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Christine Hohmann-Dennhardt oder das Feigenblatt

Den Karren richtig gegen die Wand zu fahren, um ihn dann nochmal gegen die Wand zu fahren, wer schafft denn sowas? Na, die Vier-Rad-Profis von Volkswagen, Audi und Co. Die schaffen das. Christine Hohmann-Dennhardt ist auf jeden Fall raus. Ob sie aus dem Wagen gestoßen wurde oder selbst ausgestiegen ist, sich vielleicht sogar, umnebelt von rußigem Dieselqualm, mühsam durch die zusammengeschobenen Blechteile des Wolfsburger Autowracks nach draußen kämpfte – man weiß es nicht.

Die ehemalige Bundesverfassungsrichterin war schon die erste Frau im Vorstand von Daimler gewesen (und auch hier für das Aufräumen nach der Korruptionsaffäre zuständig). Bei Volkswagen sollte sie nun auch einmal feucht durchwischen. Und stieg im Januar vor einem Jahr ein, wiederum als einzige Frau im Vorstand. In Krisenzeiten nimmt man eben gern Frauen, vor allem für Compliance und Integrität oder auch mal für Personal. Es sind halt moderne Zeiten, in denen wir leben. Nur dass feucht durchwischen leider nicht reicht, wenn verklebte Strukturen mehr nach einem chemischen Peeling verlangen und die Männer sich süffisant zurücklehnen, weil sie immer noch glauben, dass sie die Putzfrau bezahlen.

Die offizielle Version des Ausscheidens der ersten Vorstandsfrau ist, dass man ihr für die Fachkompetenz dankt und den Einsatz trotzdem nach einem Jahr beendet. Um hinter vorgehaltener Hand ihre Englischkenntnisse zu bemängeln. Gut, die sind natürlich wichtig in einem Weltkonzern dieser Bedeutung. So wichtig, dass man in den Hochzeiten der Krise den Chef persönlich in die USA und damit auf die Weltbühne schickte, der sich dann beim Radiointerview um Kopf und Kragen stammelte. (Und sich seitdem, etwas von unfairer Behandlung grummelnd, schmollend in die Wolfsburger Provinz zurückzog.)

Was ist da wieder passiert, fragt man sich. Wo sich doch immer alle so einig sind bei den Treffen mit der Kanzlerin. Natürlich brauchen wir mehr Frauen in den Vorständen. Na klar, auf jeden Fall. Selbstverständlich, aber die sind so schwer zu finden. Und wenn man doch mal eine hat wie bei Volkswagen, scheint sie irgendwie nie zu passen. So drängt sich auch bei Hohmann-Dennhardt die bange Frage auf: War sie nur ein Feigenblatt? Denn mit Feigenblättern kennt sich Volkswagen besser aus als Michelangelos David.

Ein Feigenblatt war grün. Na klar, was sonst. Da hatte man bereits vergessen, dass man über die Franzosen gelacht hatte, die den Rußpartikelfilter für Diesel auf den Markt brachten. Denn jetzt war man ja selbst dank „moderner“ Diesel (natürlich mit genau diesen Partikelfiltern) Vorreiter bei den umweltfreundlichen Antrieben. Und wer einen solchen Spitzendiesel hatte, brauchte auch keinen Hybrid, E-Mobilität oder Brennstoffzellenquatsch, sollten die Japaner doch entwickeln worauf sie Lust hatten.

Heute sieht das anders aus, das grüne Feigenblatt wurde inzwischen weggerissen. Dahinter kam nur ein sehr kleiner Penis zum Vorschein, auch wenn ihm die Messgeräte immer geflissentlich 30 Zentimeter bescheinigt hatten. Schöne deutsche Ingenieurskunst („Das Auto“) war nur noch Betrugssoftware. Aber die Volksseele wurde schnell beruhigt. In Werbespots mit 70er Jahre Bully und urdeutscher Romantik wird seitdem die eigene Volksnähe als des Deutschen liebstes Kuschelauto beschworen. „Hier, habt uns doch wieder lieb, wir gehören doch zusammen.“ ruft es uns entgegen. Aber wie bei jeder hoffnungslos gescheiterten Beziehung, wird nicht einmal halbherzig versucht, das Ganze ernsthaft aufzuwärmen.  Und so lässt man, während die US-Kund*innen immerhin Entschädigung in Milliarden-Höhe erhalten, die deutsche Kundschaft mit kleiner Unterstützung des Kraftfahrtbundesamtes im Regen stehen. Vielleicht war das ja gar nicht so schlimm mit den kleinen Tricks an der Technik, heißt es dann plötzlich wieder. In Deutschland sei eben vieles anders als in den USA – offenbar nach der Vorstellung von VW insbesondere der treudoofe Kunde.

Und schließlich, und damit sind wir wieder bei Christine Hohmann-Dennhardt, ist da das Feigenblatt der Integrität und schonungslosen Aufklärung, des Wandels weg vom viel diskutierten „Schreckenssystem“ von Herrn Winterkorn (der mit der staatsanwaltschaftlichen Ermittlung) hin zu einer modernen, transparenten und innovativen Unternehmenskultur. Die sollte die frisch abgeworbene Trophäenfrau sichern, eine Chefaufräumerin, eine ehemalige Bundesrichterin mit herausragendem Ruf. Die hat man nun verabschiedet. Die Aufklärung und den Wandel vertagt. Die ursprünglich zugesagte Veröffentlichung des anwaltlichen Untersuchungsberichts abgesagt. Und es lässt sich ein kurzer Blick erahnen auf unverändert alte, sehr alte Männer in grauen Anzügen von Gnaden noch älterer Patrone wie Piëch und Porsche. Man ahnt, es braucht mehr als Lippenbekenntnisse – und mehr als eine Frau im Vorstand. Oder um es mit Peter Daniell Porsche in seinem Buch zu sagen: „Es gibt noch mehr im Leben als Autos bauen.“ Zum Beispiel Integrität und Corporate Responsibility. Manche züchten trotzdem weiter japanische Koi-Karpfen.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders. Vielleicht werden der Autorin die großen Zusammenhänge, die all dies nötig machen und die selbstverständlich über gekränkte Männeregos und den unbedingten Machtwillen, der nie verhandelbar ist, hinaus gehen, nur nicht bewusst, weil sie eben eine Frau ist. Und es geht ihr hier ein wenig wie Hohmann-Dennhardt. Es ist ja auch wirklich nichts Großes passiert. Im Gegenteil, es bleibt alles beim Alten in dieser neoliberal-testosterongeschwängerten Welt. Das nächste Feigenblatt ist schon gepflückt. Es leuchtet in frischem Grün und ein letzter Tautropfen rinnt seinen Stiehl herunter. Die Nachfolge von Hohmann-Dennhardt tritt wieder eine Frau an. Alles paletti also. Die neue Frau ist nicht nur überaus qualifiziert, sondern auch seit Jahren im Konzern, also mit dem gewünschten Stallgeruch.

Und so bleibt als letztes Geheimnis dieser gänzlich nebensächlichen kleinen Geschichte eigentlich nur noch offen, warum sie nicht gleich vor einem Jahr diesen Posten übernommen hat. Aber da muss man auch nicht so drängeln. Es geht eben in kleinen Schritten voran, für die Frauen. Und den ganzen Rest.

Foto: flickr – Wayne Stadler – CC by 2.0

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7 Kommentare

  1. Julia sagt

    Ich habe mir das Foto bei Spiegel Online angesehen, diese ganzen Männer und diese eine Frau darunter. Und nicht mal mit der kommen sie klar. Ich habe immer das Gefühl, die USA ist da weiter mit Sheryl Sandberg und so.

    • Mareike sagt

      Der Text ist sehr gut und total richtig, du auch. Wollte nur kurz anmerken, wenn man immer die USA lobt, dass es dort zwar mehr Frauen in der Wirtschaft gibt aber bedeutend weniger in der Politik als hier in Deutschland. Da kann man dann überlegen, was wichtiger ist.

  2. Katja M. sagt

    Richtig guter Text, ohne dass ich von der Sache wirklich Ahnung hätte. Aber super geschrieben.

  3. Pingback: Linkliebe № 1 - LexasLeben

  4. Christoph sagt

    Möglicherweise bin ich etwas oberflächlich, aber die Person hat für ihre kurze Zeit bei Volkswagen mehr als 12 Mio. Euro Abfindung bekommen. Neben ihrem regulären Gehalt/Aktienoptionen. Mein Mitleid hält sich da in Grenzen, egal welches Geschlecht die Person hat. Sie wird sicherlich bald wieder einen passenden Posten antreten…

    • Hey Christoph, um Mitleid geht es auch nicht, sondern um die Firmenkultur und das Geschäftsgebahren in Unternehmen wie VW. Und die spiegelt sich auch in ihren Umgang mit Frauen in den höchsten Positionen. LG, Corinne

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