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Dankbarkeit – ein leicht verspäteter Post

Es dauerte ein bisschen, bis sich ein diffuses Gefühl zu diesem Post entwickelte. Die Weihnachtszeit ist die Zeit, in der alle irgendwie nach Hause zurück kehren. Ob nun emotional oder tatsächlich physisch. Viele gehen dorthin, wo sie aufgewachsen sind.

Die Rückkehr ins Elternhaus bietet Stoff für Hollywoodfilme von dramatisch bis urkomisch.

Oder dorthin, wo die Menschen leben, die uns beim Aufwachsen begleitet haben. Spätestens wenn man Kinder hat, denkt man Weihnachten beinahe automatisch als Familienfest. (Vorausgesetzt natürlich, man hat selbst Weihnachten gefeiert.) In den Tagen vor Weihnachten bestimmte das Thema die sozialen Netzwerke. Die transportierten Gefühle waren selten positiv. Streit an Weihnachten ist beinahe vorprogrammiert. Wie im Urlaub. Gerade mit Familie ist man zu einer Odyssee durch die Wohnzimmer verdammt. Erwartungen können gar nicht erfüllt werden. Und überhaupt, trifft man sich nicht eigentlich mit Menschen, mit denen man nichts gemein hat? Die man das ganze Jahr über nicht an seinem Leben teilhaben lässt? Die Rückkehr ins Elternhaus, in die Umgebung der Kindheit, bietet nicht umsonst Stoff für unzählige Hollywoodfilme. Sie sind urkomisch – oder dramatisch.

Als Kind war mein Elternhaus einfach da. Es war ein sicherer Hafen, oft genug auch Zufluchtsort. Der verlässliche Ort, über dessen Existenz ich mir keine Gedanken machte. Wahrscheinlich macht das ein gutes Zuhause aus. Das Wissen, dass es  immer existieren wird – unterschwellig & unbewusst. So selbstverständlich, dass es einem nicht in den Sinn kommt, dass es einmal nicht da sein könnte. Deshalb kann man es auch so schmerzlich vermissen. Heimweh ist selten so tief wie als Kind. Ich vermisste noch den ganzen Raum, die vertrauten Gegenstände. Nicht nur das warme Gefühl.

Als Heranwachsende kapselte ich das Zuhausegefühl ein. Wie ein uncooler Kindergegenstand – der geliebte Teddy, den man eigentlich beim Schlafen vermisst, aber für den man viel zu erwachsen ist – habe ich es weg geschlossen. Das ist gut so. So kann die Distanz zunehmen, die man braucht, um man selbst zu werden. Das Elternhaus & oft auch die Menschen darin, findet man selten so unpassend, so weit weg vom eigenen Selbst, wie als Jugendlicher.

Irgendwann zieht man aus & lässt zufrieden alles zurück. Geht breit lächelnd in das Neue. Und kann es nicht verstehen, wenn man Jahre lang gefragt wird, ob man etwas aus dem alten Kinderzimmer haben möchte. Nichts von all diesen Dingen könnte man jetzt weniger brauchen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sich dies jemals ändern wird. Aber trotzdem blieb mein Elternhaus doch mein Zuhause. Die eigenen Studenten-WG-Zimmer & die eigene erste Wohnung ersetzen es nicht. Sie waren neue Orte, die man mit Freiheit füllte. Der sichere Hafen blieb woanders.

Das Eigene wuchs ganz allmählich. Komplett wurde es erst mit Partner & schließlich mit Kind. Ich muss fast lächeln, wenn ich überlege, wie viele spießige Aspekte ihren Teil dazu beitrugen. Das erste Service für Festtage – nicht Porzellan – aber auch nicht mehr aus dem schwedischen Möbelhaus. Ein eigener Baumständer. Schon eine Weile war mein Elternhaus nicht mehr mein Zuhause. Aber im vergangenen Jahr um die Feiertage herum, ist mir noch eines klar geworden. Mit der Rückkehr in mein Elternhaus habe ich verstanden, dass ich das alte Zuhause nicht verloren habe. Ich habe es nicht ersetzt. Es fügt sich ein. Natürlich ist es nicht der Ort, der ein Zuhause bildet. Es sind die Menschen. Es sind vertraute Stimmen & Gesten.

Wie sich Stimmen den Weg über Treppen & durch Türen bahnen, bis sie zum altbekannten Ton werden.

Die Art und Weise, wie sie klingen, wenn ich sie durch die Wände meines Elternhauses höre. Wie damals. Wie sie sich ihren Weg über Treppen & durch Türen bahnen, bis sie zum altbekannten Ton werden. Wenn ich an der Stelle liege, an der mein Kinderbett stand & die vorbereitenden Frühstücksgeräusche aus der Küche höre, dann weiß ich, wie gut ich es habe. Weil ich mir keine Gedanken über Weihnachtsstreit machen musste. Und ich weiß, ich wünsche mir für dieses Kind, das mit den gleichen Puppen etwas vorgespielt bekommt, die ich als Kind hatte, dass ich ihm so ein Zuhause schaffen kann. Mir wünsche ich die Kraft, nur milde zu lächeln, wenn es sich irgendwann gegen dieses Zuhause wehrt. Weil ich weiß, dass es so sein muss.

Natürlich möchte man nach ein paar Tagen wieder zurück. Dann bin ich wieder zu viel Kind. Die Vertrautheit ist so altbekannt, dass sie mich auch in Zeiten zurückversetzt, die hinter mir liegen. Aber es ist ein positiver Drang. Es ist kein Ausbrechen, kein Hinter-sich-lassen. Es ist ein Gehen zum Wiederkommen. Das eigene Leben will weitergelebt werden, mit all seinen Höhen & Tiefen.

Mein Zuhause ist nicht mehr mein Elternhaus. Es ist schon sehr lange woanders. Mein Elternhaus aber ist Teil davon.  Und ich weiß jetzt, welches Gefühl sich in mir breitmachte in diesen Tagen. Es war Dankbarkeit.

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