, dann wird kurzerhand mit dem angeblichen Scheitern der anderen argumentiert. Das ist ziemlich traurig. Und damit kommt man zum Bild zurück und hofft inständig, dass bei allem Ich und Ich etwas mehr Aufmerksamkeit als im Buch bleibt für das Kind, welches – das verlangt dann wohl das Marketing für das Buch – mit ins Bild gestellt wird.

    • Ich bin über alle Beiträge & Sichtweisen dankbar. Das Thema ist ein wichtiges & kann jede Aufmerksamkeit brauchen. Dass jemand 50/50 mal wirklich versucht & als Idee in die Welt trägt, ist prinzipiell eine gute Sache. Was mich irritiert hat, ist die Ökonomisierung der Herangehensweise. Und ich fand es schade, dass dieser Weg wohl einer ständigen Selbstvergewisserung bedarf, die nur über Abgrenzung zu Anderen (suggeriert dem Mainstream) laufen kann. Da hätte ich mir mehr tatsächliche Einblicke gewünscht.

  2. Pingback: Kann man sich ein Leben teilen? | Denktagebuch

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