Kinder & Küche
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Brechende Kinder in der Öffentlichkeit – Eine kleine Elternetiquette

Den Sommer über ist es wunderbar – warm, lange hell & weitgehend keimfrei. Dann steht der Herbst ins Haus & die Virenschleudern Kitas & Kindergärten laufen zu Hochform auf. Neue Ideen zur Vereinbarkeit von Familie & Berufsleben sind gerade sehr modern. (Natürlich immer zur  Maximierung des wirtschaftlichen Outputs: Was das kostet, die ganzen teuer ausgebildeten Frauen zu Hause.) Ich hätte da auch eine: Familienquarantäne von Oktober bis Februar. Wir isolieren die ganzen Bakterienverbreiter, am Besten gleich mitsamt ihrer nahen Angehörigen.

Ja, ja, jetzt rufen sie nach dem wirtschaftlichen Schaden. Aber hat mal jemand ausgerechnet, was es kostet, wenn Eltern, von denen ja mindestens ein kontaminierter Teil immer trotzdem & viel zu früh wieder arbeiten geht, die gesamte unschuldige Produktionskette verlässlich anstecken?

Nun tippe ich dies noch im leichten Schwächedelirium nachdem ein Magen-Darm-Virus in der vergangenen Woche unsere gesamte Kernfamilie plus Großeltern hinweggerafft hat. Der Vorschlag vermag also noch einiger Überarbeitung zu bedürfen. Und ist sowieso nur Vorrede zur kleinen Elternetiquette zu brechenden Kindern in der Öffentlichkeit.

In diesen Tagen wird das Unterwegs-sein mit Kindern nämlich gern zum kleinen Verdauungsroulette. Faktisch führt man potentiell immer eine – oder mehrere – geladene Waffen mit sich, die jederzeit – gern auch gleichzeitig – losgehen können. Sollen sich andere von Hochhäusern stürzen. Eltern haben ihre ganz eigenen Quellen für gelegentliche Adrenalinstöße.

UEBP explained 

Natürlich wird man auch hier cleverer mit der Zeit. Mein erstes Zusammentreffen mit UEBP (dem unvermittelt-eintretenden Brechproblem) war halb-öffentlich & spielte sich in den vier Wänden des eigenen Autos ab. Hier übergab sich das acht Monate alte Kind zielsicher auf sich selbst & in die zu seinen Füßen liegende geöffnete Tasche der Mutter (aus der man während einer Autofahrt ja immer irgendwas frimmeln muss). Der Weg nach Hause war nicht mehr weit, die logistische Herausforderung aber umso schwerer. Sofortige nichtteilbare Aufmerksamkeit erforderten nicht nur diverse in der Handtasche befindlichen elektronischen Geräte sowie ein besudeltes Projektdokument mit diversen Originalunterschriften, das nach Durchsicht wieder an eine Fremdperson übergeben werden musste, sondern natürlich auch das komplett vollgebrochene weinende Kind, das unbedingt auf Mamas Arm & getröstet werden wollte. Ich erspare den Leserinnen die Details, wann ich selbst an diesem Tag meine Kleidung wechseln konnte.

Das war alles noch ein Spaziergang. Denn die richtige Freude am Brechen in der Öffentlichkeit kommt erst auf, wenn man den halb-verdauten Mageninhalt des geliebten kleinen Menschleins auf der eigenen Skinny Jeans beherbergt & man sich in tatsächlich öffentlichen aber geruchstechnisch-geschlossenen Räumen wie Bussen, Bahnen oder überheizten Einkaufszentren bewegt. Denn es stinkt. Es stinkt ziemlich. Und nicht alle Umstehenden sind durch monatelanges Windelwechseln abgehärtet.

Wenn das eigene Kind dich also zielsicher in einem sozialen Faux-Pas epischer Ausmaße (nach den Blicken der Umstehenden zu urteilen) manövriert hat, dann sind diese Tipps der kleinen Elternetiquette zu beherzigen:

Was du nicht tun solltest

  1. Versuche nicht, irgendetwas aufzufangen. Dieser Impuls kann insbesondere bei in Ballsportarten gut ausgebildeten Müttern & Vätern entstehen. Geistesgegenwärtig versucht man, noch irgendetwas aufzufangen, damit es nicht den Boden berührt. Das ist bescheuert. Denn Erbrochenes kann weder gefangen noch wie beim Brennball hektisch an Umstehende weitergegeben werden. Der Schaden auf fremdem Boden ist zudem genauso hoch wie in den eigenen Händen.
  2. Versuche, direkten Augenkontakt zu vermeiden. So traurig es auch ist, es ist eigentlich selbsterklärend: du bist gerade nicht sehr beliebt. Außerdem geht es darum, sich jetzt auf die Aufgabe zu konzentrieren. Wie Frodo mit dem Ring. Am Ende werden sie es dir danken. Die Blicke, die du hier zurückbekommen wirst, würden dich nur irritieren.
  3. Versuche nicht zu fluchen, zu weinen oder zu lachen. Wenn du gut hörbar fluchst, bist du eine schlechte Mutter. Wenn du weinst, bist du eine überforderte Mutter. Wenn du lachst, bist du eine….na? Väter dürfen in ihrer Verzweiflung hingegen meistens fast alles.

Was du tun solltest

  1. Versuche, ruhig zu bleiben. Ich weiß, ich weiß. Aber trotzdem einen Versuch wert. Nur vielleicht nicht zu tief einatmen zur Beruhigung. Wegen der Dämpfe.
  2. Hilfsangebote annehmen. Wenn jemand sich vortraut & Hilfe anbietet, den Impuls diese abzulehnen, sofort weg schlucken. Wie den eigenen Brechreiz. Am Besten eine Packung Feuchttücher oder gleich das ganze Kind übergeben, äh…rüber reichen, damit man sich selbst erstmal wieder in Ordnung bringen kann.
  3. Bei den von Kollateralschäden Betroffenen entschuldigen. Kinder entwickeln nie wieder so fontäneartige Kräfte wie beim Ausspucken von grünen Essensbestandteilen & beim Erbrechen in der Öffentlichkeit. Eine einfache Entschuldigungsformel reicht hier aber völlig. Man sollte im Interesse der sozialen Ordnung zum Beispiel darauf verzichten, zu betonen, dass das kotzende Kind immerhin später einmal die Rente zahlt.

In diesem Sinne, kommt gut durch die Viren- & Bakteriensaison.

Foto: flickr – Bart – CC by 2.0

 

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